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Streetscooter-Gründer: „Für mich ist die Mission abgeschlossen“

(Screenshot: Youtube)

Im Changerider sitzt diesmal Achim Kampker, Gründer von Streetscooter und Professor an der RWTH Aachen. Auf seiner Fahrt erzählt er, warum seine Mission mit Streetscooter nun abgeschlossen ist, wie er die Chancen der deutschen Automobilindustrie einschätzt und wie Ingenieure die Welt verändern.

Eine geflügelte Antwort auf die Frage „Warum sind eigentlich so wenig Entrepreneure Professoren“ lautet: „Wenn du nicht weißt, wie man etwas macht, werde Lehrer.“ Den Satz kann zumindest Achim Kampker auf jeden Fall komplett widerlegen.

Die Mission: Ein Produkt in der Hälfte der Zeit und mit einem Zehntel der Investition bauen

Manchmal muss man die richtigen Fragen stellen: Wie kann man in Deutschland und Westeuropa dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben? Als sich Achim Kampker und sein Team diese Frage 2009 stellten, ahnten sie noch nicht, wohin die Reise gehen würde. Kampker war neugierig und wollte wissen, ob es möglich ist, in der Hälfte der Zeit und mit einem Zehntel der Investitionen ein vernünftiges Produkt zu bauen. „Dafür wurden wir erstmal heftig ausgelacht. Wenn das ginge, dann hätten das schon andere gemacht“, hieß es oft. Es ging – erstaunlich gut. Gemeinsam mit seinem Mitgründer Günther Schuh wollte er ein Fahrzeug für 5.000 Euro herstellen: Das war der Beginn von Streetscooter. Was ursprünglich als private Forschungsinitiative in Aachen begann, entwickelte sich zum Vorzeige-Startup der Automobilindustrie. Mittlerweile ist Kampker wieder an der Universität, hat das Unternehmen Streetscooter verlassen. In seinem ersten Interview nach seinem Ausstieg erzählt er von seiner Zeit bei Streetscooter und was ihn auch zukünftig antreibt, um den Wandel positiv zu gestalten.

Nach nur zwei Jahren Entwicklungszeit wurde der erste Prototyp eines Elektrofahrzeugs auf der IAA 2011 vorgestellt. „Angela Merkel ist dort bei uns vorbei gekommen, das war natürlich eine große Ehre für uns. Nach den ein bis zwei Minuten, die sie am Stand war, hat sie mich dann mit einem ‚Weiter so‘ entlassen.“ Durch die damit verbundene hohe öffentliche Wahrnehmung sei dann auch die Deutsche Post auf das Uni-Projekt aufmerksam geworden. „Sie haben uns gefragt, ob wir nicht Lust haben, mit ihnen gemeinsam ein Fahrzeug zu entwickeln, das auch für die Zustellung in der letzten Meile funktioniert. Da habe ich dann nicht für drei Sekunden überlegt und gesagt, das machen wir. Das ist eine Riesen-Chance.“ Im Jahr 2014 wurde Streetscooter von der Deutsche Post DHL Group übernommen. Kampker ließ seine Professur ruhen, ging mit dem Startup zur Deutschen Post, „um die kleine Pflanze nicht allein zu lassen“. Er wollte das Produkt weiterentwickeln und groß machen: „Wir haben den ganzen Prozess so aufgebaut, dass wir von vornherein die Zusteller mit ins Boot geholt haben. Gemeinsam haben wir dann beispielsweise über das Ein- und Aussteigen diskutiert. Postmitarbeiter steigen bis zu 200-Mal am Tag ein und aus. Das kann ja mal jeder ausprobieren – danach hat man schon was in den Beinen. Also brauchten wir höhere Sitze, damit man direkt in das Fahrzeug gleitet. Auch das Beladen war ein Thema: Zehn Säcke Hundefutter zu transportieren, ist dann schon harte Arbeit, wenn man die zu tief oder zu hoch ins Auto legt.“

„Was ich persönlich will, ist, dass sich was verändert“

Kampker ging es nicht alleine um Elektromobilität, sondern um die vielen Details darum herum: Ein Auto zu entwickeln, das komplett an die Bedürfnisse der Fahrer und deren Einsatzgebiete angepasst ist. Für einen Auftraggeber aus dem Energiebereich zum Beispiel, wo ein Fahrzeug auch häufig eingesetzt wird, um an den Stromtrassen entlang zu fahren, wird aktuell eine „simple Off-Road-Funktion“ entwickelt. Es ging ihm aber auch nicht darum, wie es häufiger dargestellt wurde, die klassische Automobilindustrie vorzuführen: „Was ich persönlich will ist, dass sich was verändert und jetzt darf man nicht so vermessen sein und denken, dass man die Welt durch eine Firma verändert. Im Verhältnis zu dem, was die Automobilindustrie geschaffen und aufgebaut hat, ist Streetscooter ja sehr klein, aber es kann ein Beispiel sein. Man kann auch von den Konzernen mit ihrer Verantwortung, beispielsweise gegenüber ihren Mitarbeitern, nicht verlangen, alles auf eine Karte zu setzen, aber durch schnelle Beiboote kann das dann schon gelingen.“

Dass er allerdings nie selbst Kapital in das Projekt gesteckt hat, sieht er heute als Manko, da man einfach weniger Entscheidungsgewalt habe. Gleichzeitig sei es in Deutschland aber auch immer noch schwer, an große Investoren zu kommen, sobald es um ein gewisses Risiko geht: „An die ersten 500.000 bis eine Million Euro kommt man in Deutschland schon ran, doch dann gibt es so ein Tal des Todes. Da will wirklich keiner in ein gewisses Risiko investieren. Das ist ein Kern-Unterschied zum Silicon Valley. Es mangelt uns Deutschen mit Sicherheit nicht an den Ideen, sondern an der Umsetzung. Einfach mal machen!“

„Für mich ist die Mission abgeschlossen“

Heute sind bei Streetscooter etwa 500 Mitarbeiter beschäftigt, 9.000 Streetscooter bei der Deutschen Post im Einsatz und das Unternehmen bietet mittlerweile eine Herstellungskapazität von 20.000 Fahrzeugen: „Ich bin bei Streetscooter raus. Für mich ist die Mission abgeschlossen: Meine Aufgabe war es, das Unternehmen bis zur Großserie zu begleiten. Ich möchte nun wieder in den Innovationsbereich im universitären Umfeld zurück.“ Um so ein Projekt erfolgreich zum Wachsen zu bringen, brauche es eine Vision und den Willen, etwas zu verändern: „Das ist extrem wichtig: die Teams zu führen, der Mannschaft die Vision mitzugeben, damit sie die Veränderungen mitgehen. Das darf man auch im Management nicht unterschätzen. Veränderung ist anstrengend und soll ja dennoch positiv belegt sein. Aber Veränderung kann auch schwer sein, sobald es einen dann wirklich selbst betrifft.“

„Die hundert Gründe warum etwas nicht funktioniert, kann dir jeder in Deutschland aus dem Effeff aufschreiben“

Sich auf Veränderungen einzulassen und diese mitzugestalten, wäre aber für die deutsche Automobilindustrie wichtiger denn je. Etventure-Gründer Philipp Depiereux betont dabei im Interview, dass die Automobilindustrie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft sei: „Man muss sich nur die Zulieferindustrie anschauen und die Arbeitsplätze, die da mit dranhängen. Es wird immer von Tesla gesprochen: Elon Musk ist als Visionär nach vorne gegangen, hat jetzt das Modell 3 herausgebracht und kürzlich verkündet, dass er Uber in den USA mit Selfdriving-Cars angreifen will. Sicherlich spannende Konzepte, aber die Chinesen bauen für ein paar Tausend Dollar Autos mit kompletter E-Mobility und Digital-Integration. Cem Özdemir sagte in seinem Changerider-Interview kürzlich: ‚Wenn ich einen E-Golf fahren will, warte ich so lange wie auf den Trabbi damals in der DDR.‘“ Kampker sieht es ähnlich: „Wir sind echt spät dran. Mit einer Firma wie Streetscooter kann man nicht ganz Deutschland retten. Aber genau das muss jetzt passieren. Wir müssen wieder schneller werden. Veränderungen wollen erstmal alle, aber wenn es dann um erneuerbare Energie, E-Mobilität und so weiter geht, dann kommen alle an und haben Gründe, warum es jetzt noch nicht passt. Die hundert Gründe warum etwas nicht funktioniert, kann dir jeder in Deutschland aus dem EffEff aufschreiben. Aber mal was anzupacken, zu machen, mal aus seinem Sitz vom Sofa aufzustehen und in ein Risiko für die nachfolgenden Generation zu gehen, das passiert im Moment einfach noch zu wenig. Und da reicht es auch nicht, auf die großen Konzerne zu warten: jeder da, wo er steht.“

In seinem Interview im Changerider spricht Achim Kampker außerdem über Umweltbewusstsein und wie es gelingen kann, Städte nachhaltig zu verändern, welche neuen Projekte er nun anstrebt und warum der Scrum-Ansatz hilft, lange Entwicklungszyklen zu vermeiden. Und was es mit dem Interesse der Kanzlerin an dem Spiel „Angry Birds“ auf sich hat – dies alles auch im Changerider-Podcast bei iTunes, Soundcloud oder Spotify.

Am Ende der Fahrt appelliert Kampker für mehr Engagement in der Gesellschaft, aber auch für unsere Umwelt: „Ich werde den Verein ‚Ingenieure retten die Erde‘ gründen. Jeder kann da etwas tun, wo er steht – aber muss es auch wirklich tun! Lasst uns endlich die Welt verändern!“

Für eine weitere Fahrt im Changerider nominiert er Sebastian Thelen, der das Konzept von Uze Mobility erstellt hat. Dabei geht es um die Verbindung von Digitalisierung und Mobilität.

Ihr kennt ebenfalls Querdenker, Gamechanger und unermüdliche Optimisten, die für den digitalen Wandel einstehen? Nominiert sie als Changerider-Mitfahrer!

Diese und alle weiteren Folgen sind als Video oder ausführliche Gespräche im Podcast verfügbar.

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