Kommentar

Social-Media-Trick 17: Der „Du musst nur an dich glauben“-Mythos

Viraler Tweet: Stefani Germanotta wurde zu Lady Gaga – trotz der Hater. (Screenshot: twitter.com/majdgeorge98)

Mehr als 500.000 Likes erhält ein Tweet über den Aufstieg von Lady Gaga vom Mobbing-Opfer zum Hollywood-Star. Die Message: Man müsse nur an sich glauben. Ein typischer Social-Media-Trick.

Hin und wieder geht am Social-Media-Himmel ein kleiner Stern der Gerechtigkeit auf. Dann zeigt das Universum, dass es eigentlich gut und fair ist und solide Grundsätze hat wie: „Du musst nur an dich glauben“, „folge deinem Herzen“ – und am Ende gewinnen natürlich die Verlierer von damals.

Gerade zog so eine Sternschnuppe der Gerechtigkeit wieder über Twitter. Eine Nutzerin hatte irgendwo eine Facebook-Gruppe ausgegraben mit dem Titel „Stefani Germanotta, du wirst niemals berühmt sein“. Eine missgünstige Mobbing-Gruppe aus Stefani Germanottas Uni-Zeit, anscheinend. Stefani Germanotta wurde damals „the Germ“ genannt, „die Bazille“.

Jetzt kennt man Stefani Germanotta eher als Lady Gaga. Die Lady Gaga, die gerade einen Oscar bekommen hat, und ihn jetzt zu ihren neun Grammy Awards, den drei Brit Awards und den zwei Golden Globes ins Regal stellt.

Das Aschenputtel des Internets

Der Tweet – eine Geschichte von Missgunst, trotzigem Glauben und absolutem Ruhm – fühlt sich an, wie eine lang vernachlässigte Zimmerpflanze zu gießen. Aah, gut.

Ziemlich genau 500.000 Twitter-Lesern geht das so: Aah, gut. Die Gerechtigkeit des Universums hat wieder zugeschlagen. „Ich frage mich, wie die zwölf Mitglieder der Gruppe sich jetzt fühlen. Sie lagen nicht nur falsch, sie waren ja auch so gemein“, schreibt eine von ihnen (12.000 Likes). „Ein gut gelebtes Leben ist die beste Rache“, schreibt jemand anderes.

Das Problem an der Geschichte ist nur: Es ist ein Märchen. Ein sehr beliebtes Märchen. Das Aschenputtel des Internets, gewissermaßen: Mauerblümchen steigt zur Königin auf.

Irgendwie scheinen wir Menschen eine Sehnsucht nach genau dieser Erzählung zu haben, denn sie ist überall: In Memes („Es scheint immer unmöglich, bis es getan wird“ – Nelson Mandela), in dem „Garagen-Gründungs-Mythos“ und in der Werbung des größten Sportartikelherstellers der Welt: Nike scheint eine Verkaufsstrategie daraus gemacht zu haben, mit Leuten wie Colin Kaepernick und Serena Williams Werbevideos aufzunehmen.

Versteht mich nicht falsch, ich steh auch auf diese Videos und Geschichten. Mir kommen dabei die Tränen. Wie wahrscheinlich 28 Millionen anderen Youtube-Zuschauern. Leider ist sowas in der Realität die absolute Ausnahme.

Kontakte, Geld, Privilegien – und das am besten von Anfang an

Natürlich sind Olympia, Hollywood und vor allem Startups ohne verrückte Träume kaum denkbar. Aber was man noch mehr braucht sind: Kontakte und Geld – und das am besten von Anfang an.

Auch in der deutschen Startup-Branche (wir sind ja schließlich ein Tech-Magazin) fällt auf: Es tummeln sich erstaunlich viele Herren und Damen von und zu in den Garagen der Disrupter. Und wenn man auf Konferenzen und neben der Bühne bei einem Pitch mal nachfragt: Es ist eigentlich auch nicht mehr die Garage, in der man sich als Startup-Gründer so rumtreibt, es ist eher die exklusive Business-School. Den Samwer-Brüdern – man will ihnen den Erfolg nicht madig machen – schadete es bestimmt auch nicht, dass schon der Uropa Jura-Professor war. In Preußen.

Die reichsten Familien in Florenz heute sind übrigens dieselben reichsten Familien wie im Jahr 1427, wie zwei Forscher der Banca d’Italia vor zwei Jahren in einer Studie feststellten.

Weit ausgeholt. Mein Punkt ist der: Ich wünschte, es wäre anders. Aber meist ist „du musst nur an dich glauben“ nur ein gut klickendes Märchen. Und einzelne „vom Tellerwäscher zum Startup-Billionär“-Stories ändern daran nichts. Ausnahmen bestätigen die Regel. So lange, bis sich die Regeln ändern.

Übrigens: Beim genaueren Hinschauen ist nicht einmal klar, ob die „Stefani Germanotta, du wirst niemals berühmt sein“-Facebook-Gruppe das digitale Relikt ist, als das sie sich ausgibt. Das College-Foto, das die Gruppe so authentisch wirken lässt, geistert jedenfalls schon seit 2011 durch das Netz. Und das letzte mal wurde das Profilbild der Facebook-Gruppe mit dem Schriftzug: „Talentiert? Nein“ im Januar 2016 aktualisiert. Da hatte Germanotta aka Gaga schon 27 Millionen Alben und 146 Millionen Singles verkauft.

Aber – well played – die Story zieht ja immer.

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2 Kommentare
Mark Balkens-Knurre
Mark Balkens-Knurre

Auch, wenn ich oft deiner Meinung bin, gefällt mir der pessimistische Tenor des Kommentars überhaupt nicht. Ja, natürlich funktionieren emotionale und emotionalisierende Themen und gleich nach Baby- und Katzencontent kommen Erfolgsgeschichten vom Underdog. David gegen Goliath wird seitdem in sämtlichen Variationen neu interpretiert.
Als du im Kommentar das Kernthema verlassen hast und dich darauf eingeschossen hast, dass nur Erfolg hat, wer aus einer erfolgreichen Familie kommt, war’s dann bei mir ganz vorbei. Sollen deshalb alle, das machen, was ihre Eltern gemacht haben? Soll ich damit aufhören, nach meinen Zielen zu streben, weil nur Ausnahmen Erfolg haben?
Beispiel aus Florenz: So what?! Gibt anscheinend auch genügend Städte, in denen es anders ist. In dem Fall ist Florenz die Ausnahme.

Danke fürs Durschlesen.

Euer Mark

Antworten
David
David

Vor allem das „erfolgreich, weil schon der Uropa Jura-Professor war“-Beispiel ist doch sehr an den Haaren herbeigezogen. Da entdecke ich überhaupt keinen Zusammenhang, den Uropa haben sie vermutlich nie kennengelernt und reich wird man als Jura-Professor vermutlich auch nicht und selbst wenn, ob davon 3 Generationen später noch was übrig war, ist fraglich. (Dass der Vater Anwalt war/ist, sagt mMn viel mehr über den „leichteren“ Start der beiden aus als der Uropa. Aus Preußen!!! Was auch immer das aussagen soll.)
Generell stimme ich aber zu, dass man diese ganzen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Stories mit Vorsicht genießen sollte und die meisten davon zumindest teilweise erfunden oder beschönigt sind

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