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Reportage

Snapchat-Selbstversuch: Wie mich eine App fast in den Wahnsinn trieb

(Foto: t3n.de) 

Einen Monat teste ich Snapchat und filme meinen Alltag. Vom Burgeressen bis zur CrossFit Session.

Snapchat, ein modernes Videotagebuch? Pünktlich zum Start meiner Reportage knacke ich meinen Snapscore von 1.000 – jetzt fühle ich mich für die nächsten 30 Tage gewappnet. Ich starte den Selbstversuch, einen Monat lang jeden Tag zu snappen. Ich will wissen was der „Clue“ der App ist, wie ich es schaffe, sie in meinen Alltag zu integrieren und wie sie sich am Ende auf meine Persönlichkeit und mein Umfeld auswirkt.

Lasst das Snappen beginnen

„Oh Gott, was ist das denn?“, denke ich mir schon am zweiten Tag meiner Snapchat-Reportage. Nachdem t3n einen Post mit meinem Snapcode veröffentlicht hat, steigt die Zahl meiner Follower von 40 auf circa 150 – ab 100 fällt mir das manuelle Zählen sichtlich schwer. Danke, Snapchat, für dieses fehlende, aber in meinen Augen äußerst wichtige UI-Element.

Eigentlich denke ich, ich würde bereits alle Snapchat-Funktionen kennen und sei bestens auf die kommenden 30 Tage vorbereitet. Während ich auf der Developer Week in Nürnberg eifrig snappe, merke ich jedoch erst nach den ersten 20 Snaps, dass meine Story privat ist. Inzwischen kann jeder zugucken.

Gerade als es anfängt, Spaß zu machen und ich die Technik im Griff habe, erreichen mich die ersten bemerkenswerten Snaps meiner Follower. Von mindestens genauso interessanten Fotos bis zu Fragen nach einem persönlichen Kennenlernen: „Ich bin gerade in der Nähe, Lust auf ein Treffen?“

Ich denke mir nur „creepy“, und wohl ist mir bei der ganzen Sache auch nicht mehr. Sich so extrem gläsern zu geben ist mir neu. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, schüchtern auch nicht, aber sich so offensichtlich im Internet zu präsentieren verlangt eine Extra-Portion Selbstbewusstsein. Ich fange also an, weniger Wert auf die Meinung anderer zu legen. Einen kurzen Augenblick frage ich mich, ob ich dadurch vielleicht „abhebe“ und übermütig werde?

Mein iPhone wird schließlich zu meinem Seelenklempner. Egal was passiert, wohin ich gehe oder wie ich mich fühle, ich erzähle es meinem iPhone und teile es im Internet. Dazu kommen die fragwürdigen Blicke meiner Mitmenschen, die ich aber schnell auszublenden lerne, und kritische Kommentare nehme ich mit Humor.

Setzte ich gerade mein Leben aufs Spiel?

(Foto: t3n)
(Foto: t3n)

„Oh! Das muss ich snappen!“, hört man nur noch von mir und sieht, wie ich mein Handy aus der Tasche ziehe. Ich unterbreche meine Arbeit und Gespräche mit Freunden oder fahre mit dem Fahrrad an die Seite und versuche den einen „Snap-Moment“ nicht zu verpassen.

Bis ich selbst in einen Unfall verwickelt bin. Ich bin Zeuge eines Zusammenpralls zweier Autos. Kurz überlege ich, mich und die Situation zu snappen. Allerdings bin ich selbst zu geschockt, und wohl noch zu wenig abgestumpft, um in solchen Momenten das Handy zu ziehen. Ich möchte hier erwähnen, dass es ausschließlich um das Filmen meiner Gefühle und Gedanken geht. Alles andere hat in einem „modernen Videotagebuch“ nichts zu suchen.

Egal ob ich bei strömendem Regen im Stau stehe oder ich über eine Landstraße fahre, ich finde immer einen Grund, um den Moment auf Snapchat zu teilen. Die Sucht nach den perfekten Snaps gehört wohl zu den Schattenseiten der App.

Halbzeit

Gibt mir mehr Zeit! Die Bahn zu verpassen wird zum Standard – ein Glück habe ich Gleitzeit –, mein Zeitmanagement wird zur Katastrophe und meine Konzentration hat den Tiefpunkt erreicht.

Wann hat das endlich ein Ende? Mit der Zeit bin ich vom Gesnappe mehr genervt als meine Freunde, Familie oder Kollegen es sind. Es wird langsam zur Herausforderung, aktiv an Gesprächen teilzunehmen, nebenbei keinen wertvollen „Snap-Moment“ zu verpassen und diesen dann während des Gespräches aufzubereiten. Immer öfter werde ich nach einem Zwischenfazit gefragt. Das Einzige was ich sage, ist „Frag nicht... ". Die Verpflichtung wird immer nerviger. Auch nachdem ich die Hälfte bereits geschafft habe, sehne ich mich immer noch nach einem Abbruch des Experiments.

Wären da nicht immer wieder die Screenshots von meinen Followern. Screenshots, bei denen es um alles andere als Sinn geht – Selfies, Videos oder auch Bilder von meinen Hunden. Einerseits will ich gar nicht wissen wofür sie am Ende verwendet werden, andererseits wäre es vielleicht etwas beruhigender. Wer weiß, vielleicht finde ich mich eines Tages im Internet wieder. Oft ist mir unwohl in solchen Momenten, besonders wenn der Snapscore solcher Leute unter 10 liegt.

Die schönen Seiten

(Foto: t3n)
(Foto: t3n)

Nachdem ich anfangs sehr skeptisch und genervt war, bin ich am Ende doch positiv überrascht und habe Spaß am Snappen. Ich bin erstaunt, wie positiv die Leute, sowohl meine Follower als auch Mitmenschen, auf meine Snaps reagieren, und mit wie vielen ein regelmäßiger Kontakt entsteht – auch wenn mir zu Anfang etwas mulmig ist, schließlich weiß man nie, wer wirklich dahintersteckt. Die Gespräche, die auf Snapchat stattfinden, kommen mit einer anderen Intention als auf Netzwerken wie Facebook und Instagram. Das liegt wohl zum einen an der privaten Konversation und zum anderen am flüchtigen Content.

Wo meine Eltern wahrscheinlich nur mit dem Kopf schütteln würden, bin ich überrascht von der Followerkraft auf Snapchat. Vor allem bei professionellen Bloggern beobachte ich immer wieder, wie nach Meinung und Unterstützung der Follower gefragt wird  – was am Ende nichts anderes als eine Frage bei Twitter oder Facebook ist.

Fazit

Ich habe genau 650 Snaps in einem Monat gemacht und ganze sieben Gigabyte verbraucht. Sicher ist da noch Potential nach oben, dann würde ich aber gerne auf einen Halbtagsjob umsteigen. Ob ich so exzessiv weiter snappen würde? Nein, auf keinen Fall. Es beansprucht mir einfach zu viel Zeit. Dazu kommt, dass Snapchat das perfekte Tool zum Stalken ist. Gerade bei jemandem wie mir, die jeden Schritt snappt, ist es keine Kunst, herauszufinden wann ich mich wohin bewege, wo ich wohne, Sport mache und arbeite. Genau diese Offenheit und Leichtsinnigkeit gegenüber dem Internet bringt das Selbstbewusstsein auf ein ganz anderes Level.

Obwohl ich in der Materie bin, weiß wie Snapchat funktioniert und es schon zu meinem Alltag gehört, ist mir das Snappen zu zeitraubend. Eine aktive Teilnahme an Gesprächen oder einfachen Alltagssituationen ist – nach meiner Erfahrung – kaum noch möglich. Dazu kommt, dass ich sowieso schon von „Foodgrafie“ und der ständigen Smartphone-Präsenz genervt bin. An manchen Tagen oder in bestimmten Situationen sind Smartphones einfach unangebracht, und dazu zählt besonders die Nutzung von Snapchat – es ist eben nicht mit einem Foto getan.

Ich ziehe den Hut vor vielen Bloggern, die ausdauernd snappen. Was nach außen hin nach einem tollem Lifestyle aussieht, ist eine Menge Arbeit. Professionell zu bloggen ist kein Hobby, sondern ein Vollzeitjob. Es ist also kein Wunder, dass viele Blogger Studenten sind oder inzwischen von den sozialen Medien leben können. Mit einem Snap hier und da ist es leider nicht getan. Es folgen Posts auf dem eigenen Blog, Twitter, Facebook und Instagram. Und in der Regel unterscheidet sich der Content auf den jeweiligen Plattformen enorm, weshalb er nicht immer einfach wiederverwendet werden kann.

Du hast mir nicht gefolgt? Hier sind einige Bilder, die zeigen wie das Ganze aussah.
(Foto: t3n.de)

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4 Reaktionen
Sebastian

Ihr habt euch euren mobilen Slider aber schon mal angeschaut, oder?!

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Jessy Kösterke

Hi Sebastian, meinst du den nicht vollständigen "Zur Galerie"-Button? Das Problem ist bereits in Arbeit. Ansonsten sieht es bei mir (iOS) gut aus. Grüße, Jes.

Antworten
Sebastian

Hi Jessy, also bei mir (iOS 8.1.3. - iPhone 5s) ist der Slider nur bedingt gut nutzbar. Ich schick Dir gern Screenshots wenn du mich per Mail anschreibst.

markus_a

Mir ist durch die viel zu "hellen" dezenten Pfeile gar nicht aufgefallen, dass dort ein Slider ist.

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