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Analyse

Was die deutsche Wirtschaft vom Wirecard-Aufstieg lernen kann

Firmenzentrale von Wirecard bei München. (Foto: dpa)

Wirecard hat sich von einem Anbieter für Zahlungsabwicklung für Online-Casinos und Porno-Seiten mit zwielichtigem Ruf zu einem deutschen Digital-Star gemausert, der in den Dax drängt. Die deutschen Wirtschaftsgrößen könnten vom Fintech aus dem Münchener Vorort lernen.

Wo sind eigentlich die europäischen digitalen Champions, die europäischen Amazons, Googles und Facebooks? Diese Frage wird oft gestellt – und dabei werden digitale Nischen-Player wie Zalando und Wirecard übersehen, die in ihrer Branche globale Champions sind.

Ein Amazon oder Google ist Wirecard nicht ­– aber ein digitaler Champion in der Nische der Zahlungsabwicklung, der am Dienstag erstmals an der Börse mehr wert war als das ehemalige Dax-Schwergewicht Deutsche Bank. Wirecard ist global, ein Großteil der Umsätze kommt aus dem Ausland, insbesondere aus Asien, wo mobile Online-Bezahlungen inzwischen zum Alltag gehören.

Im ersten Quartal des Jahres 2018 wurden insgesamt 26,7 Milliarden Euro über Wirecard-Systeme abgewickelt. Während das Transaktionsvolumen für Europa im Vergleich zum ersten Quartal 2017 um 22 Prozent stieg, wuchs Wirecard – auch dank Übernahmen – außerhalb von Europa um 112 Prozent. Damit wickelt Wirecard inzwischen außerhalb Europas etwas mehr (13,6 Milliarden Euro) Zahlungsverkehr ab als in Europa (13,1 Milliarden Euro).

Software is Eating the World

Wirecard ist ein Beispiel für das Phänomen, das der Silicon-Valley-Investor Marc Andreesen bereits 2011 in einem Artikel für das Wall Street Journal so formuliert hat: Software is Eating the World – alles, was sich in der Geschäftswelt in Software abbilden lässt, wird sich früher oder später auch in Software abbilden, ohne den teuren Ballast der materiellen Welt. Der Wert der Aktien des Zahlungsdienstleisters hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreißigfacht.

Jedes Unternehmen – egal aus welcher Branche – sollte sich daher fragen: Welche Dinge, mit denen wir heute Kunden einen Mehrwert bieten, könnten künftig mithilfe von Software effizienter und/oder besser angeboten werden? Erfahrungsgemäß waren in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Unternehmen erfolgreicher in ihrer Neuerfindung, die dabei keine Scheu zeigten, sich selbst zu kannibalisieren.

„Was geschieht, wenn alles zur App wird?“

Die Auswirkungen der Software-Revolution beschränken sich nicht auf die offensichtlichen Fälle, wie die Revolution des Handels durch E-Commerce oder den Wandel der Medienlandschaft durch digitale Konkurrenz.

Auch wer sehr materielle Dinge herstellt, wird früher oder später vor einem sehr fundamentalen Wandel stehen. Wer beispielsweise Autos herstellt, muss sich fragen: Kann eine App Mobilitätsbedürfnisse in Zukunft vielleicht besser lösen als ein Autokauf. Von einer „Dematerialisierung“ des gesamten Produktionsprozesses spricht Karl-Heinz Land, Gründer und Chef der Beratungsagentur Neuland. Seine Frage: „Was geschieht, wenn alles zur App wird?

Gäbe es ein Netzwerk autonomer Autos, die ein effizientes, per App bestellbares Transport-Netzwerk bilden, müssten weniger Autos produziert werden. Es würden weniger Fabriken gebraucht, die Autos herstellen, weniger Zulieferer und so weiter.

Wertschöpfung verlagert sich zu Software

Wirecard sieht sich trotz Banklizenz nicht als Bank, sondern als Tech-Unternehmen, wie Wirecard-Chef Markus Braun regelmäßig betont. Und natürlich bleibt Wirecard im Hintergrund – bis heute dürften die meisten Deutschen von dem Unternehmen immer noch nichts gehört haben.

Zum Geldverdienen ist das egal, denn ein immer größerer Teil der Wertschöpfung entsteht in der Finanzbranche wie in jeder anderen nicht durch die klassischen Assets – Filialen, Bankberater oder Geldautomaten. Die Wertschöpfung entsteht durch die Software, die die zahlreichen Transaktionen unter anderem des Online-Handels sicherstellt und die im Hintergrund die Zahlungen von Kreditkarten bis Paypal abwickelt. Die Margen sind zwar gering – aber die Zahl der Transaktionen ist riesig und wächst weiter schnell.

Die Kosten einer Software, die einmal geschrieben ist, steigen nicht linear mit mehr Nutzern – das Geschäftsmodell skaliert mit steigender Zahl der Kunden. Der Bedarf an Personal ist gering, der Automatisierungsgrad hoch.

Doch nicht nur die Dienstleistung beim Konsumenten wird zur App, also zu Software. Auch Unternehmen werden jeden Prozess digitalisieren, der sich digitalisieren lässt. Die zentrale Frage, die sich jedes Unternehmen also stellen sollte, lautet: Welche Probleme und Bedürfnisse, die ich heute löse, können durch eine Software besser gelöst werden? Und diese Software sollte das Unternehmen dann entwickeln.

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