Analyse

Verbot der Retourenvernichtung: Wie wir der Umwelt wirklich helfen können

Die Grünen wollen die Retourenvernichtung verbieten, dabei liegt die Problematik woanders. (Shutterstock-Alohaflaminggo)

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt fordert Maßnahmen gegen die Vernichtung von Retouren. Verständlich, aber ihr Drei-Punkte-Plan ist nutzlos. Worüber wir wirklich sprechen sollten.

Die unsachliche Berichterstattung über die angeblich massenhafte Retourenvernichtung im Onlinehandel hat dazu geführt, dass die Branche ins Visier der Grünen geriet, die jetzt ein Verbot der Retourenvernichtung fordern. Korrekt ist laut der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg jedoch, dass 2018 3,9 Prozent der Retouren in der Branche entsorgt wurden. Der Ruf nach umweltverträglicheren Retouren und einem sinnvollen Umgang mit den Ressourcen ist schon angebracht, dabei sollten wir aber echte Probleme angehen, keine Scheinprobleme.

Nur 3,9 Prozent der Retouren werden vernichtet

Um zu verstehen, wieso das ein Scheinproblem ist, lohnt es sich, einen Blick auf die Dimensionen des Problems Retourenvernichtung zu werfen: Händler im Online- wie im Einzelhandel müssen mit Retouren oder zurückgegebenen Produkten umgehen – dabei wird keinesfalls der „Großteil“ der Retouren vernichtet, sondern verkauft. Angesichts des wirtschaftlichen Wertes der Produkte aus unternehmerischer Sicht auch die beste Alternative. Schwieriger wird es bei Produkten, die keinen oder nur noch einen sehr geringen wirtschaftlichen Wert aufweisen. Sei es, weil die durchschnittlichen Retourenkosten von 11,24 Euro den Restwert des Produktes übersteigen oder weil der Artikel defekt oder sonstwie nicht verkaufsfähig ist. 3,9 Prozent der Retourenmenge werden in Deutschland vernichtet. Leider liegen keine Daten darüber vor, wie viel Prozent der vernichteten Waren tatsächlich noch verkaufsfähig gewesen wären.

Die Grünen wollen die Retourenvernichtung verbieten, aber wie viel Retouren werden überhaupt entsorgt? (Quelle: Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg, Grafik: t3n/Jochen G. Fuchs)

Die Umweltwirkung der Retouren beläuft sich laut der Forscher an der Uni Bamberg 2018 geschätzt auf 238.000 Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e). Die 3,9 Prozent stehen damit für 9.282 Tonnen Co2e, was rund 86 täglichen PKW-Fahrten von Hamburg nach Moskau entspricht.

In diesen 3,9 Prozent sind defekte und verschmutzte Waren enthalten, die nicht wieder verkauft werden können, und Artikel wie Zahnbürsten, die aus hygienischen Gründen nicht wieder verkauft werden können. Und ein Anteil an Waren, die aus wirtschaftlichen Gründen trotz Funktionsfähigkeit nicht mehr verkauft werden. Wie die Anteile sich verteilen, ist nicht bekannt, aber es wird deutlich, dass nicht die vollen 3,9 Prozent als Neuware zu betrachten sind. Den verbleibenden Rest zu verbieten, würde also nicht viel bewirken. Das Problem muss grundsätzlicher angegangen werden.

Nein, Retouren sind kein ausschließliches Problem des Onlinehandels

Rücknahmen finden überall im Handel statt, die Ergebnisse sind dann ähnlich: Es wird geprüft, was noch verkaufsfähig ist oder wieder verkaufsfähig gemacht werden kann. Was nicht verkaufsfähig ist und trotzdem zurückgenommen wurde, wird oft entsorgt. Eine hohe Entsorgungsquote weisen dabei Elektrokleingeräte auf. Die Industrie hat mit dem Handel für den Fall eines Defektes vielfach sogenannte Servicevereinbarungen getroffen: Artikel, die wirtschaftlich nicht mehr instand gesetzt werden können, werden im Handel entsorgt und der Händler erhält eine Nachlieferung mit einem Ersatzgerät. Meist handelt es sich dabei um preisgünstige Artikel, hochwertige Waren werden eher an den Hersteller eingeschickt.

Die Elektroaltgeräteentsorgung wäre deshalb ein wesentlicher Punkt, an dem eine gesetzliche Regulierung einsetzen kann: Umweltverbände wie der Nabu oder die deutsche Umwelthilfe bemängeln die Gesetzeslage hier seit langem, auch die Umsetzung der entsprechenden EU-Richtlinie wird als mangelhaft betrachtet. Diese Maßnahme würde mehr Co2- und Rohstoffeinsparungen versprechen als ein Verbot der Retourenvernichtung. Und: Wenn Entsorgen für Hersteller teurer als das Instandsetzen wird, reduzieren sich die Entsorgungsmengen automatisch.

Irrsinn: Spenden sind umsatzsteuerpflichtig

Die Grünen wollen darüberhinaus festlegen, dass funktionstüchtige Artikel gespendet werden. Dazu würde eine simple Lösung ausreichen: Es muss dafür gesorgt werden, dass Spenden kostenfrei möglich sind. Es darf also keine Umsatzsteuer für Spenden anfallen. Es kann nicht sein, dass Verschenken teurer als Wegwerfen ist. Das ist kein Handelsproblem, sondern politisches Versagen.

Neben der gesetzlichen Neuregulierung von Spenden sollte aber auch bei der Retourenvermeidung angesetzt werden.

Retouren sind das Umweltproblem, nicht deren Vernichtung

Offensichtlich werden 79 Prozent der Retouren mit Artikeln durchgeführt, die völlig in Ordnung sind. Es wäre wesentlich erfolgsversprechender, eine Regulierung an dieser Stelle einzuführen, statt am fast niedrigsten Punkt in der Kette anzusetzen. An der Reduzierung der Retouren arbeitet die Branche schon intrinsisch motiviert. Wirtschaftlich denkende Unternehmen kommen von allein auf die Idee, ihre Kosten zu senken. Aber es gibt Rahmenbedingungen, die verbessert werden können.

Nur zwei Ansatzpunkte von vielen möglichen:

  1. Kleidergrößen normieren: Die Fashion-Modehändler sind an Retourenquoten von mindestens 50 Prozent gewöhnt. Das liegt in der Regel daran, dass Kleidungsstücke zur Ansicht und Anprobe bestellt werden. Diese Anprobe-Bestellmentalität entsteht, weil die Größen in der Modebranche nicht normiert sind. Und die entsprechenden politischen Bemühungen kommen nicht voran. Würde dieses Problem behoben, entfiele ein großer Anteil der Retouren.
  2. Rücksendekosten: Die kostenfreie Rücksendung begünstigt Retouren, und weil der Kunde kostenfreie Rücksendungen erwartet, trauen sich die meisten Händler nicht einmal, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Rücksendekosten aufzuerlegen. Müssten alle Händler verpflichtend Rücksendekosten einführen, ergäben sich für niemanden Marktnachteile – und Verbraucher sich auf wirklich notwendige Rücksendungen beschränken. Der Onlinehandel hat mittlerweile eine solche Marktdurchdringung erreicht, dass er derartige Maßnahmen nicht mehr fürchten müsste.

Übrigens lassen Onlinehändler ihre Kunden Artikel immer öfter direkt entsorgen, wenn der Wert des Artikels den Aufwand einer Retoure nicht rechtfertigt. Ein Verbot der Vernichtung ist also vollkommen sinnlos, denn dann wirft in Zukunft eben überwiegend der Kunde weg.

Was zum eigentlichen Problem bei der Vernichtung von Waren führt: Der gefühlte Recyclingweltmeister Deutschland, vor dessen Anzahl von Mülltonnen die Welt fassungslos den Kopf schüttelt, ist ein erbärmlicher Recycling-Versager. Wie die Bundestagsfraktion der Grünen mitteilt, ist Deutschland mitnichten Recyclingweltmeister. Die bereinigte Recyclingquote liegt lediglich bei 17,3 Prozent. Vermutlich wäre uns allen mehr damit gedient, wenn der Anteil der entsorgten Waren durch Vermeidung reduziert und der unvermeidbare Rest besser recycelt würde.

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4 Kommentare
Peter
Peter

Danke, danke, endlich mal jemand erwähnt, das Spenden für die Unternehmen durch unsere Gesetze teurer ist als vernichten. Ehrlich, jeder vernünftige Mensch würde so handeln wie die Unternehmen es tun. In den Nachrichten wird Amazon jetzt als böses Unternehmen dargestellt und dabei müsste man anstatt wieder Verbote einführen es nur für die Unternehmen attraktiv machen, zu spenden. Sorry, wer sitzt da im Bundestag, warum haben wir nur noch eine Politik der Verbote, anstatt gute Sachen zu fordern.

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dennis
dennis

Das ist doch unsinn. Es war klar, dass wieder jemand kommt und die Probleme woanders sucht, was einfach dazu führt, das gar nichts gemacht wird. Selbst wenn es ein scheinbar kleiner Prozentsatz ist, macht dieser in der Masse doch viel aus. Die Zahl 3,9% klingt klein, aber wieviele Waren verbergen sich dahinter? Das ist wieder so eine völlig bescheuerte Argumentation, nur um sich nicht bewegen zu müssen, das kennen wir in Deutschland zu genüge. Immer alles tot reden, bis nichts passiert.

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Oliver
Oliver

Nun lieber dennis,
dann spielen wir doch mal den Verbotsvorschlag durch!
Das Gesetzt wird erlassen und mit hohen Strafen belegt falls ein Unternehmen doch vernichtet. Daraus entstehen dem Unternehmen nach zur Zeit gültigem Gesetz (inklusive dem fiktiven neuen Vernichtungsverbotgesetzt) kosten.
Was glaubst du, wem diese Kosten dann auferlegt werden? Damit aber nun der Handel dadruch nicht stagniert werden die Kosten nicht direkt auf den Preis umgelegt sondern vielmehr in Löhnen, Gehältern und anderen Dingen eingespart werden.
Also, Verbote sind zwar pauschal betrachtet immer eine Lösung um ein Symptom zu bekämpfen, jedoch nicht die Ursache.
Und ganz ehrlich, es ist immer einfacher anderen (Unternehmen) die Schuld zu geben als sie bei sich selbst und seinesgleichen zu suchen!
Der Autor hat nur mal versucht zu verdeutlichen das es hier um eine reine Symptombekämpfung, und somit meiner Meinung nach rein populistisch um Stimmenfang geht und umsonst nichts.
Wenn wir an diesem Problem was ändern wollen müssen die, welche die Marktmacht haben etwas ändern. Und das sind nun mal wir!, die Verbraucher.
Als erster großer Schritt wäre es doch dann sinnvoll bei sich an zu fangen und alles was man regional, vor Ort kaufen kann auch dort zu kaufen, anstatt sich im online Handel aus zu toben. Das würde schon mal die Retouren (Fahrten, CO2) minimieren. Was das Problem der Vernichtung aber noch nicht in der Gänze verhindert, da man ja auch im Einzelhandel Produkte zurückgeben darf.
Hier wäre es sinnvoll bei den Verbrauchern mal wieder etwas mehr Bewusstsein für überlegtes einkaufen hervor zu rufen.
Wie oft erlebe ich das Menschen sich drei oder vier Produkte gleicher Art kaufen nur um sie zu testen und dann wieder zurück zu geben. Das gehört meiner Meinung nach bestraft, und zwar nicht durch den Gesetztgeber sondern durch den Händler direkt. Einfach die Rückgabe nicht akzeptieren bei einer Ware ohne Mangel. Eventuell überlegen sich dann diese Menschen vorher was sie wirklich wollen dun brauchen.
Nun auch bei diesen Ansätzen wird es genug zu diskutieren geben, darüber bin ich mir bewusst. Aber es soll auch nur ein möglicher, sinnvoller Ansatz sein mit dem was wirklich etwas bewegen kann. es ist und bleibt nun mal eindeutig:
Veränderung einer Gesellschaft fängt immer bei den Mitglieder selbst an!, und nicht bei denen auf die man mit dem Finger zeigt!

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Stefan Grimm

Warum wird immer nur auf die Spitze des Eisbergs geschaut?

Die Retouren sind da und ja, jede einzelne Retoure, die vermieden werden könnte, sollte vermieden werden.
Das fängt von der Reparaturfreundlichkeit der im Markt befindlichen Konsumgüter an, geht über übertriebene Marketing und Verkaufstexte der Händler bis zur Ausnutzung der Rücksendemöglichkeiten durch den Verbraucher.

Aber mit Retouren wird wenigstens offen und sichtbar umgegangen.

Bezüglich der Option des Spendens, das ist ja schön gedacht, es lauert aber die Gefahr das spenden das neue Schönwort für Wegschmeißen wird, denn wem darf gespendet werden, wieviel, wie muss der Empfänger der Spende qualifiziert sien, darf ich auch ins Ausland spenden? Wir stellen uns gerne vor, dass die gespendeten Spielsachen dann in einem osteuropäischen Kinderheim landen und Menschen glücklich machen – aber was ist, wenn solche Optionen von gewissenlosen Geschäftemachern ausgenutzt werden und die Waren dann auf wilden Deponien landen, mit insolventen Spendenempfängern?

Das schlimmere Problem ist die versteckte Vernichtung von Überbeständen durch Hersteller, Marken und Imprteure, um eine hohe Preisstabilität für die eigenen Produkt zu erreichen, die Verhinderung von Zweit- und Graumärkten, sowie die Beschränkung von Vertriebszugängen für solche Waren.

Als erstes sollte es ein Gebot der Erhaltung oder Vernichtungsverbot für verkehrsfähige Neuwaren geben, die aufgrund nicht erfüllter Vertriebsziele zu viel produziert wurden.

Besonders im Bereich Textil ist das doch normal, das diese Waren lieber zu Putzlappen geschreddert werden, anstatt die Ware auf den Markt zu lassen. Moral, Verantwortung und Ethik bestimmen hier oft nicht das Handeln, sondern lediglich die Maximierung der Erträge und die Markenführung.

Wenn wir über Einschränkungen der Vernichtung nachdenken, dann sollten wir bitte ganz vorne anfangen, bei der Ware die den Weg zum Kunden nie gegangen ist!

Mal ganz abgesehen davon, das die unsäglichen MHDs z.B. bei Lebensmitteln doch endlich gegen eine Zeitachse im Ampelformat getauscht werden sollte, denn das MHD stellt nur das Ende der grünen Phase dar und je nach Produkt sorgt dann noch eine ziemlich lange gelbe Zeitphase bevor die rote Phase beginnt.

So würde auch viel mehr noch geprüft und verbraucht, was ansonsten weggeschmissen wird.

Beste Grüße
Der RESTPOSTEN.de

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