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Tiktok: Geleakte Moderationsrichtlinien der chinesischen App deuten auf Zensur hin

Laut den Richtlinien sollten Posts zu Themen wie Tiananmen-Platz oder der Unabhängigkeit Tibets oder Taiwans in der Reichweite eingeschränkt werden. (Foto: dpa)

Die chinesische App Tiktok ist mit über 1,3 Milliarden Downloads weltweit das neue große Ding in Social Media. Einem Bericht zufolge soll die App ihre Nutzer zensiert haben – auch im Sinne Pekings.

Laut einem Bericht der englischen Zeitung Guardian sollen Moderatoren der chinesischen App Tiktok Videos der Nutzer zensiert haben, wenn sie von kritischen Themen wie dem Tiananmen-Platz, der Unabhängigkeit Tibets oder der Sekte Falun Gong handelten. Der Artikel beruft sich dabei auf Moderationsrichtlinien von Tiktok, die der Zeitung vorliegen.

Die Hongkong-Proteste sind überall groß– außer auf Tiktok

Die Vorwürfe sind für Bytedance, den Tech-Konzern hinter der App Tiktok, brisant: Schon Mitte September war der Zeitung Washington Post aufgefallen, dass die Proteste gegen chinesischen Einfluss in Hongkong auf fast allen wichtigen Social-Media-Plattformen abgebildet waren – nur bei Tiktok waren sie erstaunlich leise.

Die Video-Sharing-App Tiktok hat dabei international eine Reichweite erreicht, bei der das zumindest ungewöhnlich erschien: Seit über einem Jahr ist Tiktok eine der beliebtesten Apps im App-Store, mit 1,3 Milliarden Downloads.

Tiktoks Content-Moderation …

Die Moderationsrichtlinien, über die der Guardian berichtet, teilen unerlaubte Inhalte in zwei Kategorien ein: Es gibt eine „Verletzung der Regeln“ („violation“) – in diesem Fall wird ein Post komplett gelöscht und ein Nutzer eventuell gesperrt. Kleinere Verstöße gegen die internen Tiktok-Richtlinien werden als „nur für den Nutzer sichtbar“ markiert („visible to self“). Der Post bleibt online, aber die Reichweite wird von den Algorithmen eingeschränkt und der Post wird von weniger Menschen gesehen. Die Erwähnung des Tiananmen-Platz, so der Bericht im Guardian, würde in die zweite Kategorie fallen: „visible to self“.

… erinnert an Wechats Zensur auf dem chinesischen Festland

Für Nutzer bedeutet das, dass sie im Zweifel selbst nicht wissen können, ob das von ihnen gepostete Video zensiert wurde – oder einfach niemanden interessiert hat. Die Vorgehensweise erinnert dabei an die chinesische Chat-App Wechat: Auch dort können Nachrichten mit bestimmten Wörtern herausgefiltert und zensiert werden, ohne dass der Nutzer selbst darauf hingewiesen wird.

Zu dem Themen, die auf der schwarzen Liste standen, gehörten laut dem Dokument auch „Kritik an Politik, sozialen Regeln eines Staates, …, Monarchie, … das sozialistische System, etc.“. Auch Unabhängigkeitsbestrebungen wie die in Nordirland, Tschetschenien, Tibet und Taiwan hatten es auf die Liste geschafft und wurden in der Reichweite eingeschränkt.

Tiktok-Sprecherin: „Richtlinien veraltet“

Gegenüber t3n sagte Gudrun Herrmann, eine Sprecherin des Konzerns Bytedance, die Moderationsrichtlinien, über die der Guardian berichtet, seien veraltet und würden so nicht mehr genutzt. Stattdessen würde die Moderation bei Tiktok jetzt in drei Schritten passieren: 1. Die Selbstmoderation der Nutzer, dadurch, dass zum Beispiel Posts gemeldet werden. 2. Technische Moderation, nach den „üblichen Herausforderungen der Industrie“, so die Sprecherin. 3. Lokale Moderation durch Teams, die auf lokale Besonderheiten achten, wie zum Beispiel im deutschsprachigen Raum Zahlencodes, die im Zusammenhang mit rechtsradikalen Inhalten stehen. Dabei legten die öffentlichen Richtlinien fest, welche Inhalte gelöscht werden müssten. Allerdings, so die Sprecherin, gäbe es noch interne Richtlinien, die festlegen, wie die Moderation dann konkret passieren und wie mit betreffenden Nutzern kommuniziert werden soll. In Berlin, so die Sprecherin, würde ein Team Posts für den deutschsprachigen Raum moderieren.

Auf die zwei Kategorien der Moderation angesprochen („violation“, wo gelöscht wurde, oder „visible to self“, wo die Reichweite eingeschränkt wurde) sagte die Sprecherin, ihres Wissens nach gäbe es die beiden Kategorien noch. Außerdem sei auch „visible to network“ eine Kategorie, bei der Beiträge erstmal nur für Follower sichtbar seien.

Im Bezug auf die im Guardian veröffentlichten Richtlinien sagte Herrmann, Tiktok würde nicht zensieren, man habe aber „sicher auch was falsch gemacht“. Das Unternehmen sei jung und noch im Aufbau.

Eine „Plattform für die lustigen Momente“

Dass auf Tiktok erstaunlich wenig zu den Protesten in Hongkong zu finden sei, erklärt die Sprecherin gegenüber t3n mit den Präferenzen der Nutzer: „Wir sind eine Plattform für die lustigen Momente im Leben.“ Menschen würden Tiktok eher nutzen, um nach der Arbeit etwas zu entspannen, und nicht für politische Themen, wie sie etwa auf Twitter zu finden sind.

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Korrektur: In einer früheren Version des Artikels stand, dass „über 50 Mitarbeitende Posts für den deutschsprachigen Raum moderieren“. Die Zahl 50 beruht auf einem Missverständnis mit Tiktok. Das „gesamte Team in Berlin sind um die 50 Mitarbeiter, inklusive dem Moderationsteam,“ so die Sprecherin von Tiktok.

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