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Digitalgipfel im Tesla: Was diese 7 Szeneköpfe im Changerider zu sagen hatten

(Screenshot: Youtube)

Philipp Depiereux hat den Changerider drei Tage vor dem Hotel Adlon in Berlin geparkt, um sich mit Gästen des SZ-Wirtschaftsgipfels über die Digitalszene und die deutsche Wirtschaft auszutauschen. Das kam dabei heraus.

Beim SZ-Wirtschaftsgipfel kommen alljährlich die Gestalter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen, und „Triff die Gestalter der Zukunft“ ist auch das Motto des Changerider. Daher hat Philipp Depiereux den Tesla drei Tage vor dem Hotel Adlon in Berlin geparkt, um sich mit 23 Experten der Digitalszene und deutschen Wirtschaft auszutauschen. Die erste Folge dieser Reihe beschäftigte sich mit dem Thema „Der Mensch im Wandel“. In Folge 2 nehmen sieben Gäste auf dem Beifahrersitz Platz. Die Themen waren genauso spannend wie vielfältig: Datenschutz und Big Data, die Zukunft der Finanzbranche und die Parallelen zwischen Poker und Business.

Der Profi-Pokerspieler von der Elite-Wirtschaftsschule WHU

Jan Heitmann ist professioneller Pokerspieler – 20 Jahre lang hat er damit sein Geld verdient. Er kommt eigentlich aus einer Unternehmerfamilie und hat BWL an der Elite-Wirtschaftshochschule WHU studiert. Seine Freunde sind alle Investmentbanker oder Unternehmensberater geworden, für ihn „war das aber nichts“. Stattdessen reiste er nach seinem Diplom durch Europa: „Der Plan war: Wenn ich pleite gehe, dann komm ich nach Hause und such mir einen Job. Der Plan ist komplett schief gegangen. 15 Jahre später und die Reise dauert noch an.“ Heute ist Heitmann nicht nur TV-Kommentator und Sportvorstand des Deutschen Poker Sportbunds. Als Keynote Speaker überträgt er Pokerkonzepte auch auf unternehmerische Entscheidungen, zieht Parallelen zwischen Poker und Business.

Ein wichtiger Aspekt ist aus seiner Sicht die Denkphilosophie, das richtige Mindset: „Pokerspielern sind Resultate egal. Es geht nicht ums Gewinnen. Natürlich ist es so, wenn du im Poker und im Business erfolgreich sein willst, dann musst du Gewinne produzieren. Aber das ist ein subtiler, aber sehr klarer und wichtiger Unterschied. Gewinnen heißt nämlich, dass du am Dienstagabend unzufrieden bist, wenn du mit Minus nach Hause gehst und zufrieden bist, wenn du mit Plus nach Hause kommst.“ Die kurzfristigen Resultate würden stark durch den Zufall, in dem Fall die Karten, beeinflusst werden. Es sei also wie im echten Leben: „Gerade im Startup-Bereich: Du kannst drei Monate auf etwas hinarbeiten. Und jetzt passiert irgendwas in der Weltgeschichte, auf das du überhaupt keinen Einfluss hast, und dann steht am Ende ein schlechtes Resultat. Aber die Entscheidungen, die dazu geführt haben, die waren vielleicht sogar richtig gut. In jedem Resultat, das wir beobachten, ist eine gewisse Kausalität: die Entscheidungen, die dazu geführt haben und eine ganze Menge ‚Random Shit‘ – Sachen, die einfach passieren, die keiner vorhersehen und beeinflussen konnte.“ Und bei allen Unsicherheiten, seien es Entscheidungen im Job oder Privatleben, ist eines zu berücksichtigen: „Gute Pokerspieler konzentrieren sich allein auf die Entscheidung, das heißt: Ich fühle mich erst dann schlecht, wenn ich schlechte Entscheidungen getroffen habe, die ich zum Entscheidungszeitpunkt eigentlich besser wusste.“

Doch auch, wenn man mal eine schlechte Entscheidung getroffen hat, gilt im Business dasselbe wie im Poker: „Das Spiel geht weiter. Und Quartalszahlen sind eigentlich nur Steuerungselemente, aber das ist ja kein Endziel. Schlechte Unternehmen behandeln sie nur gerne so.“

„Heute mein Wettbewerber, morgen mein Partner, übermorgen mein Kunde“

Auch Marika Lulay weiß, wie schwer Entscheidungen sein können – in Zeiten der Digitalisierung wandelt sich nicht nur der Markt täglich, sondern auch die Kundenansprüche und Veränderungen lassen sich nicht leicht vorhersagen. Sie ist seit zwei Jahren CEO von GFT Technologies, einem Finanzdienstleister, der als globaler Technologiepartner für die digitale Transformation im Finanzsektor agiert. Sie bestätigt, dass die Finanzbranche unter starkem Druck steht, nicht nur infolge der Finanzmarktkrise, sondern auch durch die niedrigen Zinsen und die zunehmende Regulatorik. Umso wichtiger sei es, sich die Frage zu stellen, was man mit Technologie besser machen könne: „Es ist ein permanenter Balanceakt zwischen Bewahren und Erneuern, zwischen Ausprobieren und ‚ich darf dann mal einen Fehler machen, aber – um Gottes Willen – ich kann nicht meine ganze Firma vor die Wand fahren, das geht natürlich nicht.‘ Im Englischen unterscheidet man so schön zwischen Failure und Screw-up: Wo sterbe ich und wo habe ich mal einen kleinen blauen Fleck?“

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei aber auch das Thema Ökosystem: „Die Idee, dass man alles alleine kann, ist out. Es gibt viele Möglichkeiten wie Co-Innovation, bei der man zusammen mit Startups an neuen, innovativen Lösungen arbeitet. Wir kooperieren auch mit unseren Kunden und machen Dinge gemeinsam.“ Als „emotional schwierig“ bezeichnet sie es hingegen, mit Wettbewerbern zu kooperieren, vor allem, wenn man mit diesen in einer Region kooperiert und in einer anderen in Konkurrenz steht. Das ist Lulay zufolge die größte Herausforderung. Nichtsdestotrotz: „Diese Idee wie früher, dass da mein Kunde, da mein Wettbewerber, da mein Partner ist – und das schön getrennt ist – gibt es so nicht mehr. Das wechselt fließend. Ich glaube wir müssen heute lernen, damit klarzukommen: Ich spreche heute mit jemandem, der heute mein Wettbewerber ist, morgen mein Partner, übermorgen mein Kunde – und zurück.“

„Wenn man auf die Automobil- oder Bankenbranche schaut: Man ist immer nur getrieben, man ist nicht Treiber dieses Wandels“

Doch wie kann man in der Finanzbranche innovativ genug sein, um Plattformen wie Apple Pay oder Google Pay standzuhalten? Karl Matthäus Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Quirin Privatbank, ist mit den Missständen in der Branche bestens vertraut: „Man ist immer nur getrieben, man ist nicht Treiber dieses Wandels.“ Die Branche sei in einem schlechten Zustand, zumal jahrzehntelang nur auf den Shareholder-Value – also die Maximierung des Aktionärsnutzens – geachtet wurde: „Kundenorientierung hatte man nicht und jetzt rennt man der Entwicklung hinterher.“ Schmidt fordert daher mehr unternehmerischen Mut: „Unser Ziel war es, den Kunden mit seinen Interessen wieder in den Vordergrund zu stellen.“ In der klassischen Bank sei es so, dass der Berater in Wahrheit ein Verkäufer sei, der auch von den Produktherstellern bezahlt wird. „Der erzählt dem Kunden nichts Unabhängiges, im Geiste hat der eigentlich nur seinen eigenen Vorteil im Kopf.“ Bei der Quirin Privatbank werden die Berater ausschließlich vom Kunden gezahlt: „Wir können wirklich unabhängigen Rat geben, was beim Thema Finanzen, wo das Vertrauen eine große Rolle spielt, ein ganz wichtiger Schritt ist.“

„Wir brauchen mehr Experimente“

Doch was nützen all die Technologien und Innovationen, wenn wir nicht schon beim Thema Bildung ansetzen und dort den richtigen Grundstein legen? Über diese Frage diskutiert Philipp Depiereux mit Fabian Kienbaum, Chief-Empowerment-Officer bei der Personalberatung Kienbaum Consultants. „Die Inhalte, die wir aus der Vergangenheit kennen und heute vermitteln, sind nicht mehr diejenigen, die wir für die Zukunft brauchen, damit sie uns befähigen.“ Kienbaum wünscht sich daher folgendes: „Wir brauchen – wie im Unternehmenskontext – Labore. Wir müssen mal etwas ausprobieren, gewisse Dinge neu machen.“ Es gäbe auch schon gute Beispiele von Schulen, aus denen man einiges gelernt hätte und dies übertragen könne. „Wir brauchen aber eine zentrale Bewegung. Wenn wir im Kleinen bleiben und jeder für sich etwas ausprobiert, bringt uns das nicht nach vorne. Der Wettbewerb ist global.“

Philipp Depiereux ergänzt das „Train the Trainer“-Prinzip: „Wir müssen erstmal die Lehrer fit für die Digitalisierung machen, bevor wir die Kinder fit machen.“ Noch wichtiger ist Kienbaum aber folgendes: „Was müssen die Kinder eigentlich lernen? Das ist Sozialkompetenz, das ist Empathie und Kommunikation. Das ist das, was eigentlich sowohl in unseren Schulsystemen als auch in unseren weiterführenden Schulen, Universitäten und Fachhochschulen zu wenig oder gar nicht gelehrt wird. Und das ist das, was Maschinen die nächsten Jahrzehnte natürlich eher nicht können werden.“ Genau darauf müsse im System gesetzt werden. „Und das System kann man wahrscheinlich nur so ändern, wie du eben vorgeschlagen hast: Dass man es erstmal austestet, zeigt es geht und dann versucht, den großen Tanker zu wenden.“

„99 Prozent aller Daten sind in den letzten 2 Jahren entstanden“

Ein emotionales Thema ist – nicht erst seit der Einführung der europäischen Datenschutzrichtlinie DSGVO – der Umgang mit Daten. Wenn es um das Thema Datenschutz geht, haben noch zu viele Bürger das Gefühl, in unklaren Gewässern zu schwimmen. Auch auf dem SZ-Gipfel wurde das Thema stark diskutiert. Datenschutzgrundverordnung – Fluch oder Segen? „Ich glaube es ist schon ein ‚Pain‘. Aber es bringt die Unternehmen dazu Ordnung zu schaffen“, so Lisa Gradow, Co-Founder und CMO bei Usercentrics, die sie vor eineinhalb Jahren mit Freunden gründete. Dabei handelt es sich um eine Datenschutzsoftware, genauer gesagt eine Einwilligungs-Management-Plattform: „Wir machen die Webseite DSGVO-konform.“ Die Gründerin betont: „Unternehmen, die akzeptieren, dass die DSGVO nicht für die Unternehmen gemacht ist, sondern für die User, werden am Ende die Gewinner sein. Das heißt gar nicht, dass es die Daten in Zukunft nicht mehr gibt oder, dass diese nicht mehr gesammelt werden dürfen. Es geht einzig und allein darum, dass der User mehr Transparenz und Kontrolle über seine Daten haben will.“

Auch für die Wirtschaft hätte die DSGVO Vorteile: „Es werden immer mehr Daten und 99 Prozent aller Daten, die es auf der Welt gibt, sind in den letzten zwei Jahren entstanden. Und wenn es so weitergeht und wir diesen Daten-Salat haben, dann sitzen wir irgendwann auf Massen von Big-Big-Big-Data, über die wir gar keine Transparenz haben.“

Marit Hansen, Informatikerin und seit 2015 Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein, teilt diese Auffassung: „Interessanterweise kriegen wir gar nicht nur Gegenwind aus der Wirtschaft, viele sagen: ‚Endlich habe ich die Chance, meine Prozesse aufzuräumen, mich zu verbessern und überhaupt zu wissen, was bei mir eigentlich läuft.‘ Ohne das kann man professionell ja gar nicht arbeiten.“ Wird Deutschland vielleicht sogar zum Paradebeispiel, wenn es um Datenschutz geht? „Insgesamt scheint es so zu sein, dass sogar außerhalb von Europa genau die Datenschutzgrundverordnung angelegt wird. Es wird zu einem Weltstandard.“

Weitere spannende Themen bei dieser Changerider-Folge: Christian Kobler, Gründungspartner und CFO von For Futura Invest, plädiert für eine „aktive Auseinandersetzung“ mit dem Thema Digitalisierung sowie ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Marika Lulay äußert sich zum Thema Diversity und erläutert, warum sie strikt gegen eine Frauenquote ist: „50 Prozent der Menschheit zu ignorieren, weil sie Frauen sind, halte ich persönlich für komplett schwachsinnig und Unternehmen, die dafür eine Quote brauchen, dass sie sich nicht schwachsinnig verhalten, damit habe ich ein Problem.“ Außerdem offenbart Pokerspieler Jan Heitmann im weiteren Gespräch seine größte Scheiter-Geschichte – und wie er damit umgegangen ist. Es lohnt sich also, den Podcast zu hören.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer! Diese und alle weiteren Folgen sind als Video oder ausführliche Gespräche im Podcast bei iTunes, Soundcloud und Spotify verfügbar.

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