Kommentar

The Time is now: Warum es nie eine bessere Zeit gab, in Deutschland ein B2B-Startup zu gründen

(Grafik: Shutterstock)

Lohnt es sich, in Deutschland ein B2B-Startup zu gründen? Unser Gastautor ist der Meinung, dass es keine bessere Zeit dafür gibt als genau jetzt.

Wie gut lässt es sich in Deutschland gründen? Als Startup-Standort haben wir einen durchwachsenen Ruf. Insgesamt steht Deutschland im internationalen Vergleich mittlerweile ziemlich gut da, gleichzeitig beklagen sich (potenzielle) Gründer über Hürden bei der Umsetzung ihrer Ideen. So wird in einer Umfrage von PWC aus dem Jahr 2018 beispielsweise die digitale wie auch die logistische Infrastruktur hierzulande von knapp 90 Prozent der befragten Startup-Geschäftsführer als gut bis sehr gut bewertet. Ganz anders sieht es aber dann etwa mit den gesetzlichen Auflagen beim Gründen aus – ein ganzes Viertel der Entscheider bewertet die bürokratischen Hürden als groß bis sehr groß. Auch die wirtschaftspolitischen Initiativen können absolut nicht überzeugen, wie auch das Angebot an qualifizierten Mitarbeitern.

Was also damit anfangen? Lohnt es sich gerade, in Deutschland zu gründen, speziell im B2B-Bereich? Oder sollten sich Gründer besser nach anderen Standorten umsehen – oder lieber noch warten mit der Umsetzung ihrer Idee? Es gibt ein paar Argumente, die dafür sprechen, genau jetzt loszulegen:

1. Rahmenbedingungen ändern sich radikal

Nehmen wir als Beispiel die deutsche Industrie: Beobachtet man hier den Markt, so stellt man fest, dass er sich schnell und radikal ändert. Die Niedrigzinsphase, in der wir seit einiger Zeit leben und die uns noch eine Weile begleiten wird, ist ein wichtiges Element, das die Transformation in Industriemärkten maßgeblich beeinflusst. So sucht das günstige Geld, das in Massen in die Märkte gepumpt wird, nach Renditemöglichkeiten. Dadurch entstehen neue Asset-Klassen, wie zum Beispiel Equipment-as-a-Service, bei dem Produzenten von Maschinen ihre Produkte als Service anbieten und gar nicht mehr das Produkt selbst verkaufen. Man spricht dabei auch vom Capex- zum Opex-Wandel. Diese Transformation erfordert aber nicht nur verfügbares günstiges Kapital, sondern auch die passende Technologie. Pay-per-Use-Modelle, Mandantenfähigkeit, verursachergerechte Abrechnung oder Uptime-Garantien sind neue Optionen, die durch Technologie ermöglich werden. Auch für die Blockchain-Technologie ist dies, abseits vom Hype, ein spannendes Anwendungsfeld. Darüber hinaus bietet die Digitalisierung auch weitere interessante Anwendungsfälle, etwa IT-Sicherheit oder Edge-Computing. Sozusagen ein Blumenstrauß an Möglichkeiten, die nur darauf warten, erfolgreich umgesetzt zu werden!

Auch leidet die deutsche Wirtschaft – besonders die Industrie – daran, dass kaum mehr vorhersagbar ist, wie die nächste Dekade aussehen wird und mit welchen Absatzzahlen man rechnen kann. Die Automobilbranche ist dafür ein gutes Beispiel. Für die OEM (Original Equipment Manufacturer) ist es beispielsweise sehr schwierig geworden, vorherzusagen, wie lange der Verbrennungsmotor noch gebaut wird und in welcher Stückzahl. Diese Unsicherheit „skaliert“ durch die komplette Automobil-Zulieferkette und betrifft viele kleinere, sehr spezialisierte Unternehmen, die Unterstützung beim Bewältigen dieser Markttransformation benötigten.

2. Die DIY-Zeiten sind vorbei

Ein weiterer Grund ist, dass die „Do it yourself“-Zeit in den meisten Unternehmen vorbei ist. Vor fünf Jahren hat praktisch jedes Unternehmen ein eigenes Digitalteam etabliert, eigene Ausgründungen vorangebracht, eigene digitale Gimmicks entwickelt und versucht, durch innovative und dem Zeitgeist entsprechende Produkte Fuß zu fassen im digitalen Zeitalter. Der anfänglichen Euphorie folgt nun die Ernüchterung. Die Umsetzung der Ideen ist schwieriger, als die Powerpoint-Slides weismachen, und es ist schwer, Menschen Unternehmertum anzutrainieren.

3. Unternehmenskultur im Wandel

Auch die Einkaufskultur bei Unternehmen hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr gewandelt. Großunternehmen, aber auch Mittelständler verstehen immer mehr, dass Startups Unternehmen etwas anbieten können, das die klassischen Lieferanten nicht haben. Sie passen ihre Prozesse dementsprechend immer mehr an, so dass es für Startups immer einfacher wird, in eine kommerzielle Beziehung mit etablierten, tradierten Unternehmen zu treten. Auch wenn es hier immer noch Verbesserungspotenzial gibt, so kann man doch in mehr und mehr Branchen feststellen, dass sich der Mindset da gerade ändert.

Gleichzeitig bietet aber das Thema Kultur auch einen Schutz für heimische Startups. Wir haben in Deutschland, insbesondere in der Industrie, sehr viele Hidden Champions außerhalb der großen Städte. Das ist für ausländische Startups sehr schwer zu durchdringen. Nicht nur unsere Sprache, auch unsere Kultur ist für Angelsachsen schwer zu verstehen. Deutsche Startups sollten dies zu ihrem Vorteil nutzen und auch kulturell auf die Bedürfnisse unserer Unternehmen eingehen.

4. Verfügbarkeit von Venture-Capital

Ein weiteres Element ist die Verfügbarkeit von Venture-Capital. Auch wenn Deutschland noch viel aufzuholen hat und noch wesentlich mehr Kapital – speziell in den späteren Wachstumsphasen – benötigt wird, haben es deutsche Startups heutzutage wesentlich einfacher als früher, an Venture-Capital zu kommen. Zum einen gibt es heute schlicht mehr heimisches Kapital. Zum anderen investieren immer mehr angelsächsische Investoren ihr Geld auch in Deutschland. Im Gegensatz zu uns entwickelt sich zudem auch Frankreich gerade zur Startup-Nation, und vom Geld unserer Nachbarn profitieren wir ebenso. Denn: Kapital kennt keine Ländergrenzen.

5. Profitieren von der Rezession

Nicht zuletzt wird die Rezession, die auf uns zukommt, wie ein Beschleuniger wirken. Sie wird die „DIY-Fraktion“ innerhalb von Unternehmen weiter ausdünnen. Gelder für digitale Spielereien werden weiter gekürzt, stattdessen greifen Unternehmen vermehrt auf substanzielle Angebote im Markt zurück, die einen echten Mehrwert bringen, vom Markt validiert sind und schnell umgesetzt werden können. Auch wird die Rezession den Handlungsdruck für Unternehmen allgemein erhöhen, da sich die Zahlen verschlechtern und echter Wandel und nachhaltige Transformation wichtiger werden.

6. Accelleratoren, Inkubatoren und Labs verlieren an Bedeutung

Dies wird zum weiteren Abbau der bereits vielfach gescheiterten Accelerator- und Inkubator-Programme führen. Es gibt dann wesentlich weniger Störgeräusche im Markt, was den Fokus auf das Wesentliche lenken wird. Unternehmen mit einem echten Mehrwert finden dann einfacher Gehör und können sich schneller beweisen. Substanz wird gefragter sein denn je und zu schnelleren Kaufentscheidungen führen.

7. Volkswirtschaftliche Relevanz

Abschließend wird ein digitales Angebot, das bei der Transformation unserer Kernmärkte helfen kann, auch eine volkswirtschaftliche Relevanz haben. Wir haben das Consumer-Internet verschlafen, wir haben die Energiewende erfunden und dann anderen ihre Monetarisierung überlassen. Die deutsche Volkswirtschaft, die immer noch sehr von der starken deutschen Industrie profitiert, hat das überstanden. Verschlafen wir allerdings die nächste industrielle Evolution, werden wir ein volkswirtschaftliches Beben spüren, das einen massiven Einfluss auf unseren gedachten und erhofften Wohlstand haben wird. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Startups, die zur digitalen Transformation unserer Unternehmenslandschaft beitragen und sie dabei unterstützen, Relevanz im Markt zu behalten, einen sehr wichtigen Impuls liefern können. Das hilft bei der Mitarbeiter-Rekrutierung (Purpose!) ebenso wie beim Beschaffen zusätzlicher Fördergelder.

Und jetzt?

Dieser Artikel macht hoffentlich deutlich, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt, um in Deutschland ein B2B-Unternehmen zu gründen. Wir haben ideale Kunden vor der Haustür, wir haben einen kulturellen Verständnisvorteil, das nötige Kapital und am wichtigsten: den Druck als Volkswirtschaft, uns zu wandeln. Packen wir’s an!

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