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Startups

Valleycon Silly: Kiffen 2.0

(Screenshot: leafly)

Cannabis ist in San Francisco allgegenwärtig. Mit der schleichenden Legalisierung und Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft reformiert das Silicon Valley das Image von Kiffern und ihrer Subkultur – mit Apps, gutem Design und viel Kreativität.

Moritz Stückler berichtet für t3n als Korrespondent aus dem Silicon Valley. In seiner Kolumne „Valleycon Silly“ schreibt er über all das, was ihm abseits der tagesaktuellen Nachrichten begegnet. Anhand von Alltagserlebnissen nimmt er die kulturellen Besonderheiten der USA – natürlich vorzugsweise in Bezug auf Technik und Startups – unter die Lupe.

Wer aus Deutschland nach San Francisco und ins Silicon Valley reist, der muss sich an viele neue Eindrücke gewöhnen. Einer davon ist definitiv die Allgegenwärtigkeit von Marihuana. Der charakteristische Gras-Geruch in den Straßen gehört zur Stadt wie Cable Cars und Alcatraz – in dieser Häufigkeit und Intensität kannte ich das bisher nur aus Amsterdam.

Alte Schule: Dealer am Straßenrand sind in San Francisco oft anzutreffen

An einschlägig bekannten Plätzen wie der Haight Street am Ende des Golden Gate Parks oder im beliebten Mission-Dolores-Park wird mir regelmäßig innerhalb von wenigen Minuten angeboten, ob ich Gras kaufen möchte. Dabei geht die Produktvielfalt der Dealer weit über die getrocknete Pflanze hinaus: Kekse, Kuchen, Pralinen oder Lutscher gehören zum Standard-Angebot vieler „klassischer“ Händler. Diese Leute erfüllen meistens viele Kiffer-Klischees. Oft sind sie in Hippie-Klamotten gekleidet, sehen nicht wirklich gesund aus oder stehen generell ein bisschen neben sich und sprechen sehr langsam. Sie repräsentieren den bisherigen, gesetzlich geächteten Umgang mit der Droge Cannabis.

Der Mission-Dolores-Park in San Francisco: Eine beliebte Anlaufstelle für Dealer und Konsumenten. (Foto: Moritz Stückler)
Der Mission-Dolores-Park in San Francisco: Eine beliebte Anlaufstelle für Dealer und Konsumenten. (Foto: Moritz Stückler)

Medical Marijuana ID: Freifahrtschein zum legalen Konsum

Der Konsum und der Besitz von Marihuana in Kalifornien ist jedoch inzwischen zu medizinischen Zwecken und in den eigenen vier Wänden erlaubt. Es scheint sich aber keiner so recht um die Kontrolle und Einhaltung dieser Gesetze zu kümmern. Polizisten drücken öfter mal ein Auge zu, und haben meistens Wichtigeres zu tun, als jeden Kiffer auf der Straße zu kontrollieren. Die benötigte „Medical Marijuana Identification Card“ (MMID abgekürzt), also die Berechtigung für den Kauf von Marihuana, kann für 50 bis 100 Dollar bei einigen „Arztpraxen“ erstanden werden. Mehr oder weniger glaubhaftes Vorgaukeln von Beschwerden wie Rheuma oder Migräne reicht dafür aus. Und auch Ausländer kommen leicht an eine solche Karte, wenn sie eine Postanschrift in den USA vorweisen können.

Der Missbrauch, der in diesem Bereich stattfindet ist ganz offensichtlich hoch, und viele kerngesunde und junge Menschen sind im Besitz einer solchen Karte, um damit einfach, schnell und vor allem legal gelegentlich Marihuana konsumieren zu können. Ein Gegensatz zu dem vorher erwähnten, klassischen Vertriebsmodell von Cannabis.

Es scheint als zweifelt in San Francisco eigentlich keiner mehr daran, dass der Staat den Marihuana-Konsum in den nächsten Jahren auch zu Genusszwecken legalisieren wird, so wie es zuletzt in den US-Bundesstaaten Washington und Colorado geschehen ist.

Als Tech-Enthusiast ist es für mich aber vor allem spannend zu beobachten, wie die (teilweise) Legalisierung von Cannabis den Weg für neue Art von Geschäftsideen ebnet. Und vor allem auch wie diese neue, legale Cannabis-Branche mit der ansässigen IT-Industrie fusioniert.

Kaum zu erkennen: Eine von dutzenden, modernen Cannabis-Abgabestellen in San Francisco. (Foto: Moritz Stückler)
Kaum zu erkennen: Eine von dutzenden, modernen Cannabis-Abgabestellen in San Francisco. (Foto: Moritz Stückler)

An vorderster Front stehen bei dieser Entwicklung natürlich die privat geführten und streng kontrollierten Abgabestellen, bei denen sich die Konsumenten mit der angesprochen MMID das Cannabis holen können. Denn ganz ähnlich wie auch in der Gastronomie oder im restlichen Einzelhandel reicht das bloße Unterhalten einer Ladenfiliale nicht mehr aus, um neue Kunden zu gewinnen. Zu gering sind die Unterschiede zwischen den Abgabestellen. Die angebotenen Sorten und Preise sind innerhalb der Stadt sehr identisch.

„Können Sie liefern? Eine Viertelunze Purple Urkel, bitte!“

Viele Abgabestellen bieten deswegen einen Lieferservice an, ähnlich wie bei einer Pizzeria. Über den Online-Shop können existierende Kunden bequem durch das Sortiment stöbern und sich die Bestellung nach Hause liefern lassen. Wer vor 17 Uhr bestellt bekommt seine „Medizin“ noch am selben Tag, kostenfrei.

Rabatte und Sonderaktionen beim Bestellen von Marihuana in San Francisco. (Screenshot: medithrive.com)
Rabatte und Sonderaktionen beim Bestellen von Marihuana in San Francisco. (Screenshot: medithrive.com)

Wer Freunde wirbt oder einen Newsletter abonniert bekommt auch gerne mal ein paar „Pröbchen“ einer neuen Cannabis-Sorte kostenlos dazu. Und Neukunden erhalten pauschal 10 Prozent Rabatt. Die normalen Regeln des E-Commerce machen auch vor der Cannabis-Industrie hier nicht halt. Manche Abgabestellen haben auch ein eigenes Bonusprogramm. Bei jeder zehnten Bestellung gibt es dann zum Beispiel einen Joint gratis dazu.

Eaze: Vermittlungsdienst für Gras-Lieferungen

Wem das immer noch zu „analog“ ist, für den gibt es neuerdings eine App namens „Eaze“. In vielen Medien wird der Dienst als „Uber für Gras“ beschrieben. Dahinter versteckt sich ebenfalls ein Lieferdienst für Marihuana, der sich aber ausschließlich um die Vermittlung der Lieferungen kümmert, und deswegen deutlich schneller arbeiten kann, als eine einzige Abgabestelle alleine. Sowohl Abgabestellen als auch Fahrer melden sich bei Eaze an, und anschließend können die Fahrer Bestellungen von Kunden entgegennehmen und kriegen dann gesagt, wo sie die Ware abholen können, und wo sie sie abliefern sollen. Das Versprechen von Eaze: Weed innerhalb von durchschnittlich 10 Minuten, in ganz San Francisco.

Und wenn im Silicon Valley mal wieder ein Lebensbereich digitalisiert und kommerzialisiert wird, dann geschieht dies – dank der IT-Industrie – auch stets mit einem besonderen Augenmerk auf Design und Nutzerfreundlichkeit. So wird das klassische Kiffer- und Hippie-Image in San Francisco langsam aufpoliert. Schluss mit Dreadlocks und weiten Batik-Klamotten. Das Cannabis-Geschäft im Jahr 2014 ist modern, elegant und adressiert alle Gesellschaftsschichten, auch und vor allem Investoren, Gründer und Entwickler.

Leafly: Marijuana Reviews
Leafly: Marijuana Reviews
Entwickler: Leafly
Preis: Kostenlos
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Einige der Abgabestellen sehen klinisch rein aus, wie in einem Science-Fiction-Film – Reggae-Musik und Räucherstäbchen sucht man vergebens. Auch moderne Apps wie Eaze tragen mit ihrem Design einen Teil dazu bei, das Kiffen von seinem zwielichtigen Image zu befreien. Ein weiterer spannender Vertreter dieser Bewegung ist eine App namens „Leafly“. Damit können Nutzer Marihuana-Abgabestellen und Marihuana-Sorten bewerten und vergleichen. Die App ist quasi das Yelp der Kifferwelt.

Dabei kommt Leafly in einem anspruchsvollen und dezenten Design daher und überzeugt durch viele nutzerfreundliche Features. Auf übliche Kiffer-Symbolik wird komplett verzichtet. Durch ihre technische Überlegenheit bekommt die App momentan großen Aufwind. Zuletzt schalteten die Macher dahinter sogar eine ganzseitige Werbeanzeige in der Print-Ausgabe der traditionellen New York Times, nachdem Marihuana nun auch im Staat New York zu medizinischen Zwecken legalisiert wurde.

Erwartet uns der nächste Taxi-Krieg?

Sollte die Entkriminalisierung und Legalisierung von Marihuana in den USA weiter voranschreiten, wird es sehr spannend zu beobachten welche kreativen Geschäftsideen das Silicon Valley in diesem Bereich noch hervorbringen, und wie schnell dieser Geschäftszweig wachsen wird. Immerhin könnte die Industrie in der Zukunft zu ähnlicher Größe wie die Tabak- oder Alkoholindustrie heranwachsen – das Potenzial ist enorm. Vielleicht erwartet uns also der nächste Konflikt zwischen mehreren Unternehmer-Generationen nach der Taxi-Branche in einigen Jahren im Marihuana-Gewerbe?

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5 Reaktionen
Picco

Jetzt wissen wir alle was der t3n US Redakteur den ganzen Tag macht :DDD Ich hoffe es gibt bald einen Artikel über die besten Weed-Sorten zum Kreativsein, Programmieren, Relaxen, Kunden werben.... hihi In Berlin ist Gras ja auch in der Techbranche stark verbreitet nur leider ist die deutsche Polizei nicht ganz so tollerant. Wird Zeit dass die Politik umdenkt.

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Kleckerlabor

Ich glaube das sowohl bei Grass als auch bei Alkohol gesagt werden könnte Dosis sola venenum facit“ (deutsch: „Allein die Menge macht das Gift“)

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Andy

Was ich wirklich schade finde - auch in der Schweiz: Etwas was schlussendlich garantiert nicht schlimmer ist als mal einen zu trinken wird nur darum legalisiert, weil es wirtschaftlich interessant ist. Warum kann nicht einfach mal die Vernunft siegen? Die Bemerkung der Polizei von dort ist einfach treffend.. Und sein wir mal ehrlich, Kiffer sind GARANTIERT nicht die Menschen auf dieser Welt welche eine Gefahr für die Gesellschaft sind - ob jetzt mit Hipsterkluft oder Batik-Shirt.

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Georg

California & Weed. Ist ja nicht wirklich neu. Und geschrieben hat darüber in den letzten Tagen auch schon jeder. Warum schreibt keiner über den extremen Anstieg von Crystal-Meth in der StartUp Szene. Nicht nur im Silicon Valley, ganz besonders auch in Berlin Mitte ist Crystal-Meth allgegenwärtig.

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Lutz Finsterwalder

Ein Blick auf die Geschichte von Las Vegas (Glücksspiele) reicht, wie so ein Generationenwechsel im großem Stil vonstatten geht. Angefangen hat die Mafia, dann übernahmen die Touristik- und Hotel-Unternehmen.

San Francisco wird es sehr schnell gehen. Statt Hippies kommen jetzt Hipster. Und statt Junkies viele kleine bunte Entrepreneure aus denen einige große bunte Entrepreneure werden.

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