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Studie über Plattformarbeiter: Flexibles Arbeiten wird mit mangelhafter Absicherung erkauft

Auch wenn man meistens an PC-Arbeit denkt, fällt unter Plattformarbeit deutlich mehr. (Foto: Shutterstock-GaudiLab)

Plattformarbeiter gibt es inzwischen auch in Deutschland immer häufiger. Doch was Gewerkschaften die Zornesröte ins Gesicht treibt, kann für einige Arbeitnehmer durchaus passen.

Sie nennen sich Plattformarbeiter, Gig-Economy oder Click-Economy. Die Rede ist von Personen, die ortsgebunden, aber auftragsbezogen oder ortsungebunden Arbeit, die via Internet vermittelt wird, erledigen. Während der Fahrradkurier durchaus auch unter den Begriff Plattformarbeit fällt, gelten für ihn ganz andere Regeln und Konkurrenzverhältnisse als für andere, weltweit agierende, nicht angestellte Mitarbeiter.

Die Bertelsmann-Stiftung hat zusammen mit dem Marktforschungsinstitut Kantar eine umfassende Studie unter dem Titel „Plattformarbeit in Deutschland“ erstellt, die am Rande der Republica vorgestellt wurde. Dabei wurden rund 700 Cloud- und Gig-Worker nach ihrem Befinden und ihrer Situation gefragt. Angereichert wurden die Ergebnisse durch Beurteilungen von neun Experten zum New-Work-Komplex. Repräsentativ ist das Ganze also nicht ansatzweise, kann aber dennoch ein paar interessante Einblicke in ein zumindest in Deutschland noch vergleichsweise neues Phänomen liefern. Zudem verbinden die Initiatoren der Studie ein paar klare Botschaften an Politik, Institutionen der Tarifpartner und Plattform-Betreiber.

Plattformarbeiter: Gut gebildet und nicht nur Billiglöhner

Von den in Deutschland klassischen Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Modellen muss man sich dabei lösen, will man der Entwicklung rund um die Cloud-, Click-, Crowd- oder auch Gig-Work gerecht werden. Als zentrale Erkennisse nennen die Initiatoren zum einen, dass die Plattformarbeit vom Großteil der dort auf diese Weise Tätigen sehr geschätzt werde – wegen ihrer Flexibilität und der Möglichkeit zur freien Arbeitsgestaltung. Zugleich kritisiert eine deutliche Mehrheit der Plattformarbeiter stark die fehlende soziale Absicherung (Krankheit, Alter, Berufsunfähigkeit). Klar ist aber auch, dass die Plattformarbeit seitens der Politik und der Tarifparteien geregelt werden kann. Doch dazu braucht es das Verständnis der Akteure für diese neue Form der Arbeit und deren Vorteile. Gleichzeitig aber sollten die negativen Aspekte nicht übersehen werden.

Im Schnitt sind die Plattformarbeiter 41 Jahre alt, haben in den meisten Fällen Abitur oder Fachabitur. Generell sind Plattformarbeiter (verstanden hauptsächlich als Cloud- und Gig-Worker) gegenüber der Digitalisierung der Arbeit deutlich offener eingestellt als der Durchschnitt der Berufstätigen (67 Prozent gegenüber 38 Prozent sehen Chancen) und stärker an den neuesten Trends interessiert (68 Prozent gegenüber 34 Prozent). Besonders auffällig ist dies bei der Einschätzung mobiler Arbeit zum Zweck der Zeitersparnis und Effizienzsteigerung: 64 Prozent der Plattformarbeiter sehen diesen Zusammenhang, aber nur 24 Prozent aller Beschäftigten.

Die finanzielle Ausstattung der Plattformarbeiter ist dagegen überraschend. Der in Deutschland auf oder mithilfe einer digitalen Arbeitsplattform Tätige entspricht nicht dem Bild des prekären „Clickworkers“, wie es häufig in Diskussionen um prekäre und importierte Click-Arbeit verwendet wird. Der Plattformarbeiter in Deutschland ist eher überdurchschnittlich qualifiziert und finanziell bessergestellt. So liegt der Anteil der Plattformarbeiter, deren gesamtes Nettoeinkommen pro Monat über 3.000 Euro liegt, mehr als doppelt so hoch im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung. Zugleich muss aber jeder vierte Plattformarbeiter mit weniger als 1.500 Euro pro Monat auskommen. 56 Prozent der Plattformarbeiter erzielen monatlich bis zu 400 Euro Einkommen mithilfe der Plattformen und wenden dafür durchschnittlich sechs Stunden pro Woche auf. In den allermeisten Fällen (99 Prozent) handelt es sich bei der Ausübung von Plattformarbeit um eine Nebenerwerbstätigkeit, die die Haupttätigkeit zeitlich und finanziell nur ergänzt. Dementsprechend sind die Flexibilität und die Freiheit in Sachen Arbeitsgestaltung auch die meistgenannten Vorteile.

Flexibilität: Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Insgesamt ermöglicht die Plattformarbeit, so gaben Befragte in Interviews an, die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, kollaboratives Erarbeiten von Lösungen und damit Demokratisierung der Arbeit sowie mehr Selbstbestimmung, Steigerung der Produktivität, der Innovationsfähigkeit und des Wohlstands. Dem stehen allerdings auch einige gravierende Nachteile gegenüber: Da ist zunächst einmal die unzureichende Entlohnung und ständige Verfügbarkeit, die mangelnde soziale Absicherung und die fehlende Garantie von Schutzrechten. Den Befragten ist vollkommen klar, dass diese Nebentätigkeit nicht zur vollständigen sozialen Absicherung beitragen kann und dass hier politischer Handlungsbedarf besteht.

Generell gibt es einige Risiken, die die Studie benennt, etwa den regelrecht ruinösen Wettbewerb zwischen den Plattformarbeitern, ein erhöhtes Drohpotenzial gegenüben internen Beschäftigten und die fehlende Passgenauigkeit zwischen Plattformarbeit und den Vorschriften im Bereich traditionellen Arbeitens.

59 Prozent der Plattformarbeiter sind „sehr“ oder „eher“ zufrieden

In Summe sind 59 Prozent der Plattformarbeiter „sehr“ oder „eher“ zufrieden mit dieser Form der Arbeit – nur acht Prozent sind nicht zufrieden. Plattformarbeiter wünschen sich aber vor allem eine bessere soziale Absicherung und die Regulierung des Preiswettbewerbs durch Festlegung von Mindestzahlungen. Auch eine Interessenvertretung und eine Art TÜV-ähnlicher Kontrollinstanz, die die Fairness beurteilt, könnte hilfreich sein. Hier sind die Plattform-Betreiber gefordert.

Die Experten legen besonderen Wert auf folgende Feststellung: Politik und traditionelle Institutionen der Tarifpartner müssen diese neue Gruppe der Plattformarbeiter in ihre Reformüberlegungen einbeziehen. Damit weisen die Vorschläge der Experten letztlich in eine Richtung der politischen Gestaltung, die aus den gewohnten Pfaden der Politikentwicklung und der Diskussion ausbricht und neue Wege einschlägt. So wäre es beispielsweise sehr hilfreich, wenn „hybrid Arbeitende“ als neue Gruppe der Erwerbstätigen in den Mikrozensus mit aufgenommen würden.

Hybride Arbeit kommt dem Wunsch nach mehr Flexibilität und Freiheit entgegen

Plattformarbeit in Deutschland ist damit insgesamt eindeutig nicht durch prekär arbeitende Menschen geprägt. Vielmehr bringt dieser Arbeitsbereich zugleich viele Chancen und Risiken für den Einzelnen mit sich. Plattformen, sei es Airbnb, Amazon Mechanical Turk oder Freelancer.com, bieten Menschen zunehmend eine Chance, hybrid zu arbeiten und damit Interessen und eigene Vorstellungen von Arbeitszeitgestaltung und Einkommenserwerb umzusetzen. Diese mögen den traditionellen Arbeitsmarkt-Teilnehmern vielleicht fremd erscheinen. Sie kommen aber dem Wunsch nach Flexibilität und Freiheit dieser Menschen entgegen. Zugleich müssen diese Plattformen Verantwortung übernehmen, indem sie die Menschen, die auf ihren Plattformen arbeiten, an der Weiterentwicklung sozialer Schutzmechanismen beteiligen.

t3n meint: Es wird in Zukunft eine Vielzahl von Erwerbsmodellen geben, die möglicherweise für einen Teil der Bevölkerung passen können und parallel zur klassischen Festanstellung oder Freiberuflichkeit existieren. Wichtig dabei ist, sicher zu stellen, dass Arbeit nicht entwertet oder zum Dumping-Produkt wird, bei dem sich die Menschen gegenseitig unterbieten. Die Gesellschaft wird in den nächsten Jahren daher zunehmend Schutz für derartige Plattformarbeit schaffen müssen – auch wenn diejenigen, die sie verrichten, gar nicht so prekär dran sind wie es Gewerkschaften gerne hinstellen. Tobias Weidemann

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3 Kommentare
D. S.
D. S.

Ist bestimmt ein interessantes Thema. Konnte ihn leider nicht zu Ende lesen. Entweder bin ich zu müde oder ich habe lange keinen Artikel mehr gelesen, der so (unnötig) kompliziert formuliert ist. Ein bisschen schade finde ich das schon.

Antworten
Martin Wunderlich
Martin Wunderlich

Ich glaube ich verstehe das Thema nicht ganz.

Wenn ich das richtig verstehe, ist hier mit Plattformarbeit gemeint, dass jemand seine Dienstleistungen über Plattformen anbietet.
Also im Prinzip ganz normale, selbständige Arbeit und diese Plattformen sind im Grunde nur Vermittlungsstellen, die Aufträge vermitteln und dafür Provision kassieren. So wie auch z.b. booking.com für Hotels.
Aber ich verstehe dann nicht, was daran jetzt neu oder anders ist?

Antworten
M.

Gute das es Radkurier24.com gibt.

Antworten

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