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Telegram gibt auf: Kryptowährung Gram und Blockchain-Plattform Ton sind Geschichte

Telegram gibt Gram und Ton auf. (Grafik: Telegram)

Telegram-Chef Pavel Durov hat seiner Kryptowährung Gram nebst der unterliegenden Blockchain-Plattform Ton offiziell den Stecker gezogen. Die US-Börsenaufsicht hat sich damit gegen Telegram durchgesetzt.

Pavel Durov ist stinksauer. In einem langen Blogbeitrag erklärt er den Abschied Telegrams von Gram und Ton (Telegram Open Network). Gram war die Kryptowährung und das Telegram Open Network sollte die Technologie darunter sein.

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SEC verhindert Start der Kryptowährung

Ursprünglich bis zum 31. Oktober 2019 hatte Telegram erste Grams zur Verfügung stellen wollen. Die US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commisson) hatte sich allerdings eingeschaltet und letztlich geklagt, weil sie den schon Anfang 2018 erfolgten Verkauf von Gram-Token im Wege eines ICO (Initial Coin Offering) als nicht registriertes Wertpapiergeschäft klassifizierte. Damit hätte der Verkauf im Vorfeld angemeldet werden müssen, was Telegram-Chef Durov naturgemäß völlig anders sieht.

Im Verlauf des Streits mit der SEC hatte Telegram den Start der Währung vom 31. Oktober 2019 auf den 30. April 2020 verschoben. Nachdem nun aber das von der SEC angerufene Gericht in New York offenbar der Argumentationslinie der SEC gefolgt ist, besteht für Telegram kaum eine realistische Chance, das Projekt wie geplant umzusetzen.

1,7 Milliarden Dollar und kein Produkt

Für Telegram ist das endgültige Scheitern des Projekts keine Randnotiz, denn es ist bereits viel Geld geflossen. Telegram hatte Anfang 2018 in zwei Finanzierungsrunden rund 1,7 Milliarden US-Dollar von professionellen Investoren eingenommen. Die Finanzierungsrunden waren als ICO angelegt, bei denen Investoren den Gegenwert einer Kryptowährung kaufen, ohne dass es diese bereits gibt.

Das klingt für den Privatanleger nicht zu Unrecht dubios. Telegram hatte sich bei seinem ICO entsprechend auch nicht an private Anleger gerichtet, sondern ausschließlich professionelle Investoren in den Blick genommen, die die Risiken kennen und einschätzen können. So hatten etliche namhafte Tech-Investoren wie Union Square Ventures, Andreessen Horowitz, Greylock oder Polychain Capital, die an sich für ihre Invests in Blockchain-Technologie bekannt sind, Telegrams Angebot abgelehnt. Andere, darunter Größen wie Benchmark, Sequoia, Kleiner Perkins oder Lightspeed Capital, ließen sich vom Gram überzeugen.

Im Gegenzug hatte sich Telegram wohl verpflichtet, den Investoren ihre Grams bis zum 31. Oktober 2019 zur Verfügung zu stellen. Investoren wiederum sollen sich in Teilen zu einer gewissen Mindesthaltefrist ihrer Tokens verpflichtet haben.

Telegram taktiert mit immer neuen Vorschlägen

Den Termin konnte Telegram nicht halten. Die Börsenaufsicht hatte sich bereits eingeschaltet. Offenbar um Zeit für die erforderliche Klärung zu gewinnen, schlug Telegram seinen Investoren vor, sofort 72 Prozent des Investitionsvolumens zurückzuerhalten oder weiter am Ball zu bleiben, um in der Zukunft von den erwarteten Wertsteigerungen zu profitieren. Offenbar haben sich zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Gram-Käufer gegen diese vorzeitige Kompensation entschieden.

Nachdem am 30. April 2020 der nächste Termin für den Start der Blockchain-Plattform verstrichen war, unterbreitete Telegram ein neues Angebot. Erneut stand die Kompensation mit 72 Prozent der Ursprungsinvestition zur Debatte. Um Gram-Käufer davon abzubringen, die Option nun zu ziehen, schlug das Unternehmen vor, Ende April 2021 110 Prozent des ursprünglichen Investments zurückzuzahlen.

Wie kommen Investoren an ihr Geld?

Mit der Gerichtsentscheidung ist auch diese Option vom Tisch. Fraglich ist, wie die Kompensation der Investoren erfolgen wird. Ebenso fraglich ist, wie viel von den ursprünglich vereinnahmten 1,7 Milliarden Dollar zwei Jahre später überhaupt noch da sind. Es liegt durchaus im Bereich den Denkbaren, dass viele der um die 200 professionellen Anleger erhebliche Abschreibungen auf ihre Investition werden tätigen müssen.

Derzeit ist nicht zu beurteilen, ob und wie die Problematik die weiteren Geschäfte Telegrams tangieren wird. Sollte das Unternehmen in irgendeiner Form haften müssen, könnte eine Insolvenz im Bereich des Wahrscheinlichen liegen. Dass Investoren rechtliche Schritte gehen werden, um Telegram wegen eines rechtswidrigen ICO haftbar zu machen, dürfte als sicher gelten.

Das waren Gram und Ton

Gram sollte fester Bestandteil des Telegram Open Network sein. Für die Kryptowährung hätte das bedeutet, dass sie auf einer dezentralen Blockchain-Struktur über ein verzweigtes Netzwerk an Computern gehostet worden wäre, die niemandem, Telegram eingeschlossen, eine Kontrolle darüber erlauben sollte, wer wem wie viel wohin und wofür zahlt. Klar, dass das Konzept Regulierern nicht gefallen konnte. Andererseits wäre eine Regulierung aber auch schwierig geworden.

Die Ton-Plattform sollte indes noch viel mehr leisten. Telegrams Vorstellungen beinhalteten ein ganzes Ökosystem an Diensten, die auf das Netzwerk aufsetzen sollten. So hätten Produkte und Dienstleistungen direkt über Telegram erworben werden können. Das Telegram Open Network sollte ähnlich leistungsfähig werden wie die Ethereum-Plattform.

Wallets wollte der Dienst für jeden seiner 200 Millionen Telegram-Nutzer verfügbar machen. Das Konzept ähnelte jenem des in Asien populären Messengers Wechat, der mit Wechat Pay ebenfalls eine Bezahllösung auf seinen Messenger gesetzt hat.

Anders als Facebooks Libra sollte Gram keinen stützenden Unterbau erhalten. So hätte sich der Wert des Gram frei am Markt bestimmt und wäre möglicherweise ähnlichen Schwankungen wie der Bitcoin unterlegen.

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2 Kommentare
P Skizzle
P Skizzle

Lustig, dass die SEC als NWO Stabilitätsgarant einer wirklichen NWO, die den Namen verdienen würde, den Regel vorschieben kann.

Bin zwar nicht so sauer wie Durov aber dafür traurig. TON hätte für ein wenig Zukunft im komplett rückständigen Deutschland gesorgt.

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Bitcoin Skeptiker

Typisches Geschäft aus Russland. Wer die seltsame Geschichte von VKontakte kennt, wird sich nicht wundern, denn Durov ist kein einfacher ITler oder Geschäftsmann :)
In Russland entsteht kein Projekt einfach so, daher…

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