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Startups

Superbowl statt Börsenparkett: Wie Squarespace von einer One-Man-Show zum Millionen-Startup wurde

Squarespace-Gründer Anthony Casalena. (Quelle: Inc.com)

Andere hätten die Firma wohl längst aufs Börsenparkett geschubst. Anthony Casalena aber, CEO des erfolgreichen US-Startups Squarespace, hat anderes im Kopf: Er wirbt für sein Produkt lieber in der Halbzeit des Superbowls. Und überhaupt bleibt die Geschichte hinter dem beliebtesten Arbeitgeber New Yorks im Gedächtnis. Ein Portrait von Daniel Hüfner.

Sonntag, 2. Februar 2014, MetLife Stadium, New Jersey. Es ist Halbzeit im Super Bowl zwischen den Seattle Seahawks und Denver Broncos. Das heißt: Showtime! Es beginnt das Schaulaufen führender Brands und Großkonzerne. Coca-Cola, Audi, Budweiser, Microsoft, Samsung. Vier Millionen US-Dollar zahlen sie im Schnitt für den schnellen Clip. 30 Sekunden. 800 Millionen Menschen schauen weltweit zu.

Ob sich Anthony Casalena letztlich unter die 80.000 Zuschauer auf der Tribüne gemischt oder doch nur vor dem TV zugeschaltet hat, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Doch eines ist sicher: Er ist einer von ihnen. Denn auch er hat einen Spot gebucht. Casalena aber wird nicht für Zuckerwasser werben, auch nicht für einen Sportwagen Made in Germany oder ein High-Tech-Smartphone mit Fingerabdruck.

Sondern für seinen Homepage-Baukasten.

Squarespace: Ein Homepage-Baukasten wird zum Erfolg

Squarespace-Gründer und CEO Anthony Casalena. (Quelle: Inc.com)
Squarespace-Gründer und CEO Anthony Casalena. (Quelle: Inc.com)

Anthony Casalena ist Gründer und CEO von Squarespace, einem Startup aus New York, das einen Homepage-Baukasten verkauft. Ja, das klingt erst einmal furchtbar langweilig, ich weiß. Doch was für Casalena, den smarten Mittdreißiger, der am liebsten in Karohemd, Jeans und mit lässig gestyltem Seitenscheitel herumläuft – und der wegen seines jungenhaften Gesichts mit etwas Fantasie sogar für einen dritten Gallagher-Bruder gehalten werden könnte – spricht, ist der Erfolg. Denn eine austauschbare, chronisch unterfinanzierte und allenfalls Peanuts verdienende Startup-Klitsche ist Squarespace schon lange nicht mehr.

Squarespace bietet Kreativschaffenden und Webworkern einen Homepage-Baukasten mit CMS und hohem Design-Anspruch an. (Foto: Squarespace)
Squarespace bietet Kreativschaffenden und Webworkern einen Homepage-Baukasten mit CMS und hohem Design-Anspruch an. (Foto: Squarespace)

Ganz im Gegenteil: Im Hauptquartier der Firma am New Yorker Broadway arbeiten heute nicht weniger als 385 Mitarbeiter, verteilt über zwei Etagen, daran, den unzähligen Ideen von kreativen Webworkern eine visuelle Stimme zu geben. Denn das ist die Mission, die man sich bei Squarespace auf die Fahne geschrieben hat: „Von Designern und Entwicklern, die an der nächsten Generation von Web- und Mobile-Experiences arbeiten bis hin zu Otto-Normal-Verbrauchern, die das erste Mal in ihrem Leben eine Webseite zusammenfrickeln, bietet Squarespace elegante Lösungen, die Standards setzen“, heißt es auf der Webseite – die übrigens so schön ist, dass man sich kaum an ihr satt sehen kann. Kurz: „Better Websites for all“.

„Squarespace: Im Vergleich zur Konkurrenz um Wix & Co. schon eher Porsche.“

Als Tool bietet Squarespace seinen Nutzern dafür eine ganze Reihe responsiver Templates, die mit zusätzlichen Funktionen und Widgets erweitert werden können. Im Unterschied zu vielen Konkurrenzlösungen verfolgt Squarespace dabei einen weniger technischen als vielmehr künstlerischen Ansatz. Gastronomen, Freelancer, Fotografen, Künstler und Blogger beglücken die New Yorker mit einem hohen Designanspruch und schlüsselfertigen Templates, die sie im Handumdrehen zu einem schicken Shop, Blog oder Portfolio-Auftritt zusammenschustern können. Oben drauf gibt’s eine Domain nach Wahl. Ein bequemes Gesamtpaket, das allerdings seinen Preis hat. Zwischen acht und 24 US-Dollar monatlich verlangt Squarespace für seine Dienste. Im Vergleich zu günstigeren beziehungsweise kostenlosen Anbietern wie Wix oder Weebly ist das schon eher Porsche.

Premium ist bei Squarespace sowieso vieles, nicht nur der Preis. Auch die Mitarbeiter im Hauptquartier wissen, was sie an ihrem Job haben. Es gibt einen „Game-Room“, kostenlose Yoga-Kurse, eine Snackbar, Tischtennis-Platte, Bibliothek, Unternehmensanteile für jeden Mitarbeiter. Und: Wer es es fünf Jahre lang bei Squarespace aushält, bekommt einen Familienurlaub mit dem Ziel eigener Wahl. Auf Firmenkosten versteht sich. Bei allem Klischeefaktor: Diese Details sind wichtig, schließlich gilt Squarespace als eine der Top-Adressen für junge Talente im Big Apple schlechthin: 2012 und 2013 wurde Anthony Casalenas Unternehmen jeweils zu einem der besten Arbeitgeber in New York gekürt. Und im September gehörte Squarespace zu den Top 3 der lukrativsten Mittelständler in der Tech-Branche.

So sieht es bei Squarespace aus
(Quelle: Business Insider)

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Squarespace anno 2003: 30.000 Dollar Startkapital – und eine Pressemitteilung

Dass er es einmal so weit bringen würde, hätte Casalena vor zehn Jahren, als er noch Computerwissenschaften an der University of Maryland studierte und im Studentenwohnheim lebte, wohl selbst nicht gedacht.

Zum einen, weil seine Idee, eine einfache Homepage mit Webtechnologien zu erstellen, anfangs gar nicht mehr als ein privates Hobbyprojekt werden sollte. Zum anderen – und das überrascht umso mehr –, weil Casalena, der sich mit 15 Jahren das Programmieren selbst beigebracht hat, schon immer lieber sein eigenes Ding machen wollte. Kontrolle? Für ihn ein Muss. Kompetenzen abgeben? Eher ungern. Und so fängt im Frühjahr 2003 auch alles mit einer One-Man-Show an.

„Es war ein sehr erfolgreiches Geschäft, doch kein richtiges Unternehmen.“

Als Casalena bereits mehrere Website-Projekte fertiggestellt hat, wird ihm klar, dass die von ihm zu diesen Zwecken entwickelten Browser-Tools auch für andere von Nutzen sein könnten. Er entschließt sich, aus dem Hobby ein Geschäft zu machen. Erster Investor ist sein eigener Vater, der dem Sohn 30.000 Dollar überlässt. 20.000 davon steckt Casalena in eine erste Serverinfrastruktur, 2.000 Dollar gehen für ein Logo drauf. Mit einer einzigen im Januar 2004 veröffentlichten Pressemitteilung kommen Kunden und Umsatz. Jahr eins: 50.000 Dollar. Jahr zwei: 250.000 Dollar. „Es war ein sehr erfolgreiches Geschäft, doch kein richtiges Unternehmen“, resümiert Casalena.

Bootstrappen, bis der Facebook-Investor anklopft

Tatsächlich ist Squarespace in den ersten zwei Jahren zumindest auf dem Papier nicht mehr als das Werk eines Einzelkämpfers, der praktisch alles selbst erledigt. Produktentwicklung, Support, Marketing, Design, Finanzen. 10.000 Support-Tickets. Casalena ist Mädchen für alles. Doch irgendwann geht das nicht mehr.

Anthony Casalena fordert von seinen Mitarbeitern mehr als nur ihre Fähigkeiten ein. Es geht auch um Vertrauen und Weitsicht. Investoren hören das gerne. (Quelle: Crainsnewyork)
Anthony Casalena fordert von seinen Mitarbeitern mehr als nur ihre Fähigkeiten ein. Es geht auch um Vertrauen und Weitsicht. Investoren hören das gerne. (Quelle: Crainsnewyork)

„Skill alone is how you build for churn and quick exits. Trust is how you build for the long-term.“

„Ab einem bestimmten Punkt habe ich gemerkt, dass ich meine Aufgaben wegen des hohen Stresspegels nicht mehr erledigen kann“, erzählt Casalena. Und so stellt er im dritten Jahr nach der Gründung schließlich die ersten beiden Mitarbeiter ein. Obwohl er sich mangels Erfahrung an einigen Personalentscheidungen die Finger verbrennt, gelingt es ihm, das Unternehmen per Bootstrapping bis zum Jahr 2010 auf 30 Mitarbeiter wachsen zu lassen. Eine entscheidende Lehre dabei ist ihm, Mitarbeiter nicht nur wegen ihrer Fähigkeiten einzustellen: Es geht auch um Belastbarkeit, Vertrauen, Weitsicht. Oder wie es Casalena in einem Interview mit dem Inc. Magazine lapidar ausdrückt: „Trust is how you build for the long-term. Skill alone is how you build for churn and quick exits.“

So dürfte er Squarespace auch ins Blickfeld der Investoren gerückt haben, die im selben Jahr großflächig in das Startup investieren. Die prominenten Venture-Capital-Firmen Accel Partners und Index Ventures, schon bei Facebook und Skype investiert, stecken 38,5 Millionen US-Dollar in das Projekt.

Homepage-Baukasten und CMS Squarespace 7

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Hurrikan Sandy: Mit Benzinkanistern gegen den Blackout

Mit dem frischen Kapital baut Casalena Squarespace zum allumfassenden Homepage-Baukasten und CMS aus. Er erweitert die Plattform unter anderem um Templates speziell für den E-Commerce-Bereich. Die hierarchische Kontrolle über sein Geschäft ist inzwischen einer differenzierten Expansionsstrategie gewichen. Erst kommen Hunderte neuer Mitarbeiter, später dann auch Büros in Dublin und London hinzu. Letzte Woche hat das Unternehmen mit Squarespace 7 den ersten Major-Release seit zwei Jahren veröffentlicht.

„Hurrikan Sandy bedrohte 1,4 Millionen Squarespace-Websites.“

Ein Erfolgsweg, dem sogar Hurrikan Sandy nichts anhaben konnte. Der Wirbelsturm richtete 2012 in New York Schäden in historischem Ausmaß an, drohte, auch ein Rechenzentrum in den Exitus zu fluten – samt über eine Million mit Squarespace erstellen Websites. „Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um Squarespace am Laufen zu halten“, hatte das  Startup noch am Vortag des Sturms in einem Blogpost versichert. Doch selbst das schien zunächst nicht auszureichen. Eines der beiden Notstrom-Aggregate wurde geflutet und fiel aus. Das zweite stand 17 Stockwerke höher auf dem Dach – und hatte nur noch Saft für wenige Stunden. In gemeinsamer Sache mit anderen Tech-Firmen, darunter auch die Macher von Trello, schleppten Casalena und seine Crew volle Dieselkanister bis in die frühen Morgenstunden durchs Treppenhaus. Das Aggregat hielt durch – und Squarespace blieb am Netz.

Sandy konnte dem Erfolg von Squarespace letztlich nicht anhaben. Und bis heute stimmen die Zahlen: Belief sich der Umsatz im Jahr bereits auf 14 Millionen US-Dollar, waren es 2012 schon annähernd 20 Millionen. Heute dürften es noch einmal mehr sein. Dass Squarespace angesichts einer weiteren Finanzierungsrunde im April auch Börsenambitionen nachgesagt werden, scheint Casalena vorerst nicht zu beunruhigen. Erst einmal hat er einen Teil des Geldes in den besagten Super-Bowl-Spot investiert. Darin rechnet Squarespace mit allem ab, was das Internet schlecht macht. Es geht um Cyberkriminalität, Glücksspiel, Pornos. Es ist eine Hommage an die Philosophie von Squarespace selbst: „Wir können nicht ändern, was aus dem Web geworden ist, aber wir können bestimmen, wie es in Zukunft sein wird." Und die Zukunft des Webs startet ... mit einer neuen Webseite.

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Eine Reaktion
beutlin

Gelungene, inspirierende Erfolgsgeschichte. Danke für den Artikel.

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