Interview

Vier-Tage-Woche: Unternehmer sprechen über ihre Erfahrungen

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Vier-Tage-Woche: 4 Unternehmer sprechen über ihre Erfahrungen

Jan Eppers: „Unternehmen sollten die Vier-Tage-Woche auf jeden Fall prüfen.“ (Foto: Frische Fische)

Jan Eppers ist Gründer und Geschäftsführer von Frische Fische, einer PR-Kreativagentur für Technologie-Themen. Insgesamt 16 Mitarbeiter beraten sowohl internationale Konzerne als auch Startups aus dem Web- und IT-Umfeld. Gegründet hat Eppers die Agentur mit Sitz in Dresden und Berlin im Jahr 2004. Die Vier-Tage-Woche wurde 2015 eingeführt, nachdem er per Twitter auf ein Unternehmen aufmerksam wurde, das sie erfolgreich implementierte.

t3n: Warum habt ihr die Vier-Tage-Woche eingeführt und wie verteilen sich die Stunden auf die Arbeitswoche? 

Jan Eppers: Ganz, ganz viel Flexibilität brauchte ich als Gründer immer schon selbst, damit ich mein Leben mit dem Job wunderbar kombinieren kann, und dieses Mehr an Gestaltungsspielraum wollte ich auch allen Mitarbeitern geben. Zwar hatten wir schon vorher keine starren Anwesenheitszeiten und Home-Office war auch immer möglich, aber so ein vertragliches Recht ist doch etwas anderes, als nur der gute Wille des Arbeitgebers, der jederzeit auch wieder entzogen werden kann.

Bei uns kann jeder eine feste Wochenarbeitszeit wählen und sich die Stunden selber einteilen. Wir haben also absolute Wahlfreiheit über die Arbeitstage, keinen Zwang zur Vier-Tage-Woche. Interessant war beim Start vor zweieinhalb Jahren, dass nur ein Kollege eine Stundenreduktion bevorzugte. Alle anderen 15 verteilen ihre frühere Stundenzahl auf vier Tage, sodass bei den Vollzeitlern somit Zehn-Stunden-Tage die Regel sind.

t3n: Ist die Produktivität dadurch gleich geblieben oder vielleicht sogar angestiegen?

Das kann ich nicht so einfach beantworten. In einer Agentur lässt sich Produktivität nicht in Stückzahlen messen und soll auch gar nicht gemessen werden. Das Prinzip der höchstmöglichen Selbstverantwortung besteht ja gerade darin, dass kein Kontrolleur dahinter steht und etwa die Zeichenzahl pro Stunde überwacht. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass die Motivation und somit die Qualität der Arbeit gestiegen sind. Wir sind gefühlt einfach kreativer geworden. Bei zehn Stunden an einem Tag ist definitiv genug Zeit da, in aller Ruhe über Tellerränder zu blicken, sich gründlich mit Kollegen auszutauschen und Inspirationen zu sammeln. Und am Drei-Tage-Wochenende kommen dann noch weitere Inspirationen dazu, weil Kollegen wieder Zeit zur persönlichen Entwicklung haben.

t3n: Wie lange hat es gedauert, bis sich das Arbeitszeit-Modell eingespielt hat?

Von der ersten Idee bis zur Umsetzung vergingen rund acht Wochen. Auf das Einspielen der längeren Tage waren wir alle gespannt, es lief aber komplett ohne Probleme. Manche Kollegen haben ihre Essenszeiten umgestellt, mit einer Nachmittagspause experimentiert oder den Kaffeekonsum hochgefahren. Das waren schon die deutlichsten Anpassungen.

t3n: Konntet ihr durch die Vier-Tage-Woche auch Kosten sparen?

Nein, die Gehälter sind ja gleich geblieben, da sich die Stundenanzahl nicht verringert hat.

t3n: Wie wirkt sich das Modell bei Stellenausschreibungen aus?

Damit konnten wir noch keine Erfahrungen sammeln, weil unser Mitarbeiterstamm sehr stabil ist und wir zusätzliche Stellen eher aus unserem Netzwerk besetzen können. Da die Vier-Tage-Woche optional ist, sehe ich grundsätzlich aber auch bei der Mitarbeitergewinnung nur Vorteile.

t3n: Hast du das Gefühl, dass die Kollegen entspannter sind?

Donnerstagnachmittag nicht, aber Freitagvormittag beim dritten Umdrehen im Bett schon! Natürlich schlauchen Zehn-Stunden-Tage, aber die Belohnung durch drei freie Tage im Anschluss macht dies mehr als wett. Oder auch die Freiheit, an einem Tag spontan mittags nach Hause zu gehen oder erst mittags zu kommen und dafür dann eben doch am fünften Tag für ein paar Stunden ins Büro zu gehen.

t3n: Wie verbringen die Mitarbeiter ihren gewonnen Tag?

Sehr vielfältig und hier zeigt sich für mich auch die gesellschaftliche Relevanz flexibler Arbeitszeitmodelle: Eine Kollegin fungiert als Vormund für minderjährige Geflüchtete und kann dies wegen der vielen Behördengänge auch nur, weil sie jetzt einen Wochentag dafür frei hat. Eine andere hat wieder Zeit, Veranstaltungen für Amnesty International zu organisieren. Ein Kollege trainiert ein Kinder-Fußballteam, ein anderer organisiert Barcamps, eine weitere Kollegin kann ihre nebenberufliche Selbständigkeit als Fotografin ausleben, eine widmet sich Kiez-Aktivitäten und so weiter.

Natürlich ist das nicht repräsentativ, aber an einem normalen Wochenende muss man einkaufen, die Wohnung aufräumen, Wäsche waschen, Papierkram erledigen, geht abends aus und schwupps läutet der Tatort am Sonntagabend schon wieder leise die nächste Woche ein. Ein weiterer freier Tag schafft Raum für sehr wertvolle Dinge, ohne dass man an Erholungszeit verliert.

t3n: Gab es auch Kollegen, die mit dem Arbeitszeitmodell wenig anfangen konnten?

Ja, besonders mit kleinen Kindern passt das Vier-Tage-Modell nicht unbedingt zu allen Lebenssituationen. Auch am freien Tag wird man durch die Kleinen früh geweckt und bringt sie in den Kindergarten. Selbst wenn man sich anschließend wieder mit einem Buch ins Bett kuscheln könnte, ist der Tag nicht komplett frei, sondern es ist den meisten wichtiger, die Kinder an den anderen Tagen am Nachmittag früher wiederzusehen.

Wir haben auch zwei Kollegen mit je drei Kindern, die jede Woche wieder versuchen, den Freitag frei zu machen, aber fast immer scheitern, weil sie unter der Woche so flexibel sein müssen: Kind krank, Kind muss zum Geburtstag, Kind hat Schlüssel vergessen, Kind hat Loch im Kopf, Kind hat Läuse und so weiter. Das kann dazu führen, dass sie ihr Wochenpensum doch noch nicht geschafft haben. Geht mir persönlich auch hin und wieder so.

t3n: Ist die Vier-Tage-Woche etwas, das du grundsätzlich jedem Unternehmen empfehlen würdest?

Ich kann jedem Unternehmen empfehlen, eine Vier-Tage-Woche auf jeden Fall zu prüfen. Einfach mal die Idee vorstellen, die Augen der Kollegen nach einem Leuchten absuchen, jedem die Gelegenheit zu einer spontanen Reaktion geben und dann weiter planen oder eben nicht. Formal ist die Umstellung ein Kinderspiel: Zwei Zeilen Zusatz zum Arbeitsvertrag und eine Meldung an die Krankenkasse. Bums, erledigt.

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