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Harte Sanktionen: Frankreich streicht Wish aus Suchergebnissen und App-Stores

„Wenn dein XY bei Wish bestellt wurde“ – die Shopping-App Wish ist inzwischen zum Meme und Sinnbild für geringwertige und fragwürdige Produkte geworden. Jetzt hat Frankreich Schritte gegen die Plattform eingeleitet.

3 Min. Lesezeit
Lockt mit Tiefpreisen, soll aber Kunden nach Rücksendungen abstrafen: der Onlinemarktplatz Wish. (Foto: Shutterstock)

Wish ist eine Fundgrube für billige und billigste Elektronik- und Modeartikel und geringwertige Produkte aus China. Ein Netzteil für zwei Euro, ein Smartphone für 20 Euro, das noch dazu einem bekannten hochpreisigen Gerät verdammt ähnlich sieht, Schuhe und Taschen für einstellige Eurobeträge. Doch was man etliche Wochen später aus China geliefert bekommt, ist oft eine funktionale wie optische Enttäuschung – und nicht selten auch ein Fall für den Verbraucherschutz (weswegen dieser auch hier schon vor der Plattform gewarnt hat).

Jetzt hat Frankreich durch eine gemeinsame Maßnahme mehrerer Ministerien unter Führung des Wirtschaftsministeriums (unter Bruno Le Maire) veranlasst, dass der vom US-Anbieter Contextlogic betriebene Dienst aus sämtlichen Suchergebnissen und App-Stores verschwinden soll. Man habe sich angesichts mehrmonatiger Untersuchungen der Produkte und angesichts zahlreicher Beschwerden von Verbrauchern und Verbraucherschutzorganisationen zu diesem Schritt entschlossen, heißt es.

Das ist in der Tat ein bemerkenswerter Schritt, denn Wish stellt hierfür nur die Plattform bereit, wohingegen die Waren direkt von Händlern aus Fernost kommen, die über diesen Weg verkaufen. Die Ministerien stellen fest, dass es zu leicht sei, Waren zu verkaufen, die Urheber- und Markenrechte verletzten und qualitativ minderwertig bis teilweise gefährlich seien.

Testkäufe bei Wish zeigen erschreckendes Bild

Konkret hat die Verwaltung daraufhin 140 verschiedene Waren bei Wish bestellt, der überwiegende Teil importierte Produkte. Das Ergebnis ist erschreckend, aber wenig überraschend: 95 Prozent der Spielzeuge, die sie auf der Plattform erwarben, entsprachen nicht den europäischen Vorschriften – 45 Prozent davon wurden gar als gefährlich eingestuft. Auch bei Elektronikartikeln stellten die Untersuchenden fest, dass 95 Prozent davon ebenfalls nicht in Europa erhältlich sein dürften, und 90 Prozent davon waren zu beanstanden oder gefährlich. Selbst Modeschmuck, der auf der Plattform verkauft wird, stellt ein Risiko dar – bei 62 Prozent der bestellten Artikel wurden gefährliche Punkte festgestellt. Allerdings beruhen diese Zahlen eben „nur“ auf insgesamt 140 Produkten.

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Eine besonders ärgerliche Herausforderung für Kunden: Zwar entfernt Wish auf Hinweis Produkte erwartungsgemäß innerhalb von 24 Stunden vom Marktplatz, doch genauso schnell sind diese unter anderem Markennamen und manchmal sogar von demselben Verkäufer wieder da, wie die Verbraucherschützer herausfanden. Zusätzlich führe das Unternehmen kein Protokoll über die Transaktionen mit nicht konformen und gefährlichen Produkten. Wenig nachhaltig auch: Wenn Wish Kunden darüber informiert, dass sie ein gefährliches Produkt gekauft haben, erfahren diese nicht, was der Grund für den Rückruf ist.

Dem doch recht krassen Schritt des Delistings war ein Versuch vorausgegangen, mit Wish über die Einhaltung der europäischen Vorschriften zu diskutieren. Die Möglichkeit des Delistings ergab sich aus geänderten europäischen Vorschriften, die es erlauben, problematische Websites und Apps aus dem Verkehr zu ziehen oder zu sperren. Die Dereferenzierung dürfte einige Zeit brauchen und es wird sicherlich Mittel und Wege geben, auch innerhalb Frankreichs weiterhin Zugang zu Wish zu haben. Insbesondere wer die App bereits installiert hat, wird sie weiter nutzen können (oder sie sich im Auslandsurlaub zulegen können). Aktuell ist selbst die Wish-Website noch in den SERPs bei Google zu finden. Die französischen Behörden haben aber angekündigt, eine komplette Entfernung sämtlicher Zugangsmöglichkeiten werde man sich vorbehalten, wenn Wish auf die bisherigen Maßnahmen nicht angemessen eingehe.

Präzedenzfall gegen eine E-Commerce-Plattform

Seitens Wish erklärt ein Unternehmenssprecher: „Als Marktplatz sind wir zwar rechtlich nicht verpflichtet, die 150 Millionen Produkte, die auf der Plattform zum Verkauf angeboten werden, zu überprüfen, aber wir investieren in eine breite Palette von Programmen, die darauf abzielen, Verkäufer, die qualitativ hochwertige Artikel anbieten, anzuziehen und zu belohnen und die Exposition von Verkäufern, die minderwertige Artikel anbieten, zu begrenzen.“ Genannt werden noch einige Maßnahmen wie ein Wish-Standards-Programm, eine Protokollierung von Wiederholungstätern sowie das freiwillige Anerkennen des EU Product Safety Pledge – sieht so aus, als würde Wish erst jetzt einige Schritte durchmachen, die andere Plattformanbieter schon seit Jahren sicherstellen.

Auch wenn die Geschichte ein Präzedenzfall ist, könnte der Schuss nach hinten losgehen und Nutzer:innen, die Wish noch nicht kannten, erst dadurch auf die Plattform aufmerksam werden – wir kennen dieses Phänomen im Kontext mit jugendgefährdenden Spielen und Tonträgern. Dass das Ganze auch Auswirkungen auf Importe und Zoll hat, ist unwahrscheinlich, da es sich hier ja nicht um einen einzelnen klar erkennbaren Händler handelt. Das heute in Brüssel beratene Gesetz über digitale Dienste könnte hier aber auch für andere Märkte wie Deutschland mehr Klarheit bei E-Commerce-Dienstleistungen schaffen.

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Ein Kommentar
Miriam Wetter
Miriam Wetter

Weil wish bzw. deren Händler die europäischen Markenrechte und Produktstandards nicht einhält, wird gleich das ganze Internet zensiert – und das soll richtig sein? Wo führt dieser Weg hin?

Was geschieht nur mit unserer Demokratie? Ist uns die freie Wirtschaft, freie Medien und freie Meinungsäusserung, ein freies Internet nichts mehr wert? Haben wir nicht die letzten 20 Jahre überheblich auf China und dessen zensiertes Internet geschaut?

Wer Markenrechte und Produktstandards nicht einhält, soll mit saftigen! Strafen rechnen müssen. Aber das Internet zu zensieren, ist sicherlich nicht der richtige Weg. Das öffnet Tor und Türen für dessen Missbrauch. So könnte ich – sofern ich die richtigen Kontakte und das nötige Kleingeld habe – meine Mitbewerber einfach aus dem Internet „löschen“ lassen. Amazon und Alibaba wird’s freuen!

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