Kommentar

Der Hype um die Berliner Tesla-Fabrik ist ein gefährlicher Kniefall vor Elon Musk

Tesla-Chef Elon Musk: Meister der vielen Versprechen. (Foto: dpa)

Tesla-Chef Elon Musk will eine Fabrik nahe Berlin bauen, die Politik feiert. Dabei wäre Skepsis eher angebracht – aus drei Gründen.

Mit einer bloßen Ankündigung hat es Tesla-Chef Elon Musk geschafft, die Dauerstreitthemen der deutschen Politik in Vergessenheit geraten zu lassen. Grundrente, Militärausgaben, Mietendeckel: Am Mittwoch waren das nur Randnotizen im Vergleich zur Gigafactory, die der US-Elektroautobauer nahe Berlin errichten will. „Ich freue mich natürlich wahnsinnig über die Nachricht“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop und twitterte stolz an Tesla gerichtet: „Wer Visionen hat, kommt nach Berlin!“ Bis zu 7.000 neue Arbeitsplätze erwartet sie jetzt in der Region.

Euphorisch äußerte sich auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: Die Pläne von Musk seien „ein weiterer Beweis für die Attraktivität des Automobilstandortes Deutschland“. Es sei „zugleich auch ein Meilenstein beim Ausbau von Elektromobilität und Batteriekompetenz“, sagte er. Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) sprach sogar von einem „vorgezogenen Weihnachtsfest“. Dabei wäre Skepsis eher angebracht.

Erstens sind die Pläne zum Bau der Fabrik noch vage: Unklar ist beispielsweise noch der genaue Standort. Zwar soll das angeblich 120 Hektar große Areal in der Brandenburger Gemeinde Grünheide entstehen. Mit dem Landkreis Oder-Spree sei man jedoch erst seit rund vier Monaten „im Gespräch“, hieß es am Mittwoch. Zudem müssten laut Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke „noch weitere Fragen geklärt werden“. Von final unterzeichneten Verträgen oder längst erteilten Baugenehmigungen kann bisher also kaum die Rede sein.

Zweitens ist auch unklar, wann die Fabrik bei Berlin genau fertig ist. Auch wenn sich Tesla-Chef Elon Musk auf „Ende 2021″ festlegte und scherzte: „Wir werden definitiv schneller sein müssen als der Flughafen“ – wer den Milliardär verfolgt, sollte wissen: Beim Einhalten von Versprechungen ist Musk so zuverlässig wie eine Roulettekugel. Um nur zwei Beispiele zu nennen: 2015 erklärte Musk, seine Autos könnten bereits in etwa zwei Jahren vollständig autonom fahren. Diesen Plan hat er vorerst auf Ende 2019 verschoben. 2016 kündigte Musk außerdem an, dass Tesla im Jahr 2018 500.000 Fahrzeuge produzieren werde. Unterm Strich waren es dann aber nur 254.530. 

Drittens wird Elon Musk erst beweisen müssen, dass er sich nicht nur mit Politikern, sondern auch mit deutschen Arbeitsschutzgesetzen anfreunden kann. In den USA – wo Tesla bereits zwei bauähnliche Gigafactorys betreibt – ist Musk vor allem durch schlechte Arbeitsbedingungen, Niedriglöhne und Gewerkschaftsfeindlichkeit aufgefallen. In Deutschland aber wird er sich früher oder später mit Gewerkschaften und Tarifverträgen beschäftigen müssen – wenn er nicht vorher die Flucht ergreift.

Ihren Jubel über Musks angekündigte Tesla-Fabrik nahe Berlin sollten sich deutsche Politiker deshalb tunlichst aufsparen. Vielmehr sollten sie jetzt erst recht den ganzen Prozess aktiv begleiten: Bürokratie abbauen, nötige Voraussetzungen schaffen. Erst wenn die Fabrik steht, darf auch gefeiert werden. Ein zweites Debakel wie beim Flughafen BER wäre schon nicht mal mehr peinlich, es wäre auch ein fatales Zeichen: Mit den Deutschen klappt einfach nichts, könnte es dann heißen.

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3 Kommentare
Wolfi
Wolfi

Absolut richtig. Schon seit längerem hat das Ansehen im In- und Ausland des ach so fleißigen und akkuraten Deutschen, sprich Made in Germany, deutlich an Wert verloren.
Autos bauen können andere auch gut, das schon lange. China hat in Sachen Auto mächtig aufgeholt. Die erwähnte gesunde Skepsis über die, so wie es sich ausmacht frenetische Jubel, 7000 Arbeitsplätze sollte man sich aufsparen wenn es denn wirklich soweit ist. Zudem gibt es Stimmen und erstzunehmende Kritik das autonomes Fahren, wenn überhaupt, noch eine lange Zeit in Anspruch nehmen wird. Ob das Auto, bzw. der Individualverkehr, überhaupt den Klimawandel übersteht ist zudem fraglich.

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Titus von Unhold
Titus von Unhold

„China hat in Sachen Auto mächtig aufgeholt.“

Nur oberflächlich, denn tatsächlich hinken die Chinesen noch immer fast 30 Jahre zurück. Denn nicht die Summe der Häkchen auf der Aufpreisliste zeigen wer vorne steht, sondern die Sicherheit und Zuverlässigkeit eines Fahrzeugs. Und da sieht es wirklich bitter aus – sagen selbst chinesische Automanager:

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/china-autofahren-zukunft,broadcastcontrib-swr-16462.html

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Wolfi
Wolfi

Sie reden/schreiben von Dingen die sie wahrscheinlich nur aus der Ferne kennen…!

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