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SXSW: Auf der Suche nach einem Täter

(Foto: SXSW)

Auf der SXSW 2018 scheint man sich darüber einig zu sein: Einige Dinge in unserer (digitalen) Welt sind außer Kontrolle geraten. Weniger klar ist, wer oder was für das Chaos verantwortlich ist, ganz zu schweigen davon, wie man es beheben kann.

Bei der SXSW im vergangenen Jahr stand die Tech-Szene noch immer unter dem Schock der Trump-Wahl. In diesem Jahr ist der Grundton ziemlich nüchtern.

Bemerkenswert ist, dass ein Technologieexperte wie Tim O’Reilly jetzt den neoliberalen Kapitalismus für die vielen Fehlentwicklungen im Bereich der Technologie verantwortlich macht. „Weniger Milton Friedman, mehr John Maynard Keynes“, könnte sein Motto sein. Er zitiert Statistiken über stagnierende reale Medianeinkommen von Familien im Verhältnis zu steigender Produktivität, um seinen Standpunkt zu belegen.

Seiner Ansicht nach ist es eher unser Finanzsystem, das zur Rechenschaft gezogen werden soll, als Technologie als solche oder Technologieunternehmen im Speziellen. Sie agieren unter den Bedingungen der Kapitalmärkte und deshalb müssen wir diese Märkte neugestalten. Das ist zumindest eine Überlegung wert, obwohl es die Aufmerksamkeit von der Verantwortung der Technologieunternehmen und ihren Führungskräften ablenkt.

Selbstredend bleibt O’Reilly in Bezug auf Technologie so optimistisch wie eh und je und es ist schwer, ihn dafür zu kritisieren. Aber er verzichtet darauf, Technologie unkritisch zu verehren. Stattdessen betrachtet er sie eher als ein Werkzeug, das auf verschiedene Weise genutzt werden kann. Es liegt in unserer Hand zu entscheiden, wie wir es nutzen, und wir tragen die Verantwortung dafür.

Tim O’Reilly verwendet den Begriff Technologie in einem recht engen Sinn und schließt damit die umfassenderen technologischen, finanziellen und sozialen Systeme aus, die die gesamte Technologiebranche ausmachen. Dieser Schritt ermöglicht es ihm, die Verantwortung weg von der Technik und hin zur Gesellschaft im Allgemeinen und zu den Finanzmärkten im Besonderen zu verlagern.

Er hat sicher nicht ganz Unrecht, denn schließlich basiert das Silicon Valley auf Venture Capital, einer der reinsten Formen des modernen Kapitalismus. Und es ist nicht nur das Silicon Valley allein, das die Regeln des Risikokapitalismus festlegt. Ganz im Gegenteil, selbst Unternehmen wie Apple stehen unter dem Druck der Finanzmärkte und die Grundregeln dieser Märkte haben sich auch nach der Finanzkrise in den letzten zehn Jahren kaum verändert.

Sogar John Mackey, CEO von Whole Foods, der sehr offen über die vielen Vorzüge des Kapitalismus spricht, räumt ein, dass die Finanzmärkte ihre Schwächen haben. Whole Foods war im Grunde genommen gezwungen, sich von Investoren, die er als „gierige Bastarde“ bezeichnete, zum Verkauf stellen zu lassen. Er erklärt, mit Amazon sehr zufrieden zu sein, hält es aber dennoch für falsch, dass ein relativ kleiner Aktionär einen so enormen Einfluss ausüben kann.

Damit kommen wir zu einem weiteren Punkt: die Fokussierung auf den Shareholder Value als alleiniges Ziel der unternehmerischen Optimierung. Dies wurde in der Vergangenheit schon oft kritisiert, aber bei Tech-Konferenzen war es nicht üblich, sich über solche Fragen Gedanken zu machen. Heute schon. Der Journalist Ezra Klein wählte in seinem Vortrag einen systemischen Ansatz und zeigte, wie wir Politik, das Valley, unsere Medien oder die Wall Street so gestaltet haben, dass sich auch gute Menschen schlecht verhalten.

Alle Systeme sind auf Selbsterhaltung optimiert und verändern sich nur in dem Maße, wie es für das eigene Überleben notwendig ist. Das ist wohl nichts Neues für jemanden, der zum Beispiel Niklas Luhmann gelesen hat, aber es ist trotzdem nützlich, genauer hinzuschauen, gerade in Krisenzeiten. Da unsere Gehirne auch Systeme sind, hilft dieser Gedankengang sogar, das Problem der Verantwortung zu lösen.

Wer ist also für das Chaos in unserer digitalen Welt verantwortlich? Systeme sind die Schuldigen, und es bedarf eines systemischen Ansatzes, um die Unordnung zu beheben. Wir müssen unsere Systeme neugestalten, um sie besser an Werten und Zielen auszurichten, die über die systemische Selbsterhaltung hinausgehen, und sie gleichzeitig am Laufen zu halten. Schließlich haben Systeme wie Technik, Kapitalismus, Medien, Politik und unsere Gehirne in der Vergangenheit Großes für die Menschheit geleistet. Also sollten wir sie nicht zerstören.

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