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Youtube soll Creators gegenüber großen Marken benachteiligen

(Foto: pixinoo / Shutterstock)

Unter „Trends“ präsentiert Youtube beliebte Inhalte. Jetzt zeigt eine Auswertung Zehntausender Videos, dass dort heimlich Videos bevorzugt werden, die sich gut vermarkten lassen.

Wenn es auf Youtube so etwas gibt wie den 20:15-Uhr-Sendeplatz des klassischen TV, dann ist das die Trends-Sektion. Auf Youtube Trends sieht jeder Nutzer desselben Landes dieselbe Sammlung von aktuell angesagten Videos, ganz unabhängig von persönlichen Vorlieben. Oder wie Youtube es selbst definiert, werden auf dem Tab Trends Videos vorgestellt, die zeigen, „was auf Youtube und der Welt los ist“. Sie sollen möglichst viele Zuschauer ansprechen, nicht irreführend oder Clickbait sein und idealerweise überraschend oder neuartig.

Trends ist also ein begehrter Platz für alle Beitragenden: Ein erfolgreiches Video wird nochmal erfolgreicher; die Sichtbarkeit bietet die Möglichkeit, neue Zielgruppen jenseits der bisherigen Anhängerschaft zu erschließen.

Was auf Trends erscheint, soll sich laut Youtube aus der Kombination diverser Kennzahlen errechnen, darunter Aufrufe, Wachstumsgeschwindigkeit der Aufrufe, Herkunft der Zuschauer (auch Aufrufe außerhalb von Youtube) und Aktualität des Videos. Aber wie sich die Kriterien genau gestalten, blieb bislang mysteriös und Gegenstand von Spekulationen und Anekdoten.

Youtuber brauchen viel mehr Views, um auf Trends zu landen

Viele Youtuber, die sich eher als unabhängige Creators verstehen, vermuten schon lange, dass sie bei der Auswahl der Trends gegenüber werbefreundlicheren Inhalten benachteiligt werden. Sie sollen seltener in den Trend-Charts erscheinen als die Videos großer Marken, beispielsweise Schnipsel aus Late-Night-Shows, die bereits erfolgreich im TV liefen und auf Youtube zweitverwertet werden.

Diese These untermauert nun eine Analyse des Youtube-Kanals Coffee Break, die 40.000 Videos und ihr Verhalten in den Trends von November 2017 bis Juni 2018 untersucht hat. Sie ermittelte, dass Beiträge traditioneller Medien viel weniger Views erzielen müssen, um in der Trends-Sektion zu erscheinen. Videoclips vom Sportsender ESPN etwa brauchen dafür durchschnittlich nur 500.000 Views. Demgegenüber muss ein Youtuber wie Logan Paul um die elf Millionen Views erreichen, ehe er auf dem Trends-Tab auftaucht. Über den 18 Monate dauernden Zeitraum der Untersuchung war es für Videos des Sportsenders ESPN 85 Mal wahrscheinlicher, in den Trends zu landen, als für Clips von Logan Paul.

„Das zeigt sehr klar auf, was mit dem Trending-Tab los ist“, sagt Stephen, der das Analyse-Video von Coffee Break moderiert, gegenüber The Verge. „Youtube sieht Trends als Ort, an dem Menschen auf werbefreundliche Inhalte stoßen sollen. Und Creators sehen es als Ort, an dem virale Beiträge hervorgehoben werden. Der Unterschied ist deutlich.“

Werbefreundliche Inhalte auf Youtube Trends bevorzugt

Vergleicht man, wie sich bekannt kontroverse Youtuber international in den Trends positionieren, wird die inhaltliche Auswahl noch deutlicher: Millionenfach aufgerufene, aber umstrittene Creators wie Felix Kjellberg, bekannt als Pewdiepie, erscheinen in zahllosen Ländern regelmäßig in den Youtube-Trends. Allerdings so gut wie nie in den USA, obwohl ihre Videos dort gleichermaßen beliebt sind. Das sieht das Team von Coffee Break als starken Indikator dafür, dass die Trends-Sektion in den USA moderiert wird: Berechenbarer, gut vermarktbarer und familienfreundlicher Inhalt wird bevorzugt.

Youtube-CEO Susan Wojcicki. (Foto: dpa)

Zumindest in Bezug auf die Familienfreundlichkeit bestätigte Youtubes CEO Susan Wojcicki diese Vermutungen schon im April in einem Brief an Youtuber. Bei Videos, die auf Trends landen, sei Youtube „besonders vorsichtig, was die Sicherheit dieser Videos angeht“. Man wolle sicherstellen, dass „sie keine Schimpfwörter, jugendgefährdendes Material, Gewalt oder anderweitig unangemessene Abschnitte beinhalten“. Wojcicki gab zu, dass sich das Unternehmen hier noch verbessern könne. Sie versprach den Creators, dass künftig wenigstens 50 Prozent der Inhalte auf Trends von ihnen kommen werden.

Das reicht Stephen von Coffee Break und anderen Youtubern nicht: Sie verweisen darauf, dass auch viele trendende Videos aus Late-Night-Shows vulgäre, nicht jugendfreie Sprache enthalten. Es werde mit zweierlei Maß gemessen. Ihr Wunsch gegenüber Youtube: „Gebt uns eine echte Chance.“

Deutschland anscheinend nicht betroffen

Hiesige Youtuber wie Dagi Bee, Julien Bam oder Rezo müssen sich dagegen wohl keine Sorgen um Benachteiligung machen: Gemäß dem Video von Coffee Break gibt es bei Youtube in Deutschland im Vergleich zu den USA keine Anzeichen für eine stärkere Moderationstätigkeit bei der Auswahl von Trend-Videos. Einer Bitte um Stellungnahme zum Entstehen der deutschen Youtube-Trends und zur Moderation in den USA kam Youtube gegenüber t3n nicht nach.

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4 Kommentare
Marc Winking
Marc Winking

Ich hab während des Rezo-Videos mehrfach geschaut – es ist nicht in den Trends erschienen.

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Peter
Peter

Ging mir auch so. Während irgendein schlecht geklicktes Video, welches auf das Video »Reactet« in den Trends landete, mit weniger Views, Interaktion und was auch immer. Und sorry… aber wenn das Rezo Video nicht in die Trends gehört, was sollte denn dann in die Trends? Nichts wurde mehr diskutiert, es hätte Tagelang auf Platz 1 stehen müssen.

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Titus von Unhold
Titus von Unhold

Das Video war nicht monetarisiert, insofern kann es nicht in den Trends landen. Eine Ausnahme gilt lediglich für die Kanäler der ÖR-Anstalten und Funk, die dahingehend eine Sonderbehandlung von YouTube erhalten.

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Schwanebeck

Überraschend kommt diese Erkenntnis nicht. Wenn man zumindest rudimentär die Entwicklung auf YouTube verfolgte, zeichnete sich dieser „Trend“ schon die letzten drei Jahre deutlich ab. YouTuber mit weniger angepassten Verhalten wurden nach und nach von Monetarisierungsmöglichkeiten abgeschnitten und dazu verleitet auf Plattformen wie Patreon ihren Content zu finanzieren. Fernsehmitschnitte und Newsformate hingegen rücken gerade im vergangenen Jahr zunehmend häufiger in den Fokus der Empfehlungen und scheuen sich nicht, weit mehr Werbung zu schalten als es in anderen Formaten früher der Fall war.

Für YouTube ein nachvollziehbarer Schritt, nachdem sie bereits vor Längeren erklärten auf werbefreundlichere Formate setzen zu wollen. Am Ende verliert dabei jedoch der Konsument.

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