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Interview

Deutsch-iranische Microsoft-Mitarbeiterin zum Trump-Dekret: „Ich war schockiert“

Die Microsoft-Mitarbeiter Sepideh Schönfeld war von Trumps „Muslim Ban“ betroffen. Ihren Glauben an die offene Gesellschaft der USA hat sie dadurch nicht verloren. (Foto: t3n.de)

Sepideh Schönfeld ist Deutsch-Iranerin, arbeitet bei Microsoft und war vorübergehend von Trumps Dekret zum Einreisestopp betroffen. Ein Gespräch über die Haltung der US-Regierung.

Die Microsoft-Mitarbeiterin Sepideh Schönfeld ist im Iran geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Deutschland. Sie ist eine der Personen hierzulande, die zwei Staatsbürgerschaften haben. Ihr iranischer Pass machte sie am vergangenen Wochenende jedoch zur Aussätzigen. Obwohl sie schon lange für den amerikanischen Tech-Konzern arbeitet und beruflich als auch privat viel Zeit in den USA verbringt, setzte die US-Regierung sie aufgrund ihrer Wurzeln auf eine schwarze Liste: Für sie galt ein Einreisestopp. Der sogenannte „Muslim Ban“, den Donald Trump per Dekret angeordnet hat, betraf sie unmittelbar.

Mit unserem Redakteur Andreas Weck spricht sie über die Verfügung des US-Präsidenten und erklärt, was während der Phase des Ausschlusses in ihr vorging. Ihre Enttäuschung ist groß, denn Trumps Entscheidung, so sagt sie, spiegelt nicht das Amerika wider, das sie kennengelernt hat.

Deutsch-iranische Microsoft-Mitarbeiterin Sepideh Schönfeld spricht über das Trump-Dekret

Trumps „Muslim Ban“ bringt Aktivisten auf die Straße. (Foto: dpa)

t3n.de: Sepideh, das Trump-Dekret zum Einreisestopp betraf auch dich. Als gebürtige Iranerin mit deutschem und iranischem Pass wurde dir die Einreise in die USA zeitweise verweigert. Was ging in dir vor als die Meldung dich erreichte?

Sepideh Schönfeld: Ich war äußerst schockiert, betroffen und zwei bis drei Tage lang extrem aufgewühlt. Auf so eine Weise diskriminiert zu werden, hat sich sehr demütigend und verletzend angefühlt. In meinem Freundes- und Verwandtenkreis herrschte ebenfalls Unverständnis, Entsetzen und teilweise auch Wut. Auf der einen Seite waren viele von uns nicht komplett überrascht, auf der anderen haben wir uns aber auch immer wieder gefragt, wie so etwas eigentlich passieren konnte.

t3n.de: Wie oft fliegst du in die USA? Und was für ein Verhältnis hast du zu dem Land?

Schönfeld: Ich fliege mindestens einmal bis mehrmals jährlich in die USA, sowohl aus beruflichen als auch aus privaten Gründen. Einige meiner besten Freunde sind US-Amerikaner, und auch zu meinen Kollegen in den USA habe ich einen regelmäßigen Kontakt. Ich habe sie alle als äußerst weltoffen und aufgeschlossen gegenüber anderen Nationalitäten erlebt. Und ich habe mich ganz bewusst für ein US-amerikanisches Unternehmen wie Microsoft als Arbeitgeber entschieden, da hier die Werte „Diversity“ und „Inclusion“ wirklich gelebt werden. Das Trump-Dekret hat mich daher sehr getroffen und enttäuscht, da es überhaupt nicht das Amerika widerspiegelt, das ich kennen gelernt habe.

t3n.de: Fühlt man sich verraten, wenn man für ein US-Unternehmen arbeitet, die hiesige Regierung einen jedoch mit so einem Dekret überhaupt nicht wertschätzt?

Schönfeld: Es hat sich vermutlich noch etwas absurder und ungerechter angefühlt, gerade weil man sich auch als Teil des Unternehmens zumindest ein Stück weit mit den USA identifiziert. Ich weiß jedoch auch ganz klar, dass ein Unternehmen nicht automatisch mit der Regierung eines Landes gleich gesetzt werden kann und dass auch insbesondere die Menschen eines Landes nicht unmittelbar mit der Regierung gleichgesetzt werden können. Ich werde nicht den gleichen Fehler begehen und generalisieren, sondern ich werde auch weiterhin die positiven Seiten und Menschen sehen, die dieses Land prägen und die für Gerechtigkeit und Offenheit kämpfen.

t3n.de: Was für Kreise hat die Nachricht bei Microsoft gezogen? 

Schönfeld: Bereits am Wochenende gab es ein erstes Schreiben von unserem CLO Brad Smith an alle Mitarbeiter und ebenso ein Statement von unserem CEO Satya Nadella auf Linkedin. Microsoft USA hat in dem Schreiben vor allem den unmittelbar betroffenen Mitarbeitern, die innerhalb der USA reisten oder auf dem Rückweg in die USA waren, Hilfestellung und Zuspruch geboten. Ebenso hatten sie die betroffenen Mitarbeiter, die ihnen bekannt waren, einzeln angeschrieben und sowohl für diese als auch ihre Angehörigen eine E-Mail-Adresse eingerichtet, an die sie Fragen richten konnten.

Es ist natürlich positiv, dass der erste Widerstand gegen die menschenverachtende Politik etwas bewegt hat, aber er darf jetzt keineswegs nachlassen

Microsoft Deutschland hat dann auch recht zügig ganz offiziell Position bezogen und das Dekret als fundamentalen Rückschritt bezeichnet. Das alles und mutmachende Nachrichten meiner Kollegen haben mir gezeigt, wie stolz ich sein kann, für ein Unternehmen zu arbeiten, in dem so viele Menschen humanitäre Werte teilen und in solchen Zeiten ganz fest hinter ihren Kollegen stehen.

t3n.de: Wie viele Kollegen waren noch betroffen?

Ich weiß von mindestens drei weiteren Kollegen, die zu dem Zeitpunkt betroffen waren – ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es in Deutschland noch viele mehr gab. Ich glaube, dass der Mehrheit der Mitarbeiter die genaue Bedeutung der Situation noch nicht ganz klar war. Nicht alle realisierten, dass es nicht nur Menschen aus den sieben Ländern betraf, sondern auch diejenigen mit doppelter Staatsbürgerschaft. Ich habe dann am Montag ein Schreiben an meine deutschen Kollegen verfasst, um sie über das Ausmaß dieses Dekrets nochmals aufmerksam zu machen. Ich habe ihnen meine persönliche Situation dargestellt.

t3n.de: Inzwischen ist der Einreisestopp gelockert. Bei Bürgern mit zwei Pässen gilt inzwischen der Pass des Landes, das nicht auf der Blacklist steht. Das ist ja erst einmal eine gute Nachricht für dich. Aber was sagt das jetzt genau über die Trump-Regierung aus?

Schönfeld: Für mich wirkt die Lockerung des Einreisestopps wie eine Kurzschlussreaktion, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Die Bürger der einflussreichsten Länder sollen eine Ausnahmeregelung bekommen, damit diese Länder keinen Widerstand mehr leisten. Es ist natürlich positiv, dass der erste Widerstand gegen die menschenverachtende Politik etwas bewegt hat, aber er darf jetzt keineswegs nachlassen, da immer noch Millionen von Menschen betroffen sind.

t3n.de: Das Dekret besteht in Teilen weiter. Was für einen Effekt wird das auf das Ansehen der USA im Ausland deiner Meinung nach haben? Was bedeutet so ein Vorstoß für deren wirtschaftliche Interessen? Und was für die US-amerikanische Gesellschaft?

Schönfeld: Ich glaube, es ist noch zu früh, um beurteilen zu könne, welchen Effekt das Dekret langfristig auf das Ansehen der USA haben wird. Für mich zeugt es aktuell von Instabilität und Unruhe und leider einem großen Rückschritt. Da die USA einen der wichtigsten Wirtschaftsräume darstellt, glaube ich, dass die Politik des Protektionismus nicht nur der Wirtschaft der USA, sondern leider der gesamten Weltwirtschaft schaden wird. Zudem wird die Polarisierung der US-amerikanische Gesellschaft durch Beschlüsse wie diese noch weiter zunehmen.

t3n.de: Derzeit erleben wir in Europa und speziell auch in Deutschland eine ähnliche politische Entwicklung. Rechtskonservative und Neurechte genießen nicht unerheblichen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung. Befürchtest du, dass hierzulande ein vergleichbarer Politikwechsel stattfinden könnte?

Schönfeld: Ich möchte hoffen, dass wir aufgrund der Geschichte Deutschlands niemals zulassen werden, dass Rechtspopulisten eine Mehrheit in der Regierung erhalten. Allerdings führen diese Strömungen insgesamt dazu, dass wir uns von einer offenen Gesellschaft weg entwickeln. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Kindheit und die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992. Damals waren wir alle nur die „Ausländer“ und kein akzeptierter Bestandteil der Gesellschaft.

t3n.de: Was ist seitdem passiert?

Damals haben wir befürchtet, dass wir wohlmöglich ein zweites Mal aus einem Land fliehen müssen. Es hat lange gedauert, bis sich auch die deutsche Gesellschaft geöffnet hat und wir tatsächlich von einer multiethnischen Gesellschaft und Menschen mit verschiedenen Migrationshintergründen sprechen konnten. Heute werde ich zwar noch nach meinen Wurzeln gefragt, aber dennoch als deutsche Staatsbürgerin akzeptiert. Mir macht es sehr große Sorgen, dass es bei uns, ähnlich wie in den USA, zu einem großen Rückschritt kommen könnte und Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgeschlossen und diskriminiert werden.

t3n.de: Wie sollte es jetzt deiner Meinung nach weitergehen? Muss die Zivilgesellschaft in Anbetracht der derzeitigen Lage umso aktiver sein, um einen möglichen deutschen Trump zu verhindern?

Schönfeld: Ja! Es ist an uns allen, dass wir lauter werden und für Gerechtigkeit eintreten. Es reicht nicht aus, den Kopf zu schütteln und sich hinter geschlossenen Türen zu ärgern oder hier und da mal einen Facebook-Post von jemandem zu liken. Wir müssen uns noch besser informieren, recherchieren, demonstrieren gehen, die sozialen Medien viel intensiver nutzen und ganz klar Stellung beziehen, indem wir Beiträge schreiben, sie teilen und somit zeigen, wo wir stehen.

Wir sollten nicht nur darauf warten, dass sich unsere Politiker und unsere Führungspositionen äußern. Wenn wir Mut zur Diskussion haben, von Offenheit und Gerechtigkeit überzeugt sind, schaffen wir es auch, sogar als kleine Einzelperson andere zu bewegen und vielleicht auch diejenigen mit noch mehr Einflussmöglichkeiten zu erreichen.

t3n.de: Reicht es denn, allein eine starke Gegenöffentlichkeit zu bilden?

Schönfeld: Natürlich dürfen wir gleichzeitig nicht vergessen, denjenigen zuzuhören, die Sorgen haben. Vielleicht können wir sie aufklären und Missverständnisse beheben. Die Bildung stellt einen ganz zentralen Punkt dar, und wir dürfen nicht vergessen, dass nicht jeder seine Meinung aus dem gleichen Wissensstand herausbildet. Es gibt viele Menschen, die sehr wenig über die muslimisch geprägten Länder wissen. Es ist wichtig, dass wir hier unser Wissen teilen und ihnen Daten und Fakten nahebringen.

t3n.de: Also ist die Sache für dich jetzt nicht erledigt, da du wieder in die USA einreisen darfst?

Schönfeld: Die Sache ist für mich ganz und gar nicht erledigt. Ich beschäftige mich besonders in den letzten Tagen noch viel mehr mit der Thematik, und ich fühle mich jetzt sogar verpflichtet, für die zu kämpfen, die noch betroffen sind, die Problematik offen anzusprechen und ebenso andere zu motivieren, sich einzusetzen. Für die Entwicklung in unserem Land sehe ich es unter anderem als einen der wichtigsten Punkte an, zumindest alle meine Mitbürger zur Bundestagswahl aufzurufen und ihre Stimme nicht zu verschenken.

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3 Reaktionen
Geronimo

Wann hat die US-Regierung mal keine menschenverachtende Politik gemacht?
Sie überziehen den Planeten mit Krieg, Terror und Schulden und hinterlassen nur Chaos und Verzweiflung.
Und sich jetzt künstlich zu echauffieren, weil wieder mal fragwürdige Entscheidungen getroffen wurden ist mehr als nur lächerlich.

Antworten
Hans

Mit meinem israelischen Pass kann ich in keines der jetzt betroffenen Länder einreisen. Schon mal darüber nachgedacht?

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AxelSiegler

... schon aus reiner Selbsterhaltung würde für Juden dieses Einreiseverbot auch ohne gesetzliche Manifestation bestehen, weil die überwiegende Mehrheit in diesen Ländern Hitler verehrt und das zu Ende bringen möchte, was er nicht vollenden konnte. Das ist nur einer von vielen Gründen (die unsere Nazis gegenüber diesen Steinzeitnazis quasi als Chorknaben dastehen lassen!), weshalb es für diese Länder keine Blacklist, sondern nur eine Whitelist geben sollte! Einreiseverbot ist überfällig - auch wenn es mir für die persische -zumeist wirklich vorbildliche- Diaspora aufrichtig leid tut!

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