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Kommentar

Ein Versandhandelsverbot rettet die Apotheken nicht – denkt endlich um!

(Foto: Lisa S. / Shutterstock)

Der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten soll verboten werden. Das schränkt Patienten ein und hilft Apotheken gar nichts. Ein Kommentar. 

Der Volksmund nennt einen extrem teuren Einzelhandelsladen eine Apotheke – und das zurecht. Deutschland zahlt viel für seine Medikamente, zu viel. Der renommierte Arzneimittelverordnungsreport gibt an, dass wir mindestens 18 Prozent im Vergleich mit Großbritannien und 35 Prozent im Vergleich mit Schweden mehr für Pillen bezahlen. Statt den Arzneimittelmarkt aber jetzt dem Wettbewerb zu öffnen, will die Bundesregierung den Wettbewerb stattdessen einschränken. Der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten soll verboten werden.

Apotheken: Wettbewerb verbieten war noch nie eine gute Idee

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass die Preisbindung in Deutschland nicht für europäische Versandapotheken gilt. Die richtige Reaktion darauf wäre ein Kippen der Regelung gewesen und nicht ein protektionistisches Verbieten des Versandhandels. Der Apotheker, der dabei angeblich geschützt werden soll, verdient sowieso nicht an der Differenz zwischen Einkauf und Verkaufspreis bei verschreibungspflichtigen Medikamenten – sondern an gesetzlich geregelten Packungsaufschlägen.

Das Ende der Preisbindung hätte auf die Apotheken eher positive Auswirkungen. Wettbewerb belebt das Geschäft: Kunden, die aus Preisgründen beim Versandhandel bestellen, könnten auch wieder örtlich einkaufen, wenn die Preise sinken. Und der innereuropäische Wettbewerb könnte die Ausgaben unserer Krankenkassen für Medikamente extrem reduzieren. Zwischen 1,5 und 3,5 Milliarden Euro Einsparpotential sieht der Arzneimittelverordnungsreport im Vergleich mit dem innereuropäischen Ausland in Deutschland. Ein Bruchteil dieses Einsparpotentials könnte die stagnierenden Apotheken stützen, um die örtliche Versorgung zu gewährleisten.

Der Versandhandel macht einen Großteil seines Umsatzes überhaupt nicht mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, allein deshalb ist die Diskussion schon sinnlos. Der Leidtragende ist der Kunde, der gezwungen wird, in der örtlichen Apotheke einzukaufen. Der Kölner Stadt-Anzeiger schreibt dazu, dass ein im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstelltes und Ende 2017 veröffentlichtes Gutachten zu dem Schluss komme, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Apotheken jetzt und in Zukunft mit dem Versandhandel nichts zu tun haben. Der Marktanteil des Versandhandels würde bei nur einem Prozent liegen und die Wachstumsraten seien viel zu gering. Ob das in Zukunft so bleibt, sei dahingestellt.

Seit Jahrzehnten konsolidiert sich der Apothekenmarkt, die Anzahl der Apotheken nimmt Jahr für Jahr ab. Das Portal Handelsdaten gibt an, dass 2004, als der Filialbetrieb für Apotheker zugelassen wurde, die Anzahl der Neueröffnungen sprunghaft anstieg. Gleichzeitig nahm die Anzahl der Schließungen stark zu, seit 2008 ist die Anzahl der Neueröffnungen wieder rückläufig. Der Niedergang der Apotheke ist also nicht an den Erfolg des Versandhandels gekoppelt, der hat schon weit vorher begonnen.

Apotheken vor Ort stärken geht auch anders

Es kursieren andere Konzepte, die Apotheken vor Ort stärken könnten. Um nur einige banale zu nennen: Beratungsleistungen vergüten, Packungsaufschläge erhöhen, Abgaben für den Notdienst-Fonds erhöhen, einen Struktur-Fonds für unterversorgte Gebiete einrichten oder eine zusätzliche Erhöhung des Apothekeraufschlages in strukturell unterversorgten Gebieten. Es wäre auch möglich, gleich das ganze Gesundheitssystem neu zu strukturieren, was die SPD ja eigentlich auch wollte. Bevor diese Forderung im Koalitionsvertrag und dem Gegenwind der Apothekerlobby bei der CDU unterging.

Übrigens: Das Versandhandelsverbot wird die Apotheken Geld kosten. Der Notdienst der Apotheken wird durch einen gesetzlich vorgeschriebenen Betrag von 16 Cent pro Packung querfinanziert. Docmorris gibt an, allein eine halbe Million Euro pro Jahr in den Fonds einzuzahlen. Eigentlich passen sie wunderbar zusammen, unsere rückständige Regierung mit ihrem Heimatministerium und der Apothekerverband, der vor lauter Rückständigkeit in der Digitalisierung nur Gefahren sieht.

Das EuGH wird erneut angerufen werden, dieses Mal wegen des absurden Versandhandelsverbotes. Das steht fest, Docmorris ist als Kläger der wahrscheinlichste Kandidat. Sollte, und das ist nicht unwahrscheinlich, der EuGH das Verbot kippen, dann hat bis zu diesem Zeitpunkt nur die Pharmaindustrie durch weiterhin überteuerte Medikamentenpreise von diesem Protektionismus profitiert. Die Apotheker werden dann genauso schlecht dastehen wie vorher.

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