Analyse

Der Irrsinn um Von Floerke hatte Methode

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Schirrmacher war von dem mittlerweile ziemlich harten Ton seiner Kunden genervt, die teilweise schon seit Wochen auf ihre Lieferung warteten und mit Beschimpfungen nicht sparten. Als er anfing schnodderig Kommentare auf Facebook zu beantworten, stellte er überrascht fest, dass die Reichweite dieser Posts jeden bezahlten Post überstieg. Und so wurde aus einer genervten Attitüde eine anscheinend gut funktionierende Marketingmasche. Beschwerden um noch ausbleibende Bestellungen versuchte Schirrmacher, mit einem Beschwerdeformular abzufangen. Das wurde unter der mittlerweile rasch anwachsenden Schnodder-Kommentar-Fanbase zum Running Gag, weil die Aufforderung das Beschwerdeformular auszufüllen, im Zweifel auch mehrmals an dieselben Kunden versandt wurde. Aber das System schien zu greifen, denn die wütenden Kundenkommentare wurden weniger. Verschwunden sind sie noch nicht, von ehemals Dutzenden Kommentaren pro Tag sind jetzt täglich noch vereinzelte Kommentare auf der Facebook-Seite zu finden.

Ab jetzt hieß es Aufmerksamkeit um jeden Preis. Und dieses Spiel spielte Schirrmacher gut, so gut, dass selbst das Handelsblatt auf eine von ihm gefakte Hausdurchsuchung hereinfiel. Besonders gut schien der Community aber das Bashing des DHDL-Investors Thelen zu gefallen, denn Schirrmacher berichtete von bis zu 50 Prozent mehr Umsatz an Tagen mit Thelen-Posts. Von jetzt an folgten fast täglich hasserfüllte Posts, die sich gegen Thelen richteten. Das Anti-Thelen-Marketing gipfelte schließlich in einer „Frank-muß-raus-Box“. Thelen wollte seine Anteile zwar abgeben, aber am liebsten an die Von-Floerke-Anleger einer Crowdinvestment-Kampagne bei Kapilendo, was Schirrmacher nicht wollte.

Also ergänzte der Von-Floerke-Gründer seine Vorgehensweise noch um nahezu allabendliche Livestreams, in denen er, mit Whiskey und Zigarre bewaffnet, mit Rabatten um sich warf und gegen Thelen wetterte. Das Ganze verkam immer mehr zu einer Unterhaltungsshow. In jüngster Zeit wurden die Posts immer schräger, die unrühmliche Krone setzte Schirrmacher dann seinem Marketing mit ausgesprochen frauenfeindlichen Posts auf.

Die Folgen des Kamikaze-Marketings

Die ursprüngliche Guerilla-Marketing-Strategie, mit der offensichtlichen Insolvenz zu kokettieren und auf Schnodder-Antworten umzustellen, sorgte für hohe Interaktionsraten und brachte Umsatzzuwachs.

Schirrmachers einzige Sorge galt offensichtlich dem Umsatz, mit jedem überdrehten Post konnte der Unternehmer dem Startup etwas mehr Luft und Zeit verschaffen, denn im Hintergrund versuchte er, seine Gläubiger zu einem Schuldenschnitt zu bewegen. Und dieser Schuldenschnitt musste bedient werden, deshalb wurde das Marketing immer abgedrehter und verließ irgendwann endgültig die letzten Grenzen des guten Geschmacks. Doch der Umsatz floß weiter.

Im Moment scheint es, als hätte Schirrmacher genug Geld eingenommen, um den vereinbarten Schuldenschnitt zu bedienen. Allerdings muss der umstrittene Unternehmer noch hart am Alltagsgeschäft arbeiten: Die aktuell immer noch aufzufindenden Beschwerden über verspätete oder vorläufig ausbleibende Lieferungen sprechen eine deutliche Sprache.

Es bleibt noch die Frage, zu welchem Preis Schirrmacher das Unternehmen möglicherweise vor einer Insolvenz bewahrt hat. Der ursprüngliche Gentleman-Club ist jetzt weit von seiner Zielgruppe entfernt. Er erreicht heute Kunden, die sowohl Spaß an der öffentlichen Destruktion als auch an – vorsichtig ausgedrückt – politisch wenig korrekten Botschaften haben. Sobald der Unterhaltungsfaktor entfällt, könnten die Kunden wieder weg sein.

Die Schlammschlacht mit Thelen scheint zumindest endgültig beendet zu sein: Von Floerke postete kürzlich das anscheinend letzte Thelen-Meme mit den Worten „Ein Letzter noch, dann ist gut.“ Die Profil- und Titelbilder der Facebook-Seite mit Persiflagen und Schmähbildern sind gegen normale Werbematerialien ausgetauscht worden. Der Marketingkurs in Richtung „Anti-Political-Correctness“ geht im Moment jedoch munter weiter. Als nächstes Thema hat Schirrmacher den Dieselskandal ausgemacht und wettert gegen einen „links-ideologischen Komplex“. Und kündigt eloquent die nächste „Saufi-Sauf-Show“ im Livestream an. Aus dieser selbstgewählten Schiene wieder herauszukommen, dürfte schwierig werden. Vielleicht hat die deutsche E-Commerce-Szene mit Von Floerke jetzt mit Live-Sauf-Verkaufsshows zukünftig eine Art dauerhaftes Rtl 2 des Live-Shoppings.

Schirrmacher gibt im Gespräch mit t3n an, sich fürs Erste darauf konzentrieren zu wollen, ein stabiles Kerngeschäft aufzubauen. Was immer das auch werden mag. Von Venture Capital scheint Schirrmacher die Nase voll zu haben – mit Sicherheit aber auch das Venture Capital von ihm.

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3 Kommentare
Andreas Krüger
Andreas Krüger

Ihr hättet zumindest schreiben können wann das nächste Saufi-Sauf ist. ❤

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Daniel
Daniel

Ich finde es traurig, was Menschen mittlerweile tun, nur um Geld zu machen. Ethisch ist da nichts mehr vertretbares. Als selbst Unternehmerisch aktiver Mensch widern mich derartige Kampagnen an.

Solche Unternehmer schaden neugründern und sollten sich schnellstmöglich in der Arbeitslosigkeit finden. Marketing ist das nicht mehr. Und wer so Marketing betreibt, schadet der Unternehmenswelt nachhaltig.

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Frank Hofer

Da sieht man wieder, was für ein merkwürdiges Geschäft die Werbung ist. Große, von teuren Agenturen konstruierte Strategien floppen, und semi-menschlisches Gezeter generiert Umsatz. Daß man mit dem expliziten Hinweis auf mangelnden oder nicht vorhandenen Kundenservice tatsächlich Kunden anlockt klingt ziemlich krank, aber schon Iggy Pop fuhr ja in seinen frühen Jahren die gleiche Strategie…

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