Zeitumstellung in Europa: Warum wir auch 2025 noch zweimal im Jahr an der Uhr drehen
Zweimal im Jahr drehen die Europäer:innen an der Uhr – im Frühjahr eine Stunde vor, im Herbst wieder zurück. Seit Jahrzehnten diskutieren wir darüber, ob die Zeitumstellung wirklich Energieeinsparungen bringt, wofür sie bei ihrer Einführung gedacht war. Kritiker:innen bemängeln eher Kollateralschäden in Gesundheit und Wirtschaft.
Dabei ist auch die Entscheidung für eine einheitliche Zeit schon angesichts der unterschiedlichen Sonnenaufgangs- und –untergangszeiten in der großen mitteleuropäischen Zeitzone schwierig. So sprechen sich Schlafmediziner:innen und Chronobiolog:innen seit Jahren klar gegen die dauerhafte Sommerzeit aus. Ihr Argument: Sie widerspricht dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus, weil die Sonne im Winter zu spät aufgeht. Die sogenannte Normalzeit (Winterzeit) gilt aus medizinischer Sicht als die gesündere Variante.
Tatsächlich gab es vor einigen Jahren einmal ernsthafte Bestrebungen, die Zeitumstellung abzuschaffen und dauerhaft bei einer der beiden Zeiten zu bleiben. Warum ist aus der EU-weiten Abschaffung eigentlich nichts geworden?
Ein Relikt aus der Ölkrise der 70er
Eingeführt wurde die Sommerzeit in vielen europäischen Ländern in den 1970er-Jahren, damals infolge der Ölkrise. Der Gedanke dahinter war das Einsparen von Energie, weil weniger Licht gebraucht würde – eine Vorstellung, die heute angesichts der stromsparenden LED-Technologie wenig plausibel klingt. Doch längere Helligkeit am Abend überzeugte die Deutschen, die 1980 im Interesse einer internationalen Vereinheitlichung mit-, bzw. nachzogen.
Später harmonisierte dann sogar die Europäische Gemeinschaft die unterschiedlichen Regelungen, um Handelshemmnisse und Missverständnisse zu vermeiden – und schuf eine einheitliche europäische Zeitumstellung. Studien zeigten allerdings schon recht bald, dass das eigentliche Ziel der Energieeinsparung nicht erreicht wurde, sondern dass gesundheitliche Belastungen wie Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme und Konzentrationsschwächen die Kosten-Nutzen-Rechnung deutlich verschlechterten.
Eine Online-Konsultation – und dann lange nichts
Im Sommer 2018 startete die Europäische Kommission daraufhin eine Online-Konsultation – eine der größten Bürgerbefragungen in der Geschichte der EU. Rund 4,6 Millionen Menschen nahmen teil, eine überwältigende Zahl im Vergleich zu anderen EU-Konsultationen. Das Ergebnis war eindeutig: Mehr als 80 Prozent sprachen sich für ein Ende der Zeitumstellung aus.
Doch es gab einen Schönheitsfehler, denn etwa zwei Drittel aller Stimmen kamen aus Deutschland, während das Interesse an der Abschaffung in anderen Mitgliedstaaten deutlich geringer ausfiel. Damit stand die Kommission vor einem Problem – das Ergebnis war zwar eindeutig, aber nicht repräsentativ für die gesamte EU. Hinzu kam, dass gerade die EU-Staaten am Rand der Zeitzone – also ganz im Westen wie Spanien oder Portugal oder ganz im Osten wie Polen, Ungarn oder Serbien – nicht in ausreichendem Maße an der Konsultation teilgenommen haben.
Parlament gegen EU-Rat – schnelles Ende der Euphorie
Dennoch griff der damalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (seines Zeichens aus Luxemburg) das Thema politisch auf. Die Kommission legte daraufhin einen Gesetzesvorschlag vor: Ab 2021 sollten die halbjährlichen Umstellungen enden. Jedes Land hätte entscheiden können, ob es dauerhaft bei der Sommer- oder bei der Normalzeit (Winterzeit) bleibt.
Und in der Tat stimmte das Europäische Parlament 2019 für die Abschaffung – mit deutlicher Mehrheit. Doch das Parlament hatte die Rechnung ohne den Rat der Europäischen Union gemacht. Hier sind die Mitgliedstaaten vertreten – und hier begann die Sache zu stocken, denn die Mitgliedstaaten konnten sich schlicht nicht einigen. Das hatte einen guten Grund, denn eine unterschiedliche Zeitzonen-Regelung, die auf dem Willen der einzelnen Bevölkerungen beruht, hätte zu einem Flickenteppich in Europa geführt und für reichlich Verwirrung gesorgt.
Denn auch wenn – anders als im 20. Jahrhundert – viele Zeitzonenthemen durch den Computer abgefangen werden (wir kennen das von automatischer Umrechnung bei internationalen Videokonferenzen mit Teilnehmer:innen aus unterschiedlichen Ländern und Zeitzonen) wäre es keine vernünftige Lösung, wenn jedes Land hier selbst entscheidet, also etwa Polen die Sommerzeit dauerhaft behält, Deutschland aber die Normalzeit. Für Wirtschaft, Luft- und Bahnverkehr und grenzüberschreitende Arbeit wäre das ein erheblicher organisatorischer Aufwand.
Weiterhin Funkstille seit der Pandemie
Insbesondere die Haltung, dass die EU-Kommission den Mitgliedstaaten keine klare Koordination vorgab, sondern nur die vage Vorgabe vermittelte, diese sollten sich doch „untereinander abstimmen“, hat zu einer abwartenden Haltung seitens vieler Regierungen geführt. Und dann kam die Coronazeit, in der sich die politischen Prioritäten verschoben und das Thema aus der Agenda buchstäblich verschwand. Seitdem liegt der Vorschlag auf Eis.
Offiziell ist der Gesetzgebungsprozess nicht abgeschlossen, aber er ruht. Weder die Kommission noch der Rat haben das Thema seit 2019 wieder aufgegriffen. In mehreren Mitgliedstaaten – darunter Deutschland, Frankreich und die Niederlande – wurde (durchaus berechtigt) erklärt, dass man eine koordinierte europäische Lösung für notwendig halte. Ohne diese werde man keine einseitige Entscheidung treffen. Obwohl es also weiterhin Bestrebungen gibt, die Zeitumstellung abzuschaffen, ist eine rasche Lösung derzeit nicht in Sicht. Einige nationale Parlamente haben die Diskussion zwar immer wieder angestoßen, doch ohne gemeinsame EU-Regelung würde ein Alleingang mehr Chaos als Nutzen bringen.
Denkbar wäre aber auch eine gänzlich andere Lösung, die unter anderem der Wirtschaftswissenschaftler Korbinian von Blanckenburg, Professor an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe, ins Gespräch gebracht hat. Er spricht sich für einen anderen Zuschnitt der Zeitzonen aus. Doch auch diese Variante würde Einigkeit seitens der EU-Staaten erfordern.
Obwohl die Zeitumstellung also kaum jemand mehr wirklich verteidigt, bleibt sie uns wohl noch eine Weile erhalten. Die politischen Mühlen mahlen langsam, und ohne Einigkeit zwischen den Mitgliedstaaten wird es keine Reform geben. Vielleicht erinnert uns das halbjährliche Drehen an der Uhr künftig weniger an Energiesparen – als vielmehr an Europas komplizierte Entscheidungsprozesse.