Analyse

Twitter räumt auf: So viele Follower haben deutsche Netz-Promis verloren

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Deutlich mehr als Kroos, Schweinsteiger, Böhmermann und Co., haben Gronkh (knapp 23.000 bei 1,2 Millionen Followern), Thomas Gottschalk (mit 2.850 von 49.000) und Sascha Lobo (11.000 bei 735.000 Followern) verloren. Das ist mit über einem Prozent zwar auffällig, kann aber allenfalls ein Indiz – jedoch kein hinreichendes – dafür sein, dass man in der Vergangenheit mal an der Follower-Schraube gedreht haben könnte.

Haben deutsche Politiker bei Twitter getrickst?

Unter dem Gesichtspunkt, dass möglicherweise ja gerade im Zusammenhang mit politischen Accounts die Zahl der Follower mit Fake-Accounts nach oben getrieben wurde, haben wir uns (zusammen mit Socialbakers und Socialblade) die Accounts einiger deutscher Politiker angesehen. Martin Schulz verlor satte 7.800 Follower bei 696.000 insgesamt – durchaus etwas auffällig, aber noch im üblichen Rahmen. Auch Christian Lindner büßte 1.200 Follower ein, was bei 298.000 Followern aber insgesamt nicht weiter auffällig ist. Alice Weidel wiederum hatte, ähnlich wie die Bundeskanzlerin, keinen Tag mit negativen Ergebnissen, wobei auch sie immerhin 51.000 Follower vereint. Peter Altmaier schließlich, als Twitterer in der Regierung durchaus bekannt, büßte 1.800 Follower ein – bei 233.000 insgesamt. Nur der Vollständigkeit halber: Auch bei prominenten Grünen, Linken und den CSU-Accounts fanden wir keine Auffälligkeiten – teilweise aufgrund der Tatsache, dass es sich in einigen Fällen auch nur um kleinere Account handelt, bei denen es durch die Aufräumaktion kaum Abweichungen gab.

Die Betreiber der Social-Monitoring-Software Socialbakers bringen es auf den Punkt: „Es scheint so, dass zumindest die deutsche Politik noch ohne Bots auskommt.“ Lediglich bei Martin Schulz, wo die Rate der gelöschten Follower schon bedenklich an der Ein-Prozent-Grenze kratzt, könnten einige Bots im Einsatz gewesen sein. Das muss aber nicht heißen, dass hier getrickst wurde – eine ähnliche Prozentrate bei absolut gesehen niedrigeren Zahlen findet sich auch bei anderen Politikern und Personen des öffentlichen Lebens, die wahrscheinlich zu netzaffin wären, um bei so etwas Auffälligem wie Follower-Zahlen zu tricksen (oder die teilweise eben gar nicht über eine Social-Media-Agentur verfügen, die so etwas ohne ihr Wissen täte).

Uneinheitlich ist auch das Bild zwischen Medienmarken, Unternehmensmarken und personenbezogenen Accounts: So gibt es keine signifikanten Trends, dass eine der Gruppen besonders stark von der Bereinigung betroffen gewesen wäre. Die Deutsche Bank hat 9.100 ihrer insgesamt 681.000 Follower verloren, der HSV 8.600 bei 715.000 Followern, der FC Bayern nur 7.600 bei 920.000 Followern. Beit t3n schließlich waren es 1.900 von 147.000 Followern, bei Chip Online immerhin gut 16.000 von 914.000 Followern, die durch die Bereinigung der Zahlen von einem Tag auf den anderen verloren gingen.

Trends, aber wenig auffällige Einzelaccounts

Unterm Strich muss man also die Verschwörungstheoretiker enttäuschen: Auffällig sind höchstens die absoluten Zahlen der von Twitter gelöschten Fake-, Bot- und sonstigen Accounts. Hier gilt: Je größer der Account, desto wahrscheinlicher, dass hier eine hohe Zahl an Fake-Accounts gelöscht wurde. Doch die dürften schlichtweg daraus resultieren, dass solche künstlichen Konten vor allem den Top-Twitterern folgen. Bei den großen Millionen-Accounts ist daher die Rate auch schon mal bei zwei bis drei Prozent, bei den kleineren Accounts mit fünf- oder sechsstelligen Fan-Zahlen ist die Sache dagegen schon auffällig, wenn das eine Prozent bereinigter Accounts überschritten wird.

Doch alles in allem ist das nichts, was ausreichen würde, um dem einen oder anderen zu unterstellen, dass da jemand in der Vergangenheit bei den Followern geschummelt hat. Denn zum einen muss das Kaufen von Followern ja nicht explizit durch denjenigen passieren, dem es nutzen würde, zum anderen geben es die Zahlen einfach nicht so signifikant her. Es mag sein, dass bei dem einen oder anderen Prominenten eine etwas übereifrige Social-Media-Agentur mit ein paar Hundert oder Tausend Konten nachgeholfen hat, um das etwas ehrgeizig gesteckte Monatsziel doch noch zu erreichen. Sicher sagen kann man indes nur, dass gerade bei einigen Politikern oder Wirtschaftsunternehmen, die von einer hohen Reichweite politischen oder wirtschaftlichen Nutzen ziehen könnten, eben das offenbar nicht passiert ist.

Wer übrigens selbst Zahlen für bestimmte Twitter-Accounts vergleichen will, kann das zumindest in den nächsten Tagen noch kostenlos über das Socialblade-Twitter-Tool tun.

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3 Kommentare
Thomas
Thomas

Özil hat laut euren Zahlen knapp 10 Prozent eingebüßt?!
Sind das falsche Zahlen oder wieso wurde darauf nicht näher eingegangen?

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Tobias Weidemann

Nein, Thomas, da sind wir wohl einfach in den Zahlen verrutscht (oder es ist zu heiß hier). Er hat 23,1 Mio. Follower, von denen rund 260.000 „faule“ Acoounts waren. Also alles in diesem 1-Prozent-Bereich, der bei solch großen Accounts nicht ungewöhnlich ist. Danke für den Hinweis – die Werte wurden korrigiert (und sollten demnächst auch in der Mobilansicht korrekt sichtbar sein).

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Sascha Lobo

Das ist schon unangenehm unredlich, hier anhand einer angeblichen 1%-Grenze implizit Follower-Kauf anzudeuten.

Es zeugt übrigens auch von einer gewissen Unkenntnis der Materie, denn Twitter hat seit langer Zeit (2010/2011) ein Vorschlagswesen. Das heißt: Jedem Neu-Account werden ein paar Vorschläge gemacht, wem man folgen könnte. Dieses Vorschlagswesen hat sich über die Zeit sehr oft verändert und eine messbare Auswirkung auf die Zusammensetzung der Followerschaft gehabt. Die Vorschläge sind der Hauptgrund dafür, dass bestimmte Accounts häufiger von Bots/Fakes/Massenaccounts verfolgt werden. Und zwar oft um so mehr, je älter der Account ist.

In diesen Vorschlägen für Deutschland war (und bin) ich von Anfang an drin. Sie haben sich allerdings seit 2011 sehr deutlich aufgespreizt, das bedeutet, es sind viel, viel mehr Accounts unter den halbautomatisiert erstellten Vorschlägen (Twitter-Mitarbeiter konnten die Accounts für die einzelnen Länder in eine Vorschlagsliste eintragen).

Eine gewisse Zeit lang hat Twitter auch damit experimentiert, die Vorschläge qualitätsgesteuert zu ergänzen, das bedeutete: Wenn man einen sehr guten Tweet (viele Favs und Retweets) landete, kam man temporär in die Vorschläge. Daraus entwickelte sich 2011/2012 eine Art Rennen unter Teilen der Twitter-Community, denn ein Supertweet konnte durchaus ein paar hundert Neu-Follower bringen.

Wenn man heute in diesen Vorschlägen drin ist, bekommt man fast von allein jeden Tag zwischen 100 und 500 Follower dazu, sogar dann, wenn man so wenig twittert wie ich (ca. 3 Tweets im Monat). Das sind die Werte allein für Deutschland, die Vorschläge variieren natürlich je nach Sprache/Land. 

Allerdings zählen zu diesem Follower-Zuwachs eben auch Bots und Fakes, denn die folgen meist den Vorschlägen, um weniger verdächtig zu sein. 2011/2012 gab es sogar mal einen Zeitraum, wo die zu verfolgenden Accounts vorausgewählt waren, quasi opt-out statt opt-in.

Dieses Verfahren hat Twitter immer mal wieder verändert und optimiert, und zwar auch, weil die Unternehmensstrategie entsprechend aufgestellt wurde. Spätestens ab 2012 wollte Twitter Stars gezielt anlocken, mit dem Schwerpunkt Sport (damals hat Twitter auch viel Geld in TV-Aquisitionen gesteckt).

Aber damit so ein veritabler Star samt Management überhaupt seine eigene Irrsinnsrelevanz auf Twitter spürt und nicht beleidigt wieder abrauscht, braucht er in ein paar Tagen sehr viele Follower. 

Dieses Problem hat Twitter auf eigene Weise gelöst, nämlich durch das Vorschlagssystem und die immer wieder veränderten Mechanismen, wie man Neu-Twitterer dazu bekommt, möglichst vielen Leuten zu folgen. Dieses System ebnete aber zugleich Bots und Fake-Accounts den Weg, weil dadurch eine Art simple Vorkonfektionierung ohne größeres Zutun und Nachdenken möglich wurde und sehr schwer erkennbar war, ob das nur ein interessierter Anfänger war oder ein Bot/Fake-Account.

Es gibt daher eine Reihe von teilweise auch schon älteren Berechnungen bzw. Abschätzungen, nach denen bis zu 40% der Follower großer Accounts auf Bots, Fakes und Massenanmeldungen zurückgehen könnten – ganz ohne, dass man irgendetwas dafür getan haben müsste.

Eine Studie der University of California aus dem März 2017 kommt auf bis zu 15% ( Quelle: https://arxiv.org/pdf/1703.03107.pdf ) – einer solchen Studie schenke ich deutlich mehr Vertrauen als sphärischen Behauptungen, eine 1% oder 2%-Marke sei Indiz für irgendwas (ich habe niemals Follower gekauft).

Diese wissenschaftlich abgeschätzte 15%-Marke wurde zudem lange nach den ersten großen Löschwellen von Twitter berechnet, denn das Twitter-Spam-Problem samt Bot/Fake-Followern ist sehr, sehr alt. Im Umfeld des Obama-Wahlkampfs 2008 wurde es erstmals größer diskutiert, zum Beispiel auf dem Twitter-Blog: https://blog.twitter.com/official/en_us/a/2008/turning-up-the-heat-on-spam.html (dieser verlinkte Artikel ist von August 2008 und handelt unter anderem von der Einstellung des ersten „Spam Marshal“ bei Twitter).

Und das ist die große Behauptungslücke in diesem Artikel – ältere Accounts haben tendenziell mehr nicht-Personale Follower (die Grenze zwischen inaktiven und Fake-Follower verschwimmt leicht). 2009 bis 2011 gab es auch in Deutschland regelmäßig große Twitter-Spam-Attacken, und die sind keineswegs später alle bereinigt worden. Schon weil Twitter zu Anfang die Mittel und die Intelligenz fehlten, um diese Accounts mit der merkwürdigen Sprache „deutsch“ richtig einschätzen zu können, wie Katie Stanton (damals Vice President von Twitter) 2012 erzählte.

Das geheuchelte Halbverständnis für irgendwelche „übereifrigen Social-Media-Agenturen“ ist fehl am Platz, wenn man diese Hintergründe nicht kennt. Denn das sind ja alles keine Geheimnisse, das ist leicht recherchierbar. Da jetzt „mehr als 1% ist auffällig“ zu behaupten, zeugt deshalb von viel voreingenommener Vermutungfreude und wenig Wissenswunsch.

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