Kolumne

Warum ich Snapchat als Rückschritt betrachte [Kolumne]

Einst hat sich das offene World Wide Web gegen proprietäre Dienste wie AOL und Compuserve durchgesetzt. Doch es wird zurückgedrängt – zum Beispiel durch Snapchat.

Das Wissen darum, was das World Wide Web (WWW) bei seiner Entstehung so wunderbar gemacht hat, ist heute nicht mehr weit verbreitet. Als es Anfang der 1990er Jahre zunächst als Netzwerk zum Austausch von Informationen samt Grafiken für Forscher als ein Dienst des offenen Internets entstand, konkurrierte es schnell mit geschlossenen, kommerziellen Online-Diensten.

Nutzer des Online-Dienstes AOL beispielsweise hatten zwar eine E-Mail-Adresse als Teil des offenen Internets und konnten sich darüber mit Nutzern des Online-Dienstes Compuserve austauschen. Doch die speziellen Online-Foren von AOL und Compuserve konnten nur die jeweiligen Nutzer der Dienste sehen – ohne Verbindung nach außen, ins offene Internet. Das offene System WWW hat sich schließlich jedoch gegen die geschlossenen Online-Plattformen wie AOL oder Compuserve in den USA oder BTX und Minitel in Europa durchgesetzt.

Kennzeichen des WWW ist eine gemeinsame Entwicklung von Standards in offenen Gremien wie dem W3 Consortium. Das macht manche Entwicklung langsamer, aber keine einzelne Organisation oder ein Unternehmen gibt den Ton an. Und jeder, der an das Netz angebunden ist, kann auch Informationen bereitstellen – und zwar auf jede Art, die ihm beliebt.

Geschlossene Plattformen drängen das offene Web an den Rand

Doch schon seit einigen Jahren sind geschlossene Plattformen wieder auf dem Vormarsch. Facebook begann als WWW-Seite mit Passwortzugang – und damit sozusagen als geschlossene Plattform, die auf der offenen Plattform WWW aufsetzt. Mit der eigenen Facebook-App auf Smartphones benötigt diese Plattform das Web nicht einmal mehr zwingend als Basis.

Doch Facebook war immer noch mit dem offenen Web verzahnt. Die Nutzer konnten Links nach außen setzen. Öffentliche Inhalte von Facebook konnten über die Websuche von Google gefunden und über das Web aufgerufen werden.

Der Aufstieg von Snapchat dagegen setzt die „Appisierung“ des Netzes weiter fort: Snapchat ist nur noch App – und damit eine komplett geschlossene Plattform unter völliger Kontrolle eines Unternehmens. Um Inhalte aufrufen zu können, ist die App zwingend erforderlich – Snapchat-Nutzer kommunizieren untereinander, aber niemals nach außen. Der Link hat ausgedient, es werden Videos und Fotos genutzt. Snapchat ist damit AOL oder Compuserve in neuem Gewand: eine geschlossene Gesellschaft.

Mehr zum Thema: Die unglaublichen Snapchat-Preise: Was eine Anzeige in der App kostet

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Ein Kommentar
Stefan Bühler

Kann dem Artikel nur zustimmen! Für die private Nutzung mag das ja auch noch in Ordnung sein, auch wenn ich kein großer Fan davon bin. Kritischer sehe ich es in der professionellen Nutzung, z.B. zu Marketingzwecken, da sämtliche Inhalte (ausser man teilt Screenshots etc.) auf der jeweiligen Plattform bleiben.

Leider ist das ja gerade großer Trend bei vielen „Social-Media-Beratern“, am Besten jeder Firma einen Snapchat Account einrichten. Kann man zwar nicht gut weiter verbreiten, ist vielleicht auch die falsche Zielgruppe, aber jedes weitere Netzwerk muss ja geil sein…

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