Interview

Dieses Startup will klinische Studien umkrempeln

Die drei Gründer sind (v.l.n.r.): Sascha Ritz, Veronika Schweighart und Dragan Mileski. 
(Foto: Climedo)

Klinische Studien werden bei der Medikamentenentwicklung durchgeführt. Und dabei sammelt sich eine Unmenge von Daten an. Daten, die verknüpft werden wollen. Ein Startup hat dafür eine Plattform entwickelt.

Für das Startup Climedo hat sich der Markt im Bereich Medizin und vor allem klinische Forschung nicht einfach so erschlossen. Die drei Gründer haben keinen medizinischen Hintergrund. Durch intensiven Austausch mit Ärzten haben sie erkannt, dass bei klinischen Studien ein enormes Potenzial liegt. Sie stehen kurz vor Abschluss ihrer ersten Finanzierungsrunde mit erfahrenen „Smart Money“-Investoren.

Was sind klinische Studien?

Klinische Studien müssen alle Pharmaunternehmen durchführen, bevor ein Medikament als sicher gilt. Über einen Zeitraum von durchschnittlich zehn bis 15 Jahren wird geprüft, ob ein Medikament wirksam ist, ob es besser als andere Medikamente wirkt und ob es Nebenwirkungen hat. Aus klinischen Studien lassen sich auch wichtige Informationen darüber ableiten, wie wirtschaftlich eine Behandlung ist, worin der klinische Wert eines diagnostischen Tests besteht und wie eine Behandlung die Lebensqualität verbessert.

An einer Studie nehmen Freiwillige teil. In einem umfangreichen Prüfplan oder auch Studienprotokoll wird die Dauer der Studie festgelegt, dazu noch, welche Kriterien für die Auswahl der Probanden gelten, welche Tests und Verfahren durchgeführt werden sollen, welche Arzneimittel in welcher Dosierung verabreicht werden und wie die medizinische Betreuung nach Abschluss der Studie aussieht. Die Ergebnisse (Endpunkte) und Informationen werden dort beschrieben, die dann den Zulassungsbehörden vorlegt werden, um die Marktzulassung zu erhalten – und den Kostenträgern, also dem Kassenverband, um die Kosten für das neue Medikament erstattet zu bekommen.

Warum werden klinische Studien durchgeführt?

Mithilfe von intelligenten Algorithmen können wiederkehrende Muster effizient untersucht werden. Das ist bei klinischen Studien deswegen so wichtig, weil so zum Beispiel erkannt werden kann, welche wiederkehrenden Strukturen in großen Eiweißmolekülen auftreten und welche Aufgaben diese in Zellen übernehmen. Das spielt wiederum bei der Forschung und Entwicklung von Krebsmedikamenten eine große Rolle.

Und wie sollte es anders sein: In solchen Studien gibt es Daten, Daten und nochmals Daten. Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen birgt der Markt der klinischen Forschung großes Potenzial. Denn es gilt, diese Daten schnell und effizient zu verknüpfen, Ergebnisse aus eventuell anderen Studien miteinander in Verbindung zu setzen und zu vergleichen und dadurch auch die unterschiedlichen Verantwortlichen zu vernetzen. Alles mit dem Ziel, so schnell wie möglich ein innovatives Präparat schneller zum Patienten zu bringen.

Doch so einfach, wie das vielleicht erst einmal klingen mag, ist es nicht. Klinische Forschung ist verständlicherweise strengen Regelungen unterworfen und die Vernetzung zwischen der Forschungseinheiten ist auch nicht immer ganz harmonisch. Das Startup Climedo will es Unikliniken, anderen Forschungseinrichtungen und Unternehmen leichter machen, genau das zu tun: Daten zu tauschen und aus Daten schnelle Rückschlüsse ziehen zu können. Die drei Gründer stellen eine intelligente Forschungsdatenbank zur Verfügung, in der alle forschungsrelevante Daten und Informationen in einem einzigen System integriert und strukturiert abgespeichert werden können. Eine systemübergreifende Suchfunktion soll das Abrufen forschungsrelevanter Inhalte in Sekundenschnelle ermöglichen und eine gemeinsame Datenerhebung im Team und gegenseitiger Datenaustausch mit externen Partnern soll die „Forschung auf ein neues Level“ heben.

Wir haben ein paar Fragen an eine der drei Gründer, Veronika Schweighart, COO bei Climedo, gestellt.

Die Climedo Plattform will die „Forschung auf ein neues Level“ heben. (Screenshot: Climedo)

t3n: Klinische Studien klingen erst einmal trocken. Was ist für ein Startup interessant daran?

Veronika Schweighart: Wir drei Gründer sind keine Mediziner und waren anfangs entsprechend branchenfremd. Unsere Ambition war es, unsere Erfahrungen im Bereich digitale Technologien auf einen wirklich sinnvollen Bereich zu übertragen. In unserem jeweiligen familiären Umfeld hatte es Fälle von Fehldiagnosen und ineffektiven Behandlungen gegeben, weshalb wir uns zum Ziel gesetzt haben, die Gesundheitsbranche nachhaltig zu revolutionieren – eine Branche, die Digitalisierung dringend braucht und die von innovativen Technologien besonders positiv profitieren kann (und muss). Denn leider herrscht ein drastisches Gefälle zwischen medizinischen High-Tech-Innovationen und altmodischer Krankenhaus-IT (Excel, Papier und Fax sind leider noch sehr viel weiter verbreitet, als man im 21. Jahrhundert annehmen will). Wir sehen das Potenzial, das durch eine digital vernetzte Infrastruktur alle Menschen von einem schnelleren Zugang zu medizinischen Innovationen profitieren können, indem klinische Studien – in denen neue medizinische Produkte und Therapien validiert werden und die insbesondere im Rahmen von personalisierter Medizin zukünftig einen noch größeren Stellenwert für die Routine-Versorgung haben werden – qualitativ hochwertiger und effizienter gestalten werden und somit neue Therapien günstiger, schneller und sicherer angeboten werden können.

t3n: Wie habt ihr euch in das Thema eingearbeitet und wie habt ihr herausgefunden, was der Markt wirklich braucht?

Unsere Herangehensweise war immer sehr stark an das Lean-Startup-Prinzip angelehnt: Wir haben mehr als 50 Interviews mit Ärzten geführt, in denen wir sie nach ihren Problemen und Bedürfnissen gefragt haben. Die daraus entstandenen Hypothesen haben wir über Marktanalysen und Expertengespräche abgeglichen. Bald darauf haben wir angefangen, ein entsprechendes Produkt im engen Austausch mit forschenden Ärzten in unterschiedlichen Kliniken zu entwickeln. Insbesondere die Kinderonkologie der Charité in Berlin hat von Anfang an stark mit uns kooperiert und wurde zu einem unserer ersten Kunden. Wir finden das Thema nach wie vor unglaublich faszinierend und lernen täglich Neues dazu – über Fachmagazine, Online-Beiträge, Videos und insbesondere im Austausch mit Kunden, Patienten, Partnern und Mitarbeitern (inzwischen haben wir eine Onkologin und weitere Fachexperten bei uns im Team).

t3n: Ihr wollt den Markt von unten aufrollen. Warum?

Das medizinische Forschungs-Umfeld ist im Gegensatz zur Krankenhaus-Routine stark fragmentiert: Jede Forschungsgruppe einer Klinik entscheidet im Normalfall selbst, welche IT-Systeme sie für die Durchführung ihrer Studien nutzt. In einzelnen Forschungsgruppen einer Klinik (bottom-up) sind Entscheidungswege kürzer und die Bereitschaft, neue Dinge zu testen, oft sehr viel höher, weil man nicht direkt die komplette IT-Landschaft der Klinik „umkrempeln“ muss. Kleinere Organisationen sind sowohl strukturell als auch technisch bedingt eher bereit, Pilotprojekte zu starten. All diese Aspekte – Entscheidungsfreude, Pioniergeist, Bereitschaft für Experimente – stimmen sehr gut mit unserer unternehmerischen Philosophie überein und lassen uns entsprechend schneller im Markt Fuß fassen.

t3n: Ist euer Vorhaben auch ein Risiko?

Als Gründer wird man jeden Tag mit vielen Herausforderungen konfrontiert, auf die man sich nicht vorbereiten kann und man muss eine Vielzahl von Entscheidungen mit teils weitreichenden Folgen treffen. Insbesondere in einem Markt, in dem man als digitaler Pionier viele Pfade noch selbst austreten muss. Gleichzeitig bringt jede Neuheit immer ein gewisses Maß an Risiko mit sich, sonst wäre es ja keine Innovation. Und wir sehen in der aktuellen Marktentwicklung eine riesige Chance, die wir uns nicht entgehen lassen wollen. Unsere gemeinsame Mission verbindet uns und motiviert uns jeden Tag, um auch schwierige Phasen gut zu meistern. Letztendlich sind klug gewählte Risiken und gemeisterte Hindernisse ja in der Regel auch immer besondere Alleinstellungsmerkmale und Wettbewerbsvorteile im direkten Vergleich zu all jenen Unternehmen, die durch festgefahrene Strukturen und träge Strategien in ihrem Handlungsspielraum und ihrer Innovationsgeschwindigkeit wesentlich stärker limitiert sind.

t3n: Hostet ihr die Daten bei euch, so dass die Daten miteinander verknüpft werden können oder sind die Datensätze für jede Studie unter Verschluss?

Grundsätzlich hosten wir die Daten für jeden unserer Kunden immer pseudonymisiert beziehungsweise anonymisiert auf jeweils eigenständigen Servern in Deutschland, um die Datenschutzrechte der Patienten zu erfüllen, den entsprechenden Ansprüchen unserer Kunden zu genügen und uns trotzdem noch die essenzielle Möglichkeit zu bieten die Datenpunkte sinnvoll standardisiert zu verknüpfen und einfach wiederverwendbar zu machen.

t3n: Danke für das Gespräch!

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