Kommentar

Europa 2030: Vom Weltmeister der Regulierung zum Weltmeister neuer Visionen

Autor Tim Leberecht: „Die europäische Idee ist für mich die Idee vom schönen, wahren und guten Leben.“ (Foto: Leberecht)

Tim Leberecht ist Gründer der Business Romantic Society, Autor und Ted-Speaker. Für unsere Themenwoche Europa hat er aufgeschrieben, wie er sich Europa 2030 vorstellt – und was bis dahin noch passieren muss.

Die USA, so lästern böse Zungen, seien die einzige Nation, die von Barbarei direkt zur Dekadenz übergegangen ist, und dabei die Phase der Zivilisation übersprungen hat. Für Europa, den Inbegriff der zivilisierten westlichen Welt, drohen im kommenden Jahrzehnt beide Extreme – Dekadenz und Barbarei, Verfall und Katastrophe. Auf der einen Seite könnte es zum Museum oder gar Mausoleum verkommen, zum nostalgischen, künstlich am Leben gehaltenen Konstrukt vergangener Zeiten. Auf der anderen Seite ist nicht auszuschließen, dass wir gewaltsame Eskalationen von schwelenden Konflikten erleben. Die Auflösungserscheinungen und Fliehkräfte sind jedenfalls enorm, und an selbsterfüllenden Prophezeiungen gibt es in Zeiten von wachsendem Extremismus keinen Mangel. Der Mantel der Zivilisation, der uns vor dem Barbarischen schützt, ist hauchdünn.

Daher ist mein Wunsch für das Europa in 2030 ganz einfach: Ich will vor allem, dass es Europa dann noch gibt.

Das meine ich trotz aller legitimen Sorgen weniger schwarzmalerisch, als es klingen mag, sondern eher als eine Liebeserklärung an einen Partner, an dem man vor allem schätzt, dass er da ist. Als ich in Deutschland aufwuchs, war Europa eine angenehme Tatsache, eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Doch erst als ich für 15 Jahre in den USA lebte, wurde Europa zur Heimat und ich zum Europäer. Ich begriff, dass Europa vor allem eine Idee ist, und wie jede Idee zart und zerbrechlich. Das Schöne ist überlebenswichtig

Die europäische Idee, das ist für mich die Idee vom schönen, wahren und guten Leben

Mit dem Schönen verbinde ich Ästhetik im weiteren Sinne: nicht nur harmonische Form oder Schöngeisterei, sondern eine sinnliche Welterfahrung, die Wert nicht auf Nützlichkeit reduziert und uns erlaubt, eine nicht nur rein binäre, sondern mehrdeutige, wechselhafte Beziehung zur Welt zu haben. Um das Schöne zu stärken, sollte Europa in die Geisteswissenschaften investieren, Kunst- und Kulturinitiativen unterstützen und ästhetische Intelligenz in allen Lebensbereichen und Berufsfeldern fördern. Es ist ein zutiefst europäisches Projekt, zu überlegen, wie wir beispielsweise das Internet-of-Things schöner machen können. Das Schöne ist überlebenswichtig.

Das Wahre, das sind unsere Emotionen. Die mögen uns ab und an in die Irre führen, aber sie belügen uns nie. Je besser wir sie kennen und mit ihnen umzugehen lernen, desto weniger anfällig sind wir für algorithmische Manipulationen. Gerade angesichts von KI und Machine Learning ist eine neue sentimentale Erziehung unverzichtbar. Unser Innenleben ist der nächste Moonshot.

Die Wahrheit ist ein Pfund, mit dem wir wuchern sollten

Aber die Sehnsucht nach dem Wahren ist auch eine Sehnsucht nach Wahrheit. In den USA habe ich gelernt, Effektivität über alles andere zu stellen und schnell in materiellen Wert zu verwandeln. In Europa dagegen ist die Wahrheit langsam und schwer. Sie ist ein Pfund, mit dem wir wuchern sollten.

Das Gute, schließlich, ist die Ethik, die Lehre von der Qualität unseres Handelns, vor allem im Bezug auf den anderen. Der andere: Das ist der andere auf der anderen Seite der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich; das ist der andere im digitalen Prekariat, in den informellen Arbeitsverhältnissen der Gig-Economy; das sind Minderheiten und Andersdenkende; das sind andere Identitäten und Kulturen; das sind nachfolgende Generationen und die Natur.

Der andere wird schließlich zunehmend auch KI sein. Welche Rechte wir dieser zusprechen und wie wir sie behandeln, wird viel über uns als Gesellschaft und nicht zuletzt als Zivilisation aussagen. KI ist der ultimative andere, das ultimative Integrationsprojekt.

Dabei hat Europa begriffen, dass eine digitale Ethik nicht nur auf humanistische Kulturgüter zurückgreifen, sondern auch einen echten Exportschlager darstellen kann, von der DSGVO und den EU-Richtlinien zur KI bis hin zum Konzept der Corporate-Digital-Responsibility (die an die Stelle der blutleeren CSR treten soll, um die Externalitäten von Unternehmen in der digitalen Gesellschaft zu reflektieren und proaktiv zu managen).

Die große Chance liegt für Europa nun darin, vom Weltmeister der Regulierung zum Weltmeister neuer Visionen zu werden: etwa der Vision von einer digital-sozialen Gesellschaft, die eine Marktwirtschaft, aber eben keine Marktgesellschaft ist; die Vision von einem Europa, das sich dem Schönen, Wahren und Guten verschreibt, und in dem die Würde des Menschen auch dann unantastbar bleibt, wenn wir als einzelner oder als Kollektiv zu den Verlierern des großen digitalen Optimierungswettbewerbes zählen sollten.

Wenn uns das gelingt, wird es Europa im Jahre 2030 noch geben – und es wird wichtiger sein als je zuvor.

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