Analyse

Wirbel nach Microsoft-Übernahme: Warum bei GitHub so viel Unruhe herrscht

V.l.n.r.: Github-CEO Chris Wanstrath, der Github-CEO Nat Friedman und Microsoft-Chef Satya Nadella. (Foto: Microsoft)

Das inzwischen zu Microsoft gehörende Software-Unternehmen GitHub kommt nicht zur Ruhe. Angestellte verlangen die Beendigung der Geschäftsbeziehung zur US-Einwanderungsbehörde ICE.

Bei GitHub gibt es seit gut zwei Monaten Proteste eines Teiles der Angestellten, unterstützt von externen Organisationen wie der Tech Workers Coalition, gegen eine Vertragsbeziehung zwischen der amerikanischen Einwanderungs- und Zollbehörde ICE. Auslöser des Protests war eine Server-Lizenz des GitHub Enterprise Servers im Wert von unter 200.000 US-Dollar, die die ICE über einen Reseller GitHubs erworben hatte.

Teile der GitHub-Belegschaft beklagen Lizenzverkauf an die ICE

Da die ICE in den USA wegen ihrer Vorgehensweise gegen Migranten in der Kritik steht, sahen Teile der Mitarbeiterschaft im Verkauf eines GitHub Enterprise Servers eine Unterstützung als moralisch verwerflich wahrgenommenen Behördenhandelns. Entsprechend forderten sie die Geschäftsleitung über interne Kommunikationswege zur Beendigung der Auftragsbeziehung zur ICE auf.

Der Protest nahm dabei Formen an, die den GitHub-Geschäftsführer Nat Friedman am 9. Oktober diesen Jahres veranlassten, sich mit einer internen Stellungnahme zum Geschehen per Blog auch an die Öffentlichkeit zu wenden. In der Wahrnehmung blieb davon im Wesentlichen seine Ankündigung, 500.000 Dollar an Organisationen zu spenden, die sich für Migrantenkinder und deren Familien einsetzen.

GitHub-Chef versucht es mit ausführlichen Erläuterungen

In dem ausführlichen Beitrag macht Friedman aber auch differenziert deutlich, warum die Geschäftsführung den Versuch, die erteilte Server-Lizenz zu widerrufen, nicht für den richtigen Weg hält. Dabei stellt er sich inhaltlich auf die Seite der Kritiker der ICE in Fragen der Behandlung von Migranten, versucht aber ebenso den Tätigkeitsbereich der Behörde zu beleuchten, der nicht der Kritik unterliegt, etwa das Vorgehen gegen Menschenhandel, Terrorismus, Geldwäsche und andere kriminelle Aktivitäten.

Zudem habe GitHub Lizenzbedingungen für die Nutzung ihrer Software und würde gegen eine diesen Bedingungen widersprechende Nutzung auch konsequent und transparent, aber vor allem in immer der gleichen Weise, vorgehen. Friedman äußerte zudem den Umstand, dass Behördenhandel letzten Endes Ausfluss einer demokratischen Wahlentscheidung ist, während Tech-Unternehmen keine durch Wahlen legitimierten Durchsetzungsmöglichkeiten hätten. Hier sei es wichtig, die Stimme des Unternehmens wahrnehmbar zu erheben, um wahrgenommene Missstände anzuprangern und im demokratischen Prozess zu verändern. Das erfordere einen Pragmatismus, der einem dann eben einen „Platz am Verhandlungstisch“ sichere. So würde man besser gehört.

Zu guter Letzt legte Friedman Wert auf die Feststellung, dass es einem Unternehmen nicht zukomme, von einem potenziellen Kunden Auskunft darüber zu verlangen, was derjenige mit der erworbenen Lizenz letztlich zu tun gedenke, um dann zu entscheiden, ob das dem Unternehmen denn auch gefalle. So habe Microsoft sein Word-Textverarbeitungsprogramm schließlich auch seit dreißig Jahren lizenziert, ohne jeweils zu erfragen, was die Kunden denn nun damit zu schreiben gedenken.

Was Friedman wohl als Friedensangebot verstanden hatte, verfehlte seine Wirkung. Immerhin 25 Prozent der GitHub-Belegschaft unterschrieb einen offenen Brief an die Geschäftsführung, in dem neuerlich die Beendigung der Auftragsbeziehung zum ICE gefordert wurde, weil das Unternehmen sich ansonsten „zum Komplizen bei einer breiten Palette an Menschenrechtsverletzungen“ mache. Der Brief liegt der Washington Post vor.

GitHub-Managerin bleibt unnachgiebig

Am Rande der Universe-Konferenz des Unternehmens Mitte Oktober machte GitHub-Managerin Erica Brescia deutlich, dass man im Leitungsgremium zwar die Meinung der Gegner akzeptiere, aber den Kurs auch in Sachen ICE dennoch nicht ändern werde. GitHub werde jeden Vertrag und jeden Lizenznehmer gleich behandeln und keine Sonderwege beschreiten. Ebenso verwies Brescia die Thematik zurück in den demokratischen Prozess. Letztlich sei das Regierungshandeln Ausfluss demokratischer Wahlen, so Brescia.

GitHub-Konferenz mit Protesten und Kündigungen

Im Vorfeld von GitHubs Entwickler-Konferenz hatten einige GitHub-Mitarbeiter ihre Kündigungen eingereicht.

Einige Keynote-Speaker hatten ihre Auftritte in letzter Minute abgesagt. Vor dem Konferenzgebäude hatten Aktivisten einen Käfig aufgebaut, der aufzeigen sollte, wie die ICE mit Migranten und deren Kindern umgeht. Sicherheitspersonal räumte die Installation recht zügig. Anwesende sollen skandiert haben: „Arbeite mit der ICE, bezahl den Preis.“


t3n meint:

Zu dieser Angelegenheit lässt sich wieder kaum ein Kommentar finden, der nicht den einen oder anderen auf die Palme treiben wird. Deshalb, sei es drum.

Natürlich ist die Betrachtungsweise des Unternehmens hier nicht zu beanstanden. Der Bäcker fragt mich auch nicht nach meiner Gesinnung oder Tätigkeit, bevor er mir die Brötchen verkauft. Das ist das eine.

Das andere ist, dass das Behördenhandeln in den USA und anderswo in demokratischen Staaten weltweit maßgeblich durch gewählte Volksvertreter mitgestaltet wird. Das gilt auch für die Einwanderungspolitik der USA.

Ob es individuell gefällt oder nicht, Donald Trump ist demokratisch gewählter Präsident und damit von der Mehrheit des Volkes legitimiert. Er wird von Mehrheiten politisch unterstützt, die sich ihrerseits ebenfalls über demokratische Wahlen legitimiert haben.

Es ist also nicht verkehrt zu sagen, dass das, was in den USA derzeit passiert, der Wille der Mehrheit des Volkes ist. Nun gehört es zum Wesen einer Demokratie, dass sich die Mehrheit über die Minderheit erhebt.

Der Minderheit bleibt es unbenommen, ihre abweichenden Sichtweisen zu formulieren und damit für Zustimmung zu werben, um so bei Erfolg von der Minderheit zur Mehrheit zu werden. Was aber nicht sein kann, ist, dass sich die Minderheit einzelne Felder pickt, um dann mit Lautstärke demokratisch gefallene Entscheidungen umzukehren und somit die Führung der Mehrheit durch die Minderheit umzusetzen. Den Versuch mag man noch legitim nennen. Nur darf dann nicht die Erwartung herrschen, dass das auch klappen wird.

Im Falle von GitHub gehört es zur Wahrheit, dass etwa 25 Prozent der Belegschaft einen offenen Brief an die Geschäftsleitung unterzeichnet und um die zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sogar ihre Arbeitsverträge gekündigt haben. Ebenso zur Wahrheit gehört es aber, dass rund 75 Prozent der Belegschaft den Brief nicht unterzeichnet und noch weit mehr Beschäftigte nicht gekündigt haben.

Jenen, die gekündigt haben, gebührt Respekt, dass sie ihre eigenen Überzeugungen so kompromisslos umsetzen. Das ist indes genau die Art und Weise wie jeder von uns mit Umständen umgehen sollte, die uns nicht passen. Kann ich keine Mehrheit organisieren, um die Umstände zu ändern, muss ich konsequent sein und gehen, wenn ich für mich keine Möglichkeit sehe, mich damit zu arrangieren.

Dieter Petereit

Auch interessant: US-Sanktionen: GitHub schließt Entwickler aus

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2 Kommentare
teek
teek

Falsch!

Trump wurde demokratisch gewählten.

ABER er wurde nicht von der Mehrheit gewählt. Nicht einmal die Mehrheit der abgegebenen Stimmen hatte er. Lediglich die Mehrheit der Wahlmänner einzelner Bundesstaaten.

Und natürlich kann sich eine Firma seinen Partner auswählen.

Antworten
Dieter Petereit

1. Das Wahlsystem in den USA ist halt so.
2. Eine Firma ja, aber nicht deren Mitarbeiter

Antworten

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