Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

Karriere

Vergiss, was einmal war – das sind die neuen Regeln der Arbeitswelt

Die neuen Regeln der Arbeitswelt. (Foto: Shutterstock-blvdone)

Die Arbeitswelt hat sich binnen der letzten Jahrzehnte drastisch verändert. Zum einen durch neue Technologien, zum anderen durch Veränderungen in der Gesellschaft. Andreas Weck hat im Rahmen seiner Aufgeweckt-Kolumne fünf neue Regeln für die heutige Arbeitswelt aufgestellt. Stimmt ihr zu?

Neue Technologien und wachsender Neoliberalismus verändern die Arbeitswelt

Die Arbeitswelt verändert sich auf der ganzen Welt: Technologie und wachsender Neoliberalismus machen uns zu Unternehmer unserer selbst. (Foto: Shutterstock-hxdyl)
Die Arbeitswelt verändert sich auf der ganzen Welt: Technologie und wachsender Neoliberalismus machen uns zu Unternehmer unserer selbst. (Foto: Shutterstock-hxdyl)

Dass die Arbeitswelt sich zunehmend verändert, wird bereits seit Jahren gepredigt. Vor allem beruht die Annahme darauf, dass Technologien immer mehr Einzug in unser Leben halten. Sie sorgen dafür, dass wir mehr Wissen ansammeln und es auffindbar machen. Cloud-Systeme oder Wikis gehören heute zum festen Bestandteil der unternehmensinternen Software-Ausstattung. Zudem werden unsere Kommunikationsmöglichkeiten durch Messenger- und Voice-over-IP-Technologien immer effektiver und kostengünstiger. Selbst hunderte und tausende Kilometer voneinander entfernt, können wir uns austauschen und kollaborativ an gemeinsamen Projekten arbeiten. All das verändert die Art und Weise wie wir heute unser Geld verdienen – vor allem unter Kreativ- und Wissensarbeitern.

Auf der anderen Seite bewegen wir uns aber auch gesellschaftlich immer mehr in eine Richtung, die weithin als Neoliberalismus bezeichnet wird. Dahinter steckt eine freiheitliche Marktwirtschaftsordnung, die entsprechende Gestaltungsmerkmale wie einen hohen Anteil privaten Eigentums an Produktionsmitteln, eine freie Preisbildung sowie eine Wettbewerbs- und Gewerbefreiheit anstrebt und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zwar nicht ganz ablehnt, aber auf ein Minimum beschränken will.

„Im Neoliberalismus ist jeder von uns Unternehmer seiner selbst!“

Was das wiederum für die Arbeitswelt bedeutet, hat vor einigen Wochen der Berliner Philosoph Byung-Chul Han in einem ZEIT-Wissen-Interview skizziert. Vor allem ein Satz aus dem Gespräch mit Journalist Niels Boeing stach dabei besonders heraus: „Im Neoliberalismus ist jeder von uns Unternehmer seiner selbst!“

Byung-Chul Han macht klar, dass wir uns immer mehr vom althergebrachten Kapitalismus zu Zeiten von Marx entfernen, wo das gängige Arbeitsverhältnis vor allem auf das von Fabrikbesitzern und festangestellten Fabrikarbeitern aufbaute. Und auch die daraus entstandene soziale Marktwirtschaft, die dem Staat einen festen Handlungsspielraum zur Kontrolle der Märkte zugesteht, wird immer weiter aufgeweicht. Heute werden Arbeitskräfte immer mehr zu Freiberuflern oder Zeitarbeitern.

Fünf Regeln der Arbeitswelt, die heute neu definiert werden müssen

Immer in Bewegung bleiben und Leistung bringen. Viele Personen wandern von einem Job zum anderen. (Foto: Shutterstock-View Apart)
Immer in Bewegung bleiben und Leistung bringen. Viele Personen wandern von einem Job zum anderen. (Foto: Shutterstock-View Apart)

Doch was bedeuten diese zwei Umstände eigentlich für die uns bekannten Regeln der Arbeitswelt, die viele von uns von den Eltern gelernt oder über Jahrzehnte selbst erlebt haben. Ich habe fünf davon herausgepickt und die Grundregeln – natürlich etwas zugespitzt – neu definiert.

Alte Regel: Es gibt eine zentrale Arbeitsstätte, in der du dich einfindest – etwa eine Filiale oder ein Büro.

Neue Regel: Durch Technologien und die immer stärker ausgeprägte freiberufliche Arbeit können Menschen sich zunehmend aussuchen, von wo aus sie ihr Tagwerk erledigen. Das kann natürlich weiterhin eine zentrale Arbeitsstätte wie eine Filiale sein oder aber auch das eigene Zuhause, der Urlaubsort, ein Co-Working-Space oder das Café an der Ecke, das einem so gut gefällt. Ortsunabhängiges Arbeiten wird zum Standard – nach und nach auch für Festangestellte.

Alte Regel: Der 8-Stunden-Tag ist fest. Nichterledigte Arbeit wird auf den kommenden Tag verschoben.

Neue Regel: Der Arbeitstag ist erledigt, wenn die Aufgabe oder das Projekt abgeschlossen ist. Zeit spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. Was für Freiberufler sowieso gilt, wird auch für Angestellte immer mehr zur Normalität. Überstunden gehören eigentlich schon jetzt zur Tagesordnung. Für einige Personen bedeutet das auch, dass sie hin und wieder früher aus dem Arbeitsmodus verschwinden können – sprich Gleitzeit haben. Für andere gilt allerdings, dass die 40-Stunden-Woche grundsätzlich abgeliefert werden muss, jedoch nach oben hin, kaum Grenzen sind.

Alte Regel: Berufliches und Privates sind getrennt. Wer Zuhause ist, lässt die Arbeit vor der Haustür.

Neue Regel: Berufliches und Privates verschmelzen immer mehr miteinander – nicht zuletzt weil die 40-Stunden-Woche ausgedient hat. Arbeit wird mit nach Hause genommen und am Schreib- oder Esstisch erledigt. Auch der Blick auf neue berufsbezogene Informationen verschwindet nicht sobald wir das Büro verlassen. In Zeiten von Twitter und Co. hängen wir auch daheim und im Urlaub ständig am Nachrichtenstrom und verfolgen Veröffentlichungen, die auf den Arbeitsalltag einzahlen. Immer auf Stand zu sein, ist heutzutage in vielen Berufen ein 24/7-Job.

Alte Regel: Man arbeitet bis zur Rente in einem Unternehmen. Jobwechsel passieren nur in Ausnahmefällen.

Neue Regel: Der regelmäßige Jobwechsel ist heutzutage ein ständiger Begleiter. Zum einen werden viele Personen nur für bestimmte Projekte engagiert. Zum anderen bekommen sowieso nur noch wenige Arbeitnehmer einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Wiederum wissen aber auch viele Personen, dass sie ihren Marktwert durch regelmäßige Jobwechsel steigern, da sie dadurch an Erfahrungen gewinnen. Alle drei bis fünf Jahre heißt es, sollte man das Unternehmen wechseln – auch und gerade, um nicht auf der Stelle zu treten und einen möglichen Konkurrenzkampf in der Zukunft zu verlieren.

Alte Regel: Der Staat kümmert sich um die Altersvorsorge – private Vorsorge geschieht freiwillig.

Neue Regel: Wer sich ausschließlich auf die staatliche Altersvorsorge konzentriert, wird im Alter wenig zu lachen haben. Honorare, Gehälter und Gratifikationen müssen auch im Privatleben so angelegt werden, dass sie im Alter als Teil eines Ganzen ein weiteres Standbein bieten. Sofern ein sorgloser Ruhestand finanziell nicht in Sicht ist, heißt das für viele Geringverdiener leider auch, dass sie einen Zweitjob annehmen müssen. Für viele Freiberufler bedeutet das hingegen, dass sie höhere Preise verhandeln oder noch mehr Kunden akquirieren müssen ­– auch wenn das Limit eigentlich schon erreicht scheint.

Die neue Arbeitswelt: Mehr Freiheit für weniger Freiheit

Wer diese Regeln jetzt liest, wird feststellen, dass sie – obwohl wir alle selbstbestimmter arbeiten werden beziehungsweise viele es schon tun – gleichzeitig auch eine neue Dimension von Zwängen entsteht. Auch der Philosoph Byung-Chul Han warnt, dass wir – sofern die Politik nicht den bisherigen Kurs korrigiert – geradewegs in ein System der Selbstausbeutung geraten. Ob man ihm da zustimmt oder nicht – das kann jeder selber entscheiden. Fakt ist aber, dass nicht jede Person mit der neugewonnen Freiheit klarkommt. Ständig in Bewegung zu sein und keinen Raum für Stillstand zu haben, heißt für viele eben auch persönliche Freiheit abzugeben. Wie denkt ihr darüber?

Weitere Kolumnen-Artikel aus „Aufgeweckt“ findet ihr hier.

 

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

7 Reaktionen
Mathias Piecha

Ein Aspekt führt diese sehr schön beschriebene Arbeitswelt zusätzlich ad absurdum: Verlangt wird eine immer längere Lebensarbeitszeit, gleichzeitig ist man mit über 40 oft schon zu alt für Arbeitgeber.

Antworten
Jörg Gastmann

Wenn man die Trends extrapoliert, wird der Unterbietungswettlauf bei Honoraren / Preisen / Einkommen immer stärker, während die Intensität der Selbstausbeutung zunimmt. Das wird noch so lange so weiter gehen, bis der Leidensdruck den Punkt überschreitet, an dem ausreichend viele Menschen intensiv genug über das System nachdenken und zu der Erkenntnis gelangen, dass das System das Problem ist.

Erst dann haben alternative Wirtschaftssysteme eine Chance. Wie z.B. bandbreitenmodell.de/vision, bei dem eine "Unterbeschäftigungssteuer" den Anreiz schafft, ausreichend viele Menschen fest anzustellen, sie gut zu bezahlen und ihnen sehr gute Arbeitsbedingungen zu bieten. Denn wer das tut, macht glänzend Geschäfte. Wer das nicht tut, verliert seinen kompletten Marktanteil. Geschäfte und gut bezahlte Beschäftigung werden regional verknüpft.

Die Folge sind kurze Arbeitszeiten (< 1200 Std/Jahr), 40.000 € Mindesteinkommen (netto/Jahr) und äußerst familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Wobei auch Unternehmen profitieren, siehe bandbreitenmodell.de/unternehmer

Antworten
JakeTheDog

Word!

Für mich ist dieser Punkt eigentlich schon längst erreicht! Ich bin nicht bereit, mich dieser "neuen" Arbeitswelt anzupassen. Ich trenne ganz klar zwischen Arbeitszeit und Freizeit, mit ganz wenigen Ausnahmen, da ich finde, dass man um ein gesundes Leben führen zu können, auch mal abschalten muss. Außerdem hat man ja auch Hobbies, denen man nachgehen möchte und auch sollte.

Ebenso müssen Überstunden ausgeglichen werden. Arbeit für unsonst gibt's nicht! Zum Glück ist das in meinem Unternehmen möglich.

Arbeitnehmer müssen sich mehr ihrer selbst und ihrem Recht als Arbeitnehmer, aber vor allem auch als Mensch bewusst werden. Man muss sich nicht schlecht behandeln lassen, nur damit man eine Arbeitsstelle hat, an der man arbeiten "darf". Das gilt insbesondere für die Deutschen, die sich viel zu viel gefallen lassen! Arbeitgeber sollten sich mehr bewusst werden, dass ohne ihre Arbeitnehmer niemand die eigentliche Arbeit erledigt und insofern auch faire Arbeitsbedingungen bieten müssen.

Ich gehöre noch zu den recht jungen Leuten in der Berufswelt und habe Prinzipien, die sich hoffentlich auch nach und nach weiter in meiner und kommenden Generationen verbreiten!

Antworten
E.

Nun muss man aufpassen, dass man sich nicht selbst ausbeutet... Wohl wahr! Sehr guter Artikel. Danke :)

Antworten
Sven Semet

Sehr gut dargestellt, was sich in der Arbeitswelt alles aktuell enorm schnell verändert. Zwischen den Zeilen lese ich viele Risiken, die meiner Meinung nach aber durch die auch dargestellte Chancen überwiegen. Den Punkt mit dem "Arbeiten bis zur Rente in einem Unternehmen" kann ich so nicht bestätigen - es sind sicherlich prozentual nicht mehr die Mehrzahl, jedoch gibt es weiterhin die Karriere im eigenen Unternehmen - ich bin schon seit 22 Jahren bei der IBM und kenne diese Entwicklungen auch bei Freunden und Bekannten

Antworten
Stefan

Sehr Gut geschriebener Artikel. Lob an den Autor ;)

Aber im Grunde ist das ganze Prinzip ja nicht neu. Früher um 18/1900 war die Arbeit ja quasi auch zu Hause. Webstühle, Landwirtschaft etc. haben ja zuhause ihren Platz gefunden. Heute ist es natürlich eine andere "Form", aber wie man sieht, es kommt alles wieder, wenn auch leicht verändert.

Antworten
Andreas Weck

Danke für das Lob. Ja, alles kommt wieder und nichts hält ewig. Es ist nur traurig, dass wir manche Errungenschaften, die unsere Existenz über die Jahre sicherten, mehr und mehr wieder verlieren. Siehe letzter Punkt mit der Altersgrundsicherung. Menschen mit geringem Einkommen laufen Gefahr im Alter zu verarmen. Hingegen dürften sich viele über den ersten Punkt wohl eher freuen.

Gruß!

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.