Interview

Wie du im Job über Burnout reden kannst

Burnout ist heutzutage weniger stigmatisiert. (Foto: Shutterstock)

Der Burnout ist eine psychische Erkrankung von vielen, die Ärzte in den letzten Jahren diagnostizierten. Die Bekanntheit habe geholfen Vorurteile abzubauen, erklärt eine Psychologin im t3n-Interview.

Diagnosen in Verbindung mit psychischen Erkrankungen nehmen seit Jahren zu. Die DAK hat Anfang des Jahres beispielsweise ermittelt, dass sie inzwischen der dritthäufigste Grund für krankheitsbedingte Ausfälle der eigenen Versicherten seien. 15 Prozent gingen 2018 darauf zurück. Nicht selten gestehen sich viele erkrankte Personen ihre Probleme allerdings nicht ein, weil sie Ausgrenzungen befürchten. Dass das Thema der mentalen Gesundheit sich in den letzten Jahren jedoch zum Positiven entwickelt habe, erklärt Madeleine Leitner im t3n-Interview. Vor allem die Diagnose des Burnouts habe inzwischen eine breite Akzeptanz gewonnen. Wir haben mit der Diplom-Psychologin darüber gesprochen, wie Betroffene ihren Arbeitgeber darauf ansprechen können und wie ein Wiedereinstieg in die Arbeitswelt aussehen kann.

Burnout wurde über Jahrzehnte hinweg tabuisiert

Diplom-Psychologin Madeleine Leitner: „Burnout heißt ja nicht immer sofort, dass die Ursache in der Person begründet ist.“ (Foto: Madeleine Leitner)

t3n: Frau Leitner, wie schwer fällt es Menschen, den Satz „Es geht mir psychisch nicht gut“ offen auszusprechen? 

Madeleine Leitner: Zunehmend leichter, wenn man an frühere Zeiten denkt. Mit dem Thema wird immer offener umgegangen, vor allem nachdem die Diagnose „Burnout“ ja immer bekannter wurde und sich auch hochrangige Personen offen zu dem Thema bekannt haben. Burnout heißt ja nicht immer sofort, dass die Ursache in der Person begründet ist, sondern dass die Umstände auch bei einem sonst stabilen Menschen zu einer Erkrankung führen können. Die Diagnose gab es früher eigentlich gar nicht, genauso wie „posttraumatische Belastungsstörung“ oder „Traumata“ nur in extremen Ausnahmefällen gegeben wurden. Es sind mehr Ärzte sensibilisiert für das Thema und sie vergeben die Diagnose auch.

t3n: Was hat dazu geführt, dass sich das geändert hat?

Inzwischen verstehen wir die Zusammenhänge psychischer Erkrankung wie Burnout mit der objektiven Verdichtung der Arbeit in Form von Druck und Stress viel besser. Auch gesellschaftliche Veränderungen, die mit Verunsicherungen und Verlust stabiler Strukturen einhergehen, spielen da mit rein. Das Thema ist schon allein deshalb um einiges salonfähiger geworden.

t3n: Trotzdem wird über den gerissenen Meniskus offener beim Lunch mit Kollegen gesprochen als über die diagnostizierte psychische Erkrankung. Warum?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen verstehen manche Menschen den Unterschied zwischen schweren psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Psychosen und ganz normalen psychischen Erkrankungen wie Burnout noch nicht. Sie sind dann häufig verunsichert bis verängstigt. Zum anderen kommt vor allem in der deutschen Kultur erschwerend hinzu, dass Schwäche in der Vergangenheit traditionell eher negativ bewertet wurde à la „gelobt sei, was hart macht“. Außerdem galten psychisch Kranke auch lange als unheilbar. So kam eines zum anderen und das Thema wurde über lange Zeit tabuisiert und mit Scham besetzt. Das spüren wir in einigen Kreisen leider noch immer. Allerdings grundsätzlich weniger.

t3n: Wo wird es psychisch erkrankten Personen heute noch schwer gemacht?

Sogenannte F-Diagnosen, also die, die mit psychischen Erkrankungen in Verbindung stehen, haben häufig zur Folge, dass die Betroffenen fast automatisch gewisse Einschränkungen im Alltag erleben. Private Krankenversicherungen verweigern beispielsweise die Aufnahme der Personen, aber auch Berufsunfähigkeitsversicherungen blocken sie ab, aufgrund des Risikos. Dahingehend muss man leider wirklich noch vorsichtig sein. Auch deshalb wurden psychische Erkrankungen früher oft aus Diskretionsgründen nicht als solche diagnostiziert, sondern Scheindiagnosen gegeben.

t3n: Sollten Betroffene an ihren Arbeitgeber herantreten, wenn sie an einer psychischen Erkrankung leiden? 

Generell muss man ja gar nichts sagen. Ob man überhaupt etwas sagt oder sogar über den konkreten Hintergrund spricht, muss jeder selbst wissen und sollte es vom Unternehmen abhängig machen. Wer einen Burnout hat, sollte den Begriff im Falle eines Gespräch aber tatsächlich auch nutzen, anstatt von „psychischer Erkrankung“ zu sprechen. Letzteres klingt für Außenstehende oft schlimmer, als es tatsächlich ist. Beim „Burnout“ hingegen wird gut und gerne auch so etwas wie „Held der Arbeit“ assoziiert. Unerfahrenen Arbeitgebern möchte ich raten, möglichst nicht zu stigmatisieren oder zu dramatisieren. Die meisten psychischen Störungen haben eine ziemlich gute Genesungsprognose.

t3n: Aber was würden Sie persönlich raten? Gibt es Situationen, in denen Sie sagen: Es ist besser, wenn der Arbeitgeber ins Vertrauen gezogen wird?

Wenn meine Einschränkung wirklich konkrete Auswirkungen auf meine Arbeitsleistung hat, würde ich dem Arbeitgeber eine Gebrauchsanweisung im übertragenen Sinne geben und sagen, wie er oder sie am meisten von mir hat. Zum Beispiel, wenn ich besser auf Pausen achten müsse und alle 90 Minuten einmal das Büro verlasse und um den Block gehe. Oder wenn ich mit bestimmten Personen ernsthafte Probleme habe und es besser wäre, ihnen im Alltag aus dem Weg zu gehen.

t3n: Nicht wenige Menschen sind über Monate krankgeschrieben während einer Behandlung. Auch entscheiden sich einige Erkrankte dafür, in stationäre Behandlung zu gehen. Wie kann ein beruflicher Wiedereinstieg im Anschluss aussehen? Ist es überhaupt so, dass Betroffene wieder zum alten Arbeitgeber zurückkehren?

Auch das hängt vom Unternehmen ab. Manchmal hing die Erkrankung ja mehr damit zusammen, dass Betroffene während ihres Lebens suboptimale oder schwierige persönliche Muster entwickelt haben, die inzwischen bearbeitet sind. Wenn sie sich in der Vergangenheit zum Beispiel unnötig unter Druck gesetzt haben oder die Ansprüche zu perfektionistisch waren, weil sie Angst vor Fehlern hatten, liegt das Problem nicht zwangsläufig beim Arbeitgeber. In dem Fall kann man über eine Rückkehr ins Unternehmen durchaus nachdenken. Ich rate in jedem Fall dazu, vorher Rückkehrgespräche zu führen, auf die sich beide Seiten vorbereiten sollten, um zu schauen, was sie gelernt haben und ob neue Vereinbarungen getroffen werden müssen. Gute Unternehmen tun das und unterstützen etwa nach einem Burnout dabei, wirklich nach Hause zu gehen oder wirklich keine E-Mails mehr von zu Hause abzurufen. Das Gespräch sollte zunächst erst einmal unter vier Augen passieren und dann eventuell im Team, je nachdem, ob es betroffen ist.

t3n: Welche Fragen sollten Berufstätige sich stellen, wenn sie darüber nachdenken, wieder zurück ins Unternehmen zu gehen beziehungsweise wieder in die Arbeitswelt einzutreten?

Bezüglich des Unternehmens sollten sie sich fragen, ob und was sie daraus lernen können, wenn sie bleiben oder eben gehen. Und ob es wirklich sinnvoll ist, sich für genau das Unternehmen einzusetzen, wenn sie sowieso nur auf taube Ohren stoßen und sich unbeliebt machen, sobald auf Defizite hingewiesen wird. Hinsichtlich der Rückkehr in die Arbeitswelt generell sollten sie sich aber auch fragen, was ihnen gewisse Einschränkungen wert sind. Ist es wirklich so wichtig, noch weiter Karriere zu machen? Das sind übrigens auch Fragen, über die sich wunderbar in Therapiesitzungen sprechen lässt.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch!

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