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Sechs Thesen zur Zukunft der deutschen Payment-Branche

(Bild: mirtmirt / Shutterstock)

Die deutsche Payment-Branche befindet sich derzeit im Umbruch, die Konsolidierung schreitet voran. Die folgenden sechs Thesen versuchen sich an einem Blick in die Zukunft.

Erst BS Payone (schlüpft bei Ingenico unter), dann Concardis (schlüpft bei Nets unter): In nicht mal einer Woche haben zwei der wichtigsten deutschen Zahlungsabwickler ihre Eigenständigkeit verloren. Was die beiden Deals im europäischen Kontext bedeuten, hatte Finanz-Szene.de in seinem Newsletter am Dienstag ja schon kurz skizziert: Die Konsolidierung in der europäischen Payment-Branche schreitet unaufhaltsam voran. Und die Banken spielen in diesem Prozess praktisch keine Rolle mehr.

Wie allerdings sind die beiden Deals für sich genommen zu bewerten? Sechs Thesen.

1. Die Vision eines deutschen Payment-Champions hat sich erledigt

Eine Zeitlang verfolgten die beiden US-Finanzinvestoren Bain und Advent die Idee, Concardis zum Nukleus eines mächtigen Zahlungsdienstleisters zumindest in der DACH-Region zu machen. Bei BS Payone verabschiedeten sich die Amerikaner allerdings frühzeitig aus dem Bieterrennen, auch bei der ebenfalls zum Verkauf stehenden Schweizer SIX Payment (die im Mai schließlich bei Atos Wordline landete) erlosch das Interesse. Branchenkenner sagen, dass bei Bain und Advent irgendwann im Laufe dieses Frühjahrs der Entschluss gereift sei, bei der Neuordnung des europäischen Payment-Markts die Kräfte lieber zu bündeln – und zwei mit einem weiteren US-Finanzinvestor, nämlich dem Nets-Hauptaktionär Hellman & Friedmann. Dies bot sich auch insofern an, als Bain und Advent als frühere Eigner ohnehin noch einen Minderheits-Stake an Nets hielten. Durch das Einbringen von Concardis in die neue Nets-Concardis agieren Bain/Advent und Hellman & Friedman jetzt quasi auf Augenhöhe.

2. Die Sparkassen haben sich verspekuliert – oder zumindest haben sie nicht das bekommen, was sie offiziell wollten

Als der Deutsche Sparkassenverlag (also der Eigentümer von BS Payone) im Mai vergangenen Jahres offiziell auf Investorensuche ging, war die Ansage eindeutig. Man suche ausdrücklich einen Minderheitsgesellschafter für BS Payone, hieß es – Mehrheitsübernahme unerwünscht. Gekommen ist es nun aber ganz anders. Denn Ingenico (mit der deutschen Tochter Easycash) hält künftig 52 Prozent an BS Payone/Easycash, der Sparkassenverlag hingegen nur noch 48 Prozent. Waren die Sparkassen nun besonders clever und haben durch ihre (scheinbare) Positionierung einfach nur den Preis nach oben getrieben? Oder ist das glatte Gegenteil der Fall: Haben die Sparkassen womöglich ihr Blatt überreizt? Und damit potenzielle Private-Equity-Interessenten (wie etwa Bain und Advent) frühzeitig abgeschreckt, weil die sich mit einem Minderheitsanteil eben nicht zufriedengeben wollten?

3. Der 48-Prozent-Anteil an BS Payone/Easycash ist jedenfalls weder Fisch noch Fleisch

Oder welchen Einfluss haben die deutschen Sparkassen jetzt noch auf das künftige Joint-Venture? Im Vergleich dazu wirkte das Vorgehen jenes deutschen Bankenkonsortiums, das sich im vergangenen Jahr von Concardis trennte, deutlich konsequenter – denn damals floss wenigstens echtes Geld: Bain und Advent berappten 700 Millionen Euro (wobei es auch hierzu eine differenziertere Rechnung gibt, siehe weiter unten). Wenn es bei BS Payone/Easycash hingegen überhaupt eine Cash-Komponente gegeben haben sollte, dann dürfte diese sehr überschaubar ausgefallen. Und noch eine Frage: Wenn die Sparkassen ohnehin die Kontrolle über BS Payone abgeben – wäre es dann nicht vernünftiger gewesen, sich in Ingenico-Anteilen bezahlen zu lassen (so hat es der Six-Konzern nämlich bei Atos gemacht)?

4. Bei der künftigen BS Payone/Easycash dürfte es zu vielen Reibereien kommen

In dem neuen Konstrukt wimmelt es vor doppelten Strukturen. So unterhalten sowohl die alte B+S Card Service als auch Easycash in Deutschland je eigene Netzbetriebsplattformen. Die alte Payone wiederum (die 2017 von B+S übernommen wurde und auf die Abwicklung von Online-Payment-Transaktionen spezialisiert ist) verfolgt das gleiche Geschäftsmodell wie die Ingenico-Tochter Ogone. Und noch eine pikante Randnotiz: Große Retailer hierzulande schätzen Ingenico/Easycash für deren OLV-Lastschrift-Verfahren. Das allerdings steht in Konkurrenz zur Girocard, dem Lieblingsprodukt der deutschen Banken und Sparkassen.

5. Der Bad Vilbeler Zahlungsabwickler Telecash (beziehungsweise die US-Mutter First Data) steht jetzt im deutschen Markt ziemlich allein da

Denn, zur Erinnerung, auch First Data hatte nach BS Payone gegriffen, dann aber im letzten Moment gegenüber Easycash das Nachsehen. Wird Telecash jetzt selber zum Übernahmekandidaten? Und wenn ja, wer käme als Käufer infrage? Ingenico aus kartellrechtlichen Gründen eher nicht. Aber vielleicht Nets/Concardis?

6. So oder so dürften Bain und Advent ihren Schnitt gemacht haben

Im Markt heißt es, Concardis könnte zu einer Bewertung von rund einer Milliarde Euro in die Liaison mit Nets eingetreten sein. Und als Ausgangspunkt müsse man nicht die 700 Millionen Euro nehmen, zu denen die Banken Concardis offiziell verkauften. Sondern eher einen Wert von etwa 550 Millionen Euro (unter anderem weil sich in der Concardis beim Verkauf 2017 noch Cash befunden hätte).

Der Artikel erschien zuerst bei Finanz-Szene.de.

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