Kommentar

TLGG-Gründer: „Europa 2030 bleibt eine leere Vision, wenn wir Europa 2019 nicht gestemmt kriegen“

TLGG-Mitgründer Christoph Bornschein berät Dax-Unternehmen zur Digitalisierung. (Foto: TLGG)

Christoph Bornschein ist Mitgründer der Agentur TLGG und berät Dax-Unternehmen zur Digitalisierung. Für unsere Themenwoche Europa hat er aufgeschrieben, wie er sich Europa 2030 vorstellt – und was bis dahin noch passieren muss.

Die Desintegration der europäischen Gemeinschaft. Der zunehmend spürbare Imperativ weltweiter Klimaveränderungen. Die weltweiten Migrationsströme und Europas Rolle als ihr Auslöser einer- und ihr Sehnsuchtsort andererseits. Die strukturelle Diskriminierung und der gesellschaftliche Rollback. Das Verschwinden der Mittelklasse. Die Verschärfung der globalen Konkurrenz der Volkswirtschaften –  dabei die erratische Radikalität der einen Weltmacht und die konsequente Radikalität der anderen. Und immer wieder Digitalisierung: Digitalisierung in der Bildung und Digitalisierung in der Kommunikation, Digitalisierung in den Wertschöpfungsketten und Digitalisierung in den Geschäftsmodellen, Digitalisierung in den Industrien, in der Logistik, in der Mobilität, an jedem Arbeitsplatz.

Das Knirschen der Institutionen

Die Liste der Herausforderungen für alle, und speziell für Europa, ist lang. Dazu die vielen übergreifenden und Querschnittsthemen wie die 5G/Huawei-Debatte und die Integration des europäischen Binnenmarktes. Und drumherum und überall das Knirschen der überlasteten, überalterten, extrem reformbedürftigen Strukturen, Systeme und Institutionen. Und das Knirschen der Zähne derer, die schon gern fortschrittlich wirken, aber ungern Reformen angehen wollen, die ihnen viel Arbeit, aber kaum unmittelbare Vorteile bringen.

„Europa 2030 aber bleibt eine leere Vision, wenn wir Europa 2019 nicht gestemmt kriegen“

Wie ich mir Europa 2030 vorstelle? Ich stelle mir ein Europa vor, das Antworten auf all diese und viele hier ungenannte Herausforderungen gefunden und umgesetzt hat. Was dafür passieren muss? Europa muss Antworten auf all diese und viele hier ungenannte Herausforderungen finden und umsetzen. Dies jedoch setzt das Erwachen eines Reformwillens voraus, wie man ihn dieser Tage selten findet – zumindest selten vorwärts, in die Zukunft gerichtet.

Während die Liste der Herausforderungen wächst und die Zeit, die zu ihrer Bewältigung bleibt, abläuft, widmen wir unsere Kraft lieber der Metadiskussion über die Gewichtung und Korrektheit der Liste an sich. Europa 2030 aber bleibt eine leere Vision, wenn wir Europa 2019 nicht gestemmt kriegen. Die Ergebnisse der ECFR-Umfrage der letzten Woche, nach der eine Mehrheit der Europäer ein Auseinanderbrechen der EU in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren für realistisch hält, ist auch ein Symptom der aktuellen Resignation: Wir kriegen es einfach nicht hin.

Wirtschaft prägt Gesellschaft

Dass die formulierten Lösungsvorschläge so oft die Wirtschaft im Blick haben, dass so oft nicht soziale und kulturelle Fragen, sondern der europäische Binnenmarkt im Fokus steht, mag den hartgesottenen Demokraten verdrießen. Doch die Mechanismen des digitalen Wandels setzen deutlich sichtbar die Binse um, dass Wirtschaft Gesellschaft prägt.

Wirtschaft prägt Bildung, prägt Ressourcenverteilung, prägt Stadtbilder, prägt den Alltag, prägt unsere Identität als arbeitende Individuen. Ein Gespräch über die Zukunft Europas muss deshalb zunächst ein Gespräch über Europas Wirtschaftskraft sein, über Europas Wettbewerbsfähigkeit, über Europas digitale Strategie.

Denn hier sichern wir die europäische Handlungsfähigkeit, die es uns erlaubt, die wesentliche Frage unserer Zeit zu beantworten – oder besser noch: sie überhaupt zu stellen. Wie also wollen wir in Europa leben?

Die aktuelle Hausse des reaktionären Populismus baut auch auf der Illusion auf, dass diese Frage längst beantwortet sei. Wie wir leben wollen? Na, wie immer, wie früher, mit nicht so vielen Fremden und unbehelligt vom Rest der Welt. Als wären die 27 Jahre seit dem Fukuyama-Wort vom Ende der Geschichte nur eine Reihe unzusammenhängender Ereignisse gewesen, kurze Ausrutscher in der sonst hochlinearen Entwicklung der Staaten, Regionen, Individuen.

„Ein Europa, das seine Isolationsillusionen überwindet und damit den Sprung ins 21. Jahrhundert schafft“

Doch die Rahmenbedingungen haben sich, Fukuyama zum Trotz, fundamental verändert. Und so sieht sich die Gesellschaft zur intensiven, eiligen Selbstanalyse gezwungen: Welche bewährten und wertstiftenden Elemente unseres Miteinanders sind in einem neuen Zeitalter von Vorteil, welche sind Ballast? Ein Europa 2030 ist ein Europa, das solche Fragen nicht scheut. Das im Austausch von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Antworten findet. Ein aufrichtig kooperatives Europa, das die obige unvollständige Liste der Herausforderungen in Gemeinschaft abarbeiten kann. Ein Europa, das seine Isolationsillusionen überwindet und damit den Sprung ins 21. Jahrhundert schafft. Vielleicht nicht direkt zur Jahrhundertwende, aber immerhin.

Unser neues Heft „Hey Europa“ beschreibt, wie wir eine positive digitale Zukunft für Europa erschaffen können. Dazu haben wir ein Manifest veröffentlicht – beteilige dich hier an der Diskussion!

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