Kommentar

Wikileaks: Die Krise der Whistleblower-Plattform

(Foto: haak78/Shutterstock)

Wikileaks-Informantin Chelsea Manning kommt bald frei. Eine gute Nachricht für Whistleblower, die jedoch nicht über die allgemeine Krise der Whistleblower-Plattformen hinwegtäuschen kann.

Der scheidende US-Präsident Barack Obama macht seiner überwiegend liberal eingestellten Anhängerschaft noch das eine oder andere politische Abschiedsgeschenk – dazu darf auch die vorzeitige Haftentlassung der Wikileaks-Informantin Chelsea Manning zählen.

Das ist eine gute Nachricht für Whistleblower, denn die frühere Entlassung von Manning noch in diesem Jahr statt in 2045 sendet ein wichtiges Signal. Auch wenn die meisten Menschen, die Missstände in Unternehmen oder staatlichen Organisationen aufdecken und dabei gegen Gesetze oder vertragliche Geheimhaltungspflichten verstoßen, natürlich nicht so prominent sind.

Dieses gute Signal kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Whistleblower-Plattformen insgesamt in einer Krise befinden. Wikileaks und ihr Chef Julian Assange haben viel Vertrauen verspielt, weil sie ihr Image als neutrale Plattform für Missstände aller Art geopfert haben, um selbst zum politischen Akteur zu werden: Gegen Hillary Clinton im US-Präsidentschaftswahlkampf und für Russlands Geheimdienste, die Wikileaks dankbar als Plattform für diejenigen Informationen nutzen, die sie gerne mit der Öffentlichkeit teilen wollen.

Protest für die Freilassung von Chelsea Manning 2014. (Foto: LEE SNIDER PHOTO IMAGES/Shutterstock)

Der Wikileaks-Account bei Twitter wirkt teilweise wie das persönliche Wut-Kanal eines Pubertierenden, der dünnhäutig gegen Kritiker wie Zeynep Tufekci reagiert und immer wieder persönliche Antipathien gegen die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton deutlich machte. Daniel Domscheidt-Berg, der ehemalige Mitstreiter von Assange, wollte nach seinem Zerwürfnis mit Openleaks eine neutrale Whistleblower-Plattform aufbauen – von dem Projekt hört man heute nichts mehr, die entsprechende Website ist verwaist.

Wikileaks ist zum Akteur geworden

Wikileaks behauptet, für die Öffentlichkeit relevante Informationen unabhängig davon zu veröffentlichen, wem sie nutzen. Zuletzt wurde die Plattform aber zumindest dem äußeren Anschein nach sehr einseitig von russischer Seite genutzt. Zumindest nach Angaben des FBI steht fest, dass russische Hacker hinter dem Hack des E-Mails-Systems der Demokratischen Partei in den USA standen. Zur Veröffentlichung der Daten nutzten die russischen Agenten offensichtlich die große Reichweite von Wikileaks.

Es passt zur anarchischen Grundeinstellung von Wikileaks und seinem Gründer, die Informationen unabhängig von der Quelle zu veröffentlichen. Sich allerdings darüber hinaus auch noch im US-Wahlkampf klar zu positionieren und via Twitter gezielt Shitstorms gegen Kritiker der Plattform auszulösen, hat viele einstige Wikileaks-Anhänger verstört – und dem Image als neutrale Whistleblower-Plattform geschadet.

Wikileaks hat historisch wichtige Aufgaben erfüllt: Das politische Thema des Informantenschutzes auf die Agenda gebracht und klassische Journalisten für Metadaten sensibilisiert, die die Anonymität von Quellen gefährden könnten. Vor den Wikileaks-Enthüllungen war das Wort Whistleblower in Deutschland kaum bekannt.

Seit Wikileaks sich selbst aber zum politischen Akteur aufgeschwungen hat und in der Wahrnehmung vieler ehemaliger Anhänger sehr einseitig agiert, ist der Nimbus der neutralen Wächter-Plattform verflogen.

Klassische Medien sind das neue Wikileaks

Für die ganz große Medienöffentlichkeit hat sich Wikileaks bei den wichtigen Leaks der Anfangszeit ohnehin an klassische und renommierte Medien gewandt. Die gebündelte Reichweite, Expertise und Glaubwürdigkeit dieser Medien wie New York Times, Guardian und Spiegel hat Wikileaks nie erreicht – nur technisch war die Plattform weiter, weil sie Informanten effektiv schützen konnte.

Publikationen wie Die Zeit haben von Wikileaks gelernt und bieten digitale Briefkästen mit der Anonymisierung der Metadaten an, die einen Informanten verraten können. Das sind Fortschritte, die sich die klassischen Verlage von Wikileaks abgeschaut haben.

Die Frage für einen Whistleblower bleibt daher: Wohin mit den Informationen? Rund zehn Jahre nach der Gründung von Wikileaks lautet die vermutlich beste Antwort nun wieder: Zu klassischen Journalisten. Wikileaks hat sich zumindest teilweise überflüssig gemacht.

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3 Kommentare
grep

@StephanDörner

Obama hat Mut bewiesen indem er entsprechende Begnadigungen ausgesprochen hat – nur bei Edward Snowden hat er keine Gnade walten lassen.

Dass treibt Edward Snowden natürlich weiter in die Arme von Russland …

Alles halt Show – typisch USA.

Ciao, Sascha.

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SteveJ
SteveJ

Wie soll man jemanden begnadigen, der nicht verurteilt wurde du Experte?

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Karl Marks
Karl Marks

Unter Obama ist die NSA doch erst richtig groß geworden… so ein Blender der Typ…

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