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Zu wenige Entwickler? So begeistern Hochschulen in den USA Mädchen und Frauen für die IT

Ada Lovelace entwickelte den ersten Computer-Algorithmus. (Bild: commons.wikimedia.org)

In Deutschland war im Wintersemester 2017/2018 weniger als ein Fünftel aller Informatikstudierenden weiblich, in anderen Teilen der Welt ist das nicht anders. In den USA gibt es mittlerweile einzelne Hochschulen, die erfolgreich versuchen, die niedrige Quote zu erhöhen.

Das I ist der einzige Buchstabe in MINT, der für einen Berufszweig steht, der ursprünglich komplett von Frauen dominiert war, mittlerweile aber – wie einige der anderen MINT-Fächer auch – leider einen überdurchschnittlich geringen Frauenanteil hat. In den Vierziger bis zu den Sechziger Jahren waren noch etwa 90 Prozent aller Programmierer und Systemadministratoren weiblich. Bei IBM etwa war in Gehaltsverhandlungen von Girl Hours die Rede – in anderen Bereichen wurde der Term Man Hours verwendet.

Programmierung hatte damals den Ruf, langweilig und dröge zu sein – trotz der Komplexität betrachteten viele Männer damit verwandte Aufgaben als niedere Arbeit, für die es die Mentalität einer Arbeitsbiene brauchte – so kam es, dass vor allem junge Frauen mit mathematischen Fähigkeiten und logischem Denkvermögen für Programmiertätigkeiten eingesetzt wurden. Die meisten von ihnen gaben ihre Programmierjobs auf, sobald sie heirateten und/oder Kinder bekamen.

1984: Knapp 40 Prozent weibliche IT-Studierende

Diese Story wurde bereits vielfach erzählt. In den achtziger Jahren gab es eine zweite Welle der Verdrängung von Frauen aus der IT, über die viel weniger bekannt ist. Noch 1984 waren circa 40 Prozent aller in IT-verwandten Studiengängen an US-Universitäten eingeschriebenen Studenten weiblich. Während der weibliche Anteil Studierender in einigen naturwissenschaftlichen Fächern, Jura oder Medizin bis heute immer weiter anstieg, sank er in der Informatik seitdem um mehr als die Hälfte.

Desktop-PCs und Sexismus

Ein möglicher Grund ist das Aufkommen der ersten Desktop-PCs in den späten 70er und frühen 80er Jahren. Bevor der Commodore, der Acorn und der Amstrad auf den Markt kamen, waren die meisten Studenten, bevor sie an eine Hochschule kamen, noch nie näher mit einem Computer in Berührung gekommen. Das änderte sich: PCs wurden zur Massenware und viele Eltern beschenkten ihre Kinder mit den Geräten – spezifischer: ihre Söhne. Wie Fisher und Margolis in einer Studie herausfanden, hatten befragte männliche Studierende mit dreifach höherer Wahrscheinlichkeit einen bekommen, als die Mädchen. In Familien, in denen ein PC für die ganze Familie gekauft worden war, fand das Gerät überdurchschnittlich oft seinen Platz in den Zimmern von Söhnen – und so gut wie nie im Kinderzimmer der Töchter. Väter zeigten ihren männlichen Nachkommen den Umgang mit den Geräten und brachten ihnen grundlegende Programmierkonzepte bei. Im Gegensatz dazu erklärten in einer im Rahmen der Forschungen von Fisher/Margolis durchgeführten Befragung unter Informatikstudierenden ausnahmslos alle Teilnehmerinnen, dass sie – teilweise vehement – darum kämpfen mussten, dabei einbezogen zu werden.

In der Schule wiederholte sich das Muster. Nerdige Jungs gründeten Computerclubs – Mädchen waren natürlich nicht erlaubt. In der Konsequenz waren weibliche Erstsemester den männlichen bei Studienstart oft zehn Jahre hinterher – eine Lücke, die sich kaum schließen ließ. Viele von ihnen schmissen das Informatikstudium, manche trotz guter Noten. Studentinnen, die blieben, hatten ihre männlichen Kommilitonen im Schnitt im dritten Studienjahr eingeholt.

Die vorherrschende Meinung an den Universitäten war leider weiterhin, dass, wer nicht seit seiner Kindheit vor einem Computer gesessen hatte, nicht richtig dazugehörte. 1983 veröffentlichte das MIT einen von weiblichen Informatikstudierenden verfassten Report über den Sexismus, der ihnen während ihrer Studienzeit begegnet war: Die einzelnen Kapitel trugen Überschriften wie Patronising Behaviour, Invisibility, Unwanted Attention und Obscenity.

Und heute?

An einer Privatuniversität in Pittsburgh, Pennsylvania, nahm der Anteil weiblicher Informatikstudenten erst kürzlich um knapp das Sechsfache zu – er stieg von 7 auf 48 Prozentpunkte an. Das Institut unterteilte in einer umfassenden Umstrukturierung des Studiengangs die Studierenden nach Kenntnisstand in Gruppen. Anfänger sollten sich den Stoff seitdem in einem langsameren Tempo als programmiererfahrenere Erstsemester erarbeiten können. Bewerber mit bereits vorhandenen Programmier-Skills wurden im Zulassungsverfahren nicht mehr bevorzugt. Der Lehrplan fokussiert seitdem praxisnahe Themen – um eher praktisch veranlagte Bewerberinnen anzusprechen. Eine andere US-Hochschule war darin sogar noch erfolgreicher, im letzten Jahr waren 56 Prozent aller Informatikabsolventen am Harvey-Mudd-College weiblich.

Laut Wired besteht trotzdem Grund zur Sorge: Derartige Entwicklungen im Bildungssektor seien zwar unbedingt positiv zu bewerten, die im Silicon Valley und der gesamten Branche immer noch vorherrschende „Bro-Culture“ mache Frauen den Jobeinstieg und das Bestehen in der Arbeitswelt aber vielerorts weiterhin schwer. „I experienced the highest level of sexism in the Valley. It is just rife with macho behavior and very passive aggressive. There’s a huge ‘bro’ culture.“, so Shubhi Rao, eine frührere Mitarbeiterin von Alphabet gegenüber Wired.

Informationstechnische Berufe für Mädchen und Frauen attraktiver zu machen, ist etwa auch deshalb so wichtig, weil sich zum Beispiel bei Algorithmen, die nur von Angehörigen einer demografischen Gruppe programmiert und trainiert werden, leichter Verzerrungen einschleichen können.

Die an den zitierten US-Hochschulen angewandten Taktiken könnten auch an Universitäten im deutschsprachigen Raum funktionieren – einen Versuch wäre es vielleicht wert.

via www.wired.co.uk

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2 Kommentare
Niels

Da sind die Amerikaner uns wirklich Lichtjahre voraus. Aber es ist nicht nur in dem Bereich so. Allgemein ist es um Unternehmertum und das entsprechende Mindset in Deutschland nicht so gut bestellt. VG

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Juliane

In Deutschland bietet die Hochschule Furtwangen einen Studiengang der Fakultät Wirtschaftsinformatik nur für Frauen an: WirtschaftsNetze eBusiness
https://www.hs-furtwangen.de/studiengaenge/wirtschaftsnetze-ebusiness-bachelor/

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