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Analyse

Warum Kryptowährungen zum Strohhalm für Krisenstaaten werden

Erfolgreicher Start der Kryptowährung Petro in Venezuela. (Foto: Gabor Kenyeres/Shutterstock)

Erst Großbritannien, dann Russland, jetzt auch die Türkei: Mehrere Länder denken über eine eigene Kryptowährung nach, der Erfolg des venezolanischen Petro scheint die Idee zu befeuern. Aber kann ein staatlicher Bitcoin wirklich funktionieren?

Zu den unzähligen Kryptowährungen könnte sich bald eine neue gesellen: der Turkcoin. Medienberichten zufolge denkt die türkische Regierung über eine eigene digitale Währung nach. Hinter dem Geld sollen demnach wie auch im Falle von Venezuela Sicherheiten stehen, die das Investment absichern sollen. Die technischen Details der Idee sind aber noch unklar.

Die Türkei ist nicht das erste Land, das öffentlich eine staatliche Kryptowährung ins Spiel bringt. Auch Großbritannien oder Russland haben schon entsprechende Überlegungen angestellt. Was all diese Länder gemein haben: Sie sind wirtschaftlich angeschlagen. Die Türkei wächst zwar, aber nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds zu schnell, was die Inflation in die Höhe treibt und Unternehmen Probleme bereitet. Großbritannien droht durch den anstehenden Brexit den Anschluss an die europäische Wirtschaft zu verlieren. Russland leidet unter den Sanktionen, die dem Staat wegen der Krim-Annexion auferlegt worden sind – die Industrie stagniert seit 2014. Eine eigene Kryptowährung wäre für all diese Länder eine gute Möglichkeit für neues Kapital. Ein letzter Strohhalm, sozusagen.

Geld einnehmen am Beispiel Venezuelas

Dass das funktionieren kann, bewies in dieser Woche Venezuela. Das Land steht seit Monaten kurz vor der Staatspleite, die Inflation steigt und steigt, die Bürger protestieren gegen die Misswirtschaft der Regierung. Anfang Dezember kündigte der Staat schließlich eine eigene Kryptowährung namens Petro an. Am Mittwoch begann der Vorverkauf – mit Erfolg: Am ersten Tag nahm die Regierung von Nicolas Maduro rund 735 Millionen US-Dollar ein. Schon jetzt gibt es Gerüchte über eine zweite Kryptwährung namens Petro Gold.

Venezuelas Präsident Nicolas Maduro. (Foto: Golden Brown/Shutterstock.com)

Kryptowährung gegen die Krise – ist es wirklich so einfach? Das Beispiel von Venezuela sorgt zumindest für breite Skepsis in der Finanzszene. Das Handelsblatt schreibt von einer „Luftnummer“: Es gehe vor allem darum, die Sanktionen gegen das Land zu umgehen, zitiert die Zeitung den Experten Daniele Bianchi von der Warwick-Business-School. „Der Launch des Petros ist der verzweifelte Versuch Venezuelas, an Kapital zu kommen.“

 „Die Währung schaut wie ein kompletter Betrug aus.“

Hinzu kommen Zweifel am tatsächlichen Wert der Währung. Offiziell hat Venezuela die digitale Währung an den Ölpreis gekoppelt. Damit die Investoren abgesichert sind, hat ihnen der Staat einen Barrel Öl pro Petro versprochen. Die neue Währung Petro Gold soll ähnlich funktionieren, sie ist an einen Barren Gold gekoppelt. „Die Währung schaut wie ein kompletter Betrug aus“, sagt etwa der Finanzprofessor David L. Yermack gegenüber der Aargauer Zeitung. Die Regierung habe „widersprüchliche Angaben“ darüber gemacht, auf welcher Blockchain die Token liegen.

Probleme mit staatlichen Kryptowährungen

Das macht den Launch auch für Kryptowährungen anderer Länder schwierig. Denn wenn das ganze Konzept einer staatlichen Web-Währung in einem zwielichtigen Licht erscheint, werden sich seriöse Investoren von dem digitalen Geld fern halten. Zudem dürfte der Anfangserfolg des venezolanischen Petro auch vom anhaltenden Hype um den Bitcoin getrieben sein. In vielen Fällen hat eine Kursschwankung der bekanntesten Kryptowährung aber auch einen Einfluss auf andere digitale Währungen. Wenn der ohnehin volatile Bitcoin-Kurs also in den kommenden Wochen nach unten dreht, dürfte das auch die weiteren geplanten Verkäufe des Petro beeinflussen.

Selbst wenn das alles keine Rolle spielt, verpufft die Strategie der Kapitaleinnahme mit Kryptogeld dauerhaft: Mit einem Finanzspritze lassen sich nur kurzfristig Probleme lösen, nicht aber langfristig. Sobald also der Effekt abgeebbt ist, müssen sich die Länder doch wieder mit den alten Problemen befassen.

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Eine Reaktion
EmilSinclair

Ich verstehe die ganze Thematik überhaupt nicht.

Jeder Staat hat doch das Recht, eine Währung einzuführen - ob diese funktioniert, hängt immer davon ab, ob die Menschen diese akzeptieren und dementsprechend ein Wert dahintersteht. Das hat doch erst einmal nichts damit zu tun, dass es sich um eine Kryptowährung handelt, Kryptowährungen machen die Einführung einer neuen Währung nur einfacher.

Ob hinter der Währung der US-Dollar, Äpfel, Bananen oder ein Barrel Öl steht, ist völlig egal, der Preis wird sich danach anpassen. Wichtig ist nur, dass der Investor praktisch auch die Möglichkeit hat, 1 Petro in 1 Barrel Öl umzutauschen.
Dass das in der Vergangenheit nicht immer funktioniert hat, dafür sind die USA ja das beste Beispiel, als Frankreich 1966 ihre Devisen in Gold umtauschen wollte. "Plötzlich" wurde offensichtlich, dass die USA gar nicht genügend Gold in ihren Kellern gelagert hatte, um alle Gläubiger auszuzahlen. Da ist dann das ganze System mit dem US-Dollar als Leitwährung zusammengebrochen.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Goldpreis#Krise_und_Zusammenbruch
http://www.zeit.de/1966/36/besiegt-de-gaulle-den-dollar

Dass sich die USA jetzt hinstellen und Investoren vorwerfen, sie würden Sanktionen umgehen, ist nur das hinterlistige Verhalten des Amerikaners, der um seine Macht fürchtet. Ich werte in keiner Weise Regierungsformen wie die von Venezuela oder den USA! Dass sich Professoren hinstellen und im Dienste dieser Regierungen für- oder gegensprechen, finde ich auch ziemlich daneben.

Außerdem noch ein Hinweis, weil ich auf diversen Seiten gelesen habe, dass Kryptowährungen dafür da sind, anonym zu bezahlen. Das stimmt überhaupt nicht, die Blockchain ist im Gegenteil transparent für jeden einsehbar. Wenn ich eine einzige Transaktion von Heinz Müller kenne, kann ich auf der Basis die gesamte Transaktionshistorie nachvollziehen. Daher gibt es auch Projekte wie Monero, die wieder in die Richtung der Anonymität gehen.

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