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Tiktok: Stolpert das soziale Netzwerk über Zensurvorwürfe?

Tiktok ist der Shootingstar aus China für junge Zielgruppen. Doch langfristig will man auch ältere Nutzer ansprechen. (Foto: BigTunaOnline/Shutterstock)

Tiktok gilt als beliebte Video-App bei Jugendlichen und Hoffnungsträger fürs Marketing. Doch es gibt auch kritische Stimmen, die insbesondere mit der chinesischen Herkunft des dahinterstehenden Unternehmens hadern.

Die Video-App Tiktok gilt als großer Hoffnungsträger fürs Marketing – auch bei deutschen Unternehmen – und als das nächste große Ding unter Jugendlichen. Das Netzwerk bietet beeindruckende Reichweiten, ein Involvement einer jungen Zielgruppe, wie man sie anderweitig kaum erreicht und eine tägliche Verweildauer, die ihresgleichen sucht.

Doch jetzt könnte dem Unternehmen Bytedance, das hinter Tiktok steht, seine chinesische Herkunft zum Problem werden. Denn von verschiedenen Seiten werden Vorwürfe gegen das Unternehmen laut, man schränke gezielt politische Inhalte in ihrer Reichweite ein oder filtere sie heraus. Klar ist, dass es hier auch um die Demonstrationen in Hongkong gehen dürfte, die man tatsächlich nur mit sehr viel Mühe zu sehen bekommt.

Moderationsregeln bei Tiktok „verwirrend vage“

Das Portal Netzpolitik.org erklärt zusätzlich, man habe über eine Quelle im Unternehmensumfeld, die über einen Arbeitsvertrag verfügt oder verfügte, exklusiv unterschiedliche Versionen von Moderationsregeln einsehen können. „Bestimmte Inhalte bekommen eine möglichst große Reichweite, während andere systematisch unterdrückt werden“, so Netzpolitik.org. Man habe auch selbst versucht, chinakritische Inhalte in Bezug auf die Sichtbarkeit zu analysieren. Die Vorwürfe sind nicht neu: Bereits vor einigen Wochen hatte der Guardian über die Zensur von Äußerungen zum Tiananmen-Massaker oder der Unabhängigkeit Tibets berichtet. Offenbar hat die Berichterstattung dazu beigetragen, dass die Moderationsregeln angepasst wurden, erklärt der Informant gegenüber Netzpolitik.org.

Interessant: Obwohl die deutschsprachigen Videos bei Tiktok auch aus Berlin und Barcelona (und nur nachts aus Peking von deutsch sprechenden Chinesen) bearbeitet werden, sei auch am deutschen Standort die Führung chinesisch. Von bis zu drei Prüfungen pro Beitrag ist die Rede, 1.000 Tickets sollen pro Acht-Stunden-Schicht abgearbeitet werden – bedeutet nicht einmal eine halbe Minute pro Video. Die Stimmung, so heißt es, sei entsprechend angespannt, der Druck hoch.

Die Regeln, die das Unternehmen seinen Moderatoren mitgibt, beschreibt Netzpolitik.org als „verwirrend vage“ und in verschiedene Richtungen auslegbar, anders als dies etwa bei Facebook üblich ist. Bemerkenswert sind die Einstufungen, die offenbar für unliebsame Videos existieren: Neben Videos, die komplett gegen die Auflagen verstoßen (das dürften noch die am wenigsten strittigen Fälle sein) gibt es Filme, die als „Visible to self“ eingestuft werden – diese bleiben weiterhin für den Ersteller zu sehen, nicht aber für Dritte. Außerdem gibt es „Not for feed“ und „Not to recommend“ für Videos, die nicht im algorithmisch kuratierten Newsfeed auftauchen sollen, was laut dem Informanten auch zu einer Beeinträchtigung bei der Auffindbarkeit in der Suche via Hashtag führen könne. Nicht zuletzt gebe es auch bei den nicht eingeschränkten Videos neben „General“ auch die Einteilung nach „Risks“, wenn die Inhalte regional gesperrt oder gedrosselt werden sollen. Die Moderation soll dabei in Zukunft offenbar von einer Machine-Learning-Lösung unterstützt werden, denn die Moderatoren (die übrigens offenbar nur in einzelnen Fällen die Tonspur mit heranziehen sollen) klassifizieren für die KI, was sie dort sehen.

Tiktok selbst bestätigt immerhin die Existenz von „Deletion“, „Visible to self“ und „Risks“. Mit „Risks“ werden demnach Inhalte markiert, die in bestimmten Ländern gegen lokale Gesetze verstoßen könnten. Auch ansonsten hat man sich generell schon zu den Vorwürfen gegenüber Netzpolitik.org geäußert: „Tiktok moderiert keine Inhalte basierend auf politischen Ausrichtungen oder Sensitivitäten“, heißt es im dem Statement. „Unsere Moderationsentscheidungen sind durch keine fremde Regierung beeinflusst, was die chinesischen Regierung einschließt. Tiktok entfernt weder Videos rund um die Proteste in Hongkong noch werden Videos rund um die Proteste in Hongkong in ihrer Reichweite unterdrückt. Das umschließt Inhalte zu Aktivisten.“

Tiktok: Der Verfassungsschutz schaut kritisch hin

Sehr genau schauen sich auch das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesbeauftragte für Datenschutz laut Medienberichten die Plattform und das dahinter stehende Unternehmen Bytedance an. Problematisch für Bytedance könnte all das werden, wenn sowohl seitens der werbenden Kundschaft, die bisher mehr als begeistert von Tiktok ist, und seitens der Eltern der meist jungen Kundschaft die Stimmung kippt. Denn einerseits ist Tiktok natürlich vor allem die heile und unpolitische Welt, die aus kleinen Wettbewerben und der „Lust am Unperfekten“ besteht, andererseits sind in Sachen Zensur europäische Befindlichkeiten oft etwas anders gelagert als chinesische.

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