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Reportage

Belauscht Facebook unsere Gespräche? Ein Experiment

Lauscht Facebook mit? Welt und t3n haben ein Experiment durchgeführt. (Foto: dpa)

Man bespricht etwas, und prompt erscheint passende Werbung auf dem Smartphone. Steckt ein Lauschangriff von Facebook dahinter? Der Konzern dementiert. Doch Anhaltspunkte gibt es, zeigt ein Selbstversuch.

Seit zehn Jahren besitze ich ein Profil auf Facebook. 1.233 Freunde habe ich dort mittlerweile. Ich chatte, veröffentliche Artikel, kommentiere Fotos. Notwendig ist das alles nicht. Harmlos, fand ich lange.

Das erste Mal stutzte ich, als ich an einem Wochenende mit Freundinnen einen Ausflug zu einem „Detox“ für die Füße unternahm. Dabei stellt man seine nackten Beine in ein Bassin mit Basen und sieht dabei zu, wie das Wasser dunkler wird. „Das sind die Gifte, die aus dem Körper geschwemmt werden“, erklärte uns die Kosmetikerin. Auf dem Weg hatten wir uns darüber unterhalten, was passieren würde. Ein Flyer hatte uns aufmerksam gemacht, den Termin hatte eine Freundin telefonisch vereinbart.

Wir waren deshalb sehr verwundert, als wenige Stunden nach der Anwendung eine von uns auf ihrem Handy ein Angebot fürs Fuß-Detox angezeigt bekam. Es handelte sich dabei auch nicht etwa um jene Freundin, die den Termin gebucht hatte. Wir waren erstaunt: Hatte Facebook unsere Gespräche belauscht – und auf dieser Grundlage passende Werbung angezeigt?

Der Verdacht

Dass Facebook meiner Freundin diese Werbung angezeigt hat, ist inzwischen mehr als zwei Jahre her. Freunde berichteten im Laufe der Zeit ähnliche Anekdoten: Urlaubsziele, über die man gesprochen hatte, tauchten kurze Zeit später in der Facebook-App auf, Gleiches bei Supermarktketten oder Steuerkanzleien. Auch auf Reddit, einem Internetforum, das vor allem in den USA beliebt ist, finden sich haufenweise Erlebnisberichte zu diesem Verdacht.

Im Juni 2016 reagierte das US-Unternehmen auf die Kontroverse im Netz. In einem kurzen Statement erklärte Facebook, dass man seine Nutzer nicht für Werbezwecke abhöre, was die Diskussion aber nur kurzzeitig unterbrach. Denn schon da stand fest, dass Facebook zumindest Umgebungsgeräusche mitschneiden kann, um bestimmte TV-Serien oder Lieder zu erkennen.

Das waren die Social Networks vor Facebook
Six Degrees war das erste soziale Netzwerk. (Screenshot: Six Degrees)

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Bei 2,13 Milliarden aktiven Nutzern, davon 30 Millionen allein in Deutschland, sammelt das Unternehmen einen umfangreichen Datenschatz. Und der Konzern baut seine Kontrolle weiter aus: 2012 kaufte er Instagram, einen Dienst, auf dem vor allem Fotos und Videos geteilt werden. 2014 kam der Kurznachrichtendienst Whatsapp hinzu.

Es gibt Länder auf der Erde, in denen der Konzern heute so vorherrschend ist, dass Facebook dort quasi das Internet bedeutet, wie zuletzt das Fachmagazin Wired schrieb. Das Geschäftsmodell dahinter: Die Nutzer informieren teils bereitwillig über ihr Leben. Im Gegenzug kann Facebook seinen Werbepartnern durch passgenaues Tracking seiner Nutzer – so zum Beispiel durch Ortungsdienste und geräteübergreifende Daten – gewährleisten, dass deren Anzeigen die richtige Zielgruppe erreichen. Am Wochenende war bekannt geworden, dass das umstrittene Datenanalyseunternehmen Cambridge Analytica bis zu 50 Millionen Facebook-Profile illegal ausgewertet haben soll – ohne Wissen und Zustimmung der Nutzer.

Grundsätzlich spricht also einiges dafür, dass Facebook mitlauschen könnte. Auf der anderen Seite jedoch: Welchen konkreten Nutzen sollte das Unternehmen davon haben, heimlich die Daten seiner App-Nutzer zu sammeln und auszuwerten? Facebook würde mit dem Abhören ohne Kenntnis und Einwilligung der Betroffenen eine Straftat begehen, vom damit einhergehenden Vertrauensverlust ganz zu schweigen.

Was also ist dran an dem Gerücht? Sind die Anzeigen nur Zufall und wir, die Nutzer, wollen an eine reizvolle Verschwörung glauben?

Im Herbst 2017 schreibe ich dem Hamburger Datenschutzbeauftragen eine E-Mail. Weil Facebook seinen deutschen Dienstsitz in der Hansestadt angemeldet hat, ist Johannes Caspar für das Unternehmen zuständig. Die Antwort seiner Behörde kommt schnell: Ja, es seien bereits mehrere Eingaben von Bürgern mit „Indizien und damit einhergehenden Vermutungen“ eingegangen. Es sei aber für seine Behörde sehr schwer, klare Antworten zu finden – auch weil es schlicht an Personal fehle.

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2 Reaktionen
Okkarator

Nun, ich denke nicht, dass sie es zwangsläufig tun, auch wenn sie es technisch gesehen könnten (zumal die meisten Leute ja ihre Einwilligung geben, dass die App das Mikrofon generell benutzen darf (natürlich eigentlich (!) nur für Sprachnachrichten/Videoaufnahmen).

Aber mein Verdacht ist eher, dass die vielen passenden Werbeanzeigen eher daher kommen, dass viele Nutzer ebenso im Browser bei Facebook eingeloggt sind, da sie schlicht vergessen haben, sich irgendwann einmal wieder auszuloggen. Durch die Facebook Social-Plugin-Integration in inzwischen fast jeder Website kann Facebook damit sehr genau verfolgen, auf welchen Seiten wir uns bewegen. Und häufig sucht man ja, wenn auch nur nebenbei aus Langeweile z.B. in der Bahn auf der Rückfahrt nachhause oder abends auf der Couch, nach Begriffen, über die man sich kürzlich unterhalten hat.

Da spricht man abends bei einem Treffen mit freunden eben über Katzenfutter, ein Reiseziel etc. und sucht so beiläufig und kurz nach solchen Begriffen, dass man sich eventuell gar nicht mehr bewusst daran erinnert oder zumindest nicht mehr in Verbindung mit Werbeanzeigen bringt, die man Tage oder Wochen später angezeigt bekommt.

KommissarSchneider

Moin,

die Frage ist doch, warum sollte Facebook nicht mithören?
Die wollen schließlich nur unser Bestes, unser Geld.
Technisch gesehen kein Problem, nur schwer zu beweisen.
Jetzt weiß ich wieder, warum keinen Account habe ...

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