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Kolumne

Zentrum für politische Schönheit spielt Nazi-Schufa

Netzwerkanalyse

Wer eine Website ins Netz stellt, nur um Nutzerdaten zu sammeln und auszuwerten, wird normalerweise hart kritisiert. Wer Lob dafür haben will, sollte es machen wie das Zentrum für politische Schönheit.

Ungefähr drei Tage war die Website „SOKO Chemnitz“ des Zentrums für politische Schönheit online und löste eine heftige Kontroverse aus. Auf ihr veröffentlichten die politischen Kunstaktivisten Fotos von Teilnehmern der rechtsradikalen Demonstrationen in Chemnitz und riefen dazu auf, die gezeigten Personen zu identifizieren.

Eher unsubtil ahmten die Autoren dabei das Vokabular rechtsextremer Hass-Postings nach. Ziemlich schnell wurden Zweifel an der Echtheit der Seite geäußert. Denn dafür, dass das ZPS in monatelanger Kleinarbeit Millionen von Fotos durchgearbeitet haben will, zeigte die Website gefühlt immer die gleichen, längst bekannten AFD-Gesichter.

Ist es ok, TKKG zu spielen und eine Art „Online-Pranger“ ins Netz zu stellen, um auf diese Weise öffentlich nach mutmaßlich rechtsradikalen Demoteilnehmern zu fahnden, um diese zum Beispiel bei ihren Arbeitgebern zu denunzieren? Oder ist jedes Mittel recht, wenn es darum geht, etwas gegen Rechtspopulisten und Neofaschisten zu unternehmen? Ist solcher Aktivismus Kunst oder kann das weg? Wie auch immer man zu dieser Frage stehen mag, die Kontroverse überlagerte schnell die Berichterstattung über andernorts stattfindende, rechtsradikal motivierte Gewalttaten, etwa eine Serie von Brandanschlägen im Rhein-Main-Gebiet.

Online-Pranger war Honeypot

Dass das Zentrum für politische Schönheit jedes Augenmaß für seine Aktionen verloren hat, zeigte sich dann drei Tage später. Der „Fahndungsaufruf“ wurde abgeschaltet, stattdessen findet sich auf der Website nun ein Statement: Die ganze Aktion habe man nur durchgeführt, um Rechtsradikale anzulocken, um mehr über sie herauszubekommen – ein Honeypot.

Dreh- und Angelpunkt war die Suchfunktion der Website, in der Besucher ihre eigenen Namen oder die von Bekannten eingeben konnten, um nachzusehen, ob sie auf der Fahndungsliste stehen. Damit wollen die Aktivisten einen regelrechten „Datenschatz“ gehoben und mehr als 1.500 Personen identifiziert haben. Per Netzwerkanalyse sollen die angegebenen Suchbegriffe algorithmisch aufgearbeitet worden sein. Dabei erhielt jeder Name einen Score, der aussagen solle, wie stark die Person in Nazi-Netzwerke eingebunden ist.

Netzwerkanalysen sind vor allem im Datenjournalismus sehr beliebt. Sie zeigen zum Beispiel, wer wem auf Twitter folgt oder retweetet und macht Gruppen und ihr Verhalten in sozialen Medien sichtbar. Dass anhand der Eingabe von Suchbegriffen ohne weitere Metadaten ebenfalls eine tragfähige Netzwerkanalyse erstellt werden kann, ist stark zu bezweifeln. Will das Zentrum für politische Schönheit an dieser Stelle glaubhaft bleiben, müsste es seine Methodik detailliert offenlegen. Das ist bisher nicht geschehen.

Zweifelhafte Vorgehensweise

Derzeit findet sich auf soko-chemnitz.de nur eine grobe Beschreibung der Vorgehensweise, die viele Fragen offen lässt und ein wenig klingt, als hätten die Aktivisten ein paar Stichworte wie „künstliche Intelligenz“ und „Algorithmik“ aufgeschnappt, ohne wirklich Ahnung von dem zu haben, was sie da tun. Aber mal angenommen, all das war nicht nur Show, sondern hat wirklich funktioniert?

Wer Websites ins Netz stellt, um damit personenbezogene Daten zu sammeln und zu analysieren, ist oft harter Kritik ausgesetzt, obwohl sie üblicherweise nur benutzt werden, um Online-Werbung zu vermarkten. Google und Facebook können ein Lied davon singen. Besonders wenn die Begehrlichkeiten von Ermittlungsbehörden ins Spiel kommen oder Nutzerdaten plötzlich bei Cambridge Analytica landen, ist das ein Skandal. In der Aktion des Zentrums für politische Schönheit ist eine solche Datenweitergabe von vornherein eingebaut. Sie wendet sich – wenn auch polemisch – explizit an Ermittlungsbehörden und Arbeitgeber.

Geradezu haarsträubend ist der Gedanke, ein personenbezogenes Scoring durchzuführen. Also eine Art Nazi-Schufa, die anhand ihrer Position im Netzwerk für jede erfasste Person einen Punktwert liefern soll, wie rechtsradikal sie ist. Viele derjenigen, die Social Score in China zutiefst dystopisch finden, feiern eine solche Aktion offenbar ab, sobald sie von einer Gruppe wie dem Zentrum für politische Schönheit kommt.

Unklare Datenbasis

Dass ja nur Nazis betroffen seien, ist dabei kein Argument. Schließlich kann niemand die Korrektheit der gesammelten Daten garantieren. Es war ja ohne weiteres möglich, auf der Website nach beliebigen Namen zu suchen, also auch von Menschen, die nicht das geringste mit Rechtsradikalen zu tun haben. Bei der hohen Aufmerksamkeit, die die Website hatte, ist das sogar ziemlich wahrscheinlich passiert.

Ob und wie sich das Ganze außerdem mit der DSGVO vereinbaren lassen soll, ist gänzlich ungeklärt. Zwar gab es eine Datenschutzerklärung, die die Nutzer wegklicken mussten, aber ob das genügt, um eine solche Form der Datenauswertung und Weitergabe durchzuführen, ist zumindest zweifelhaft und dürfte jetzt Datenschutzexperten beschäftigen.

Wahrscheinlicher ist beim derzeitigen Stand aber, dass die ganze Aktion ein Fake war, nicht nur der ursprüngliche „Online-Pranger“, sondern auch das darauffolgende Statement, das Ganze sei nur ein Honeypot gewesen. Das würde bedeuten, dass das ZPS nicht nur Rechtsradikale verarscht hat, sondern alle. Man könnte das dann noch als subversive Guerilla-Aktion feiern, wenn es nicht so große Schäden hinterließe – etwa weil Antifaschisten dabei zusehen müssen, wie ihre Arbeit durch solcherlei „Aktionskunst“ diskreditiert wird, ohne dass sie viel dagegen tun könnten. Oder weil Rechtsradikale einmal mehr Gelegenheit bekommen, sich als Opfer aufzuspielen.

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10 Reaktionen
hinterwald

> Was immer ich über diese Truppe gelesen habe, liess regelmässig ein tiefergehendes Ziel vermissen

auch wenn man mal nichts versteht, muss das nicht heissen, daß es nichts zu verstehen gibt.

manchmal hat man es bloß noch nicht verstanden.

Antworten

Man könnte auch einfach aufhören, über diese Leute zu berichten.

Was immer ich über diese Truppe gelesen habe, liess regelmässig ein tiefergehendes Ziel vermissen und bestätigte lediglich, dass es sich auschliesslich um Aufmerksamkeitshascherei handelt.

Da allerdings unsere Qualitätsmedien mit Begeisterung jedesmal wieder über's Stöckchen springen, ist zu erwarten, dass auch die nächste Luftnummer breiteste Aufmerksamkeit finden wird.

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hinterwald

omg. das ist so eine typisch deutsche reaktion: an dem, was die anderen machen, wird herumgenölt - aber man selbst bleibt untätig und da gibt es dann auch nix zu kritisieren dran. wenn bei euch jemand ne bessere idee hat: bitte sehr.

ich fand schon perlen aus freital ne gute idee und habe dafür gespendet. die aktion des ZfpS fand ich einfach nur lustig - noch lustiger finde ich die zitronensauren reaktionen bei euch und den anderen untätigen miesepetern.

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Andreas Krüger

Da hier zumindest die gleichen datenschutzrechtlichen Probleme bestehen wie bei den Lehrer-Meldeportalen, glaube ich nicht, dass die irgendwas gespeichert haben. Die ganze Aktion ist eine reine Verunsicherungsmaßnahme und durchaus gelungen. Wie da irgendwas diskreditiert wurde, leuchtet mir nicht recht ein. Aber viele Demoteilnehmer schreiben jetzt vermutlich fleißig Auskunftsersuchen und Löschanträge.

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Leander

Meine Güte, nie hätte ich gedacht, dass "alle Welt" das Projekt so dermaßen ernst nimmt - also in dem Sinn, dass es tatsächlich all die genannten Mega-Arbeiten rund um die Webseite in Version 1 und 2 und (vermeintliche) Auswertungen gegeben hat oder auch nur geben könnte!

Leute, das ist eine kleine politisch-künstlerische Aktionsgruppe rund um eine Person, die könnten das gar nicht leisten!!!

Das Projekt ist m.E. dazu gedacht, die Rechten zu verunsichern und mal was mit richtig Wumms deren ständigem Adresssammeln und Anschwärzen entgegen zu setzen. (Ja, die tun das, wenn auch selten so öffentlich). Auch dazu, ihnen die Lust zu nehmen, auf Demos volksverhetzende Sprüche zu skandieren, Nazi-Symbole zu tragen und anders aussehende Leute zu hetzen!

Schon unglaublich, was so alles geglaubt wird - von Medien, die es eigentlich besser wissen müssten.

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P Skizzle

"also auch von Menschen, die nicht das geringste mit Rechtsradikalen zu tun haben"

In der Wahrnehmung auch von Herrn Park sind die Rechtsradikalen ein so kleine Minderheit, dass man seiner Ansicht nach unmöglich Rechtsradikale identifizieren kann, so mystisch sind ihm diese Gestalten. Da ich jedoch täglich auf Arbeit, im privaten Umfeld und im Internet gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufstehen muss, sehe ich das anders. Es war höchste Zeit, etwas der andauernden Verleumdung und Denunziation entgegen zu stemmen. Die Nazis empören sich doch immer als Opfer, doch ich verstehe den Schaden nicht, wenn man künstlerisch Personen outet, die gegen Demokratie und Menschenrechte demonstriert haben.

Dazu die Stellungnahme des ZPS:

"Das rechte Gebäude jenseits der demokratischen Grenze steht sehr stabil da. Es ist ein Turm, der "Turm zu Chemnitz" - unten die Neonazis und Kameradschaften in Dörfern und Kommunen, in der Mitte die fremdenfeindlichen und rechtsextremen Bürgerbewegungen in Städten und auf Kreisebene, oben dann die Rechtspopulisten der AfD auf Landes- und Bundesebene. Die neu-rechten Gestalten, wie die der Identitären Bewegung sind in allen Stockwerken unterwegs, und halten das Ganze mit verschlüsselten Botschaften, Begriffs- und Rahmensetzung zusammen.
Der Turm beherbergt also ein sich selbstregulierendes System. Für einen kurzen, historischen Moment wurde in Chemnitz der Blick auf die versammelten, sozusagen aufeinander bauenden Akteure frei - ihr gemeinsamer Nenner ist, das Land konzertiert, Schritt für Schritt zur völkisch-nationalistischen Umkehr zu treiben. In der breiten Wahrnehmung hat sich dieses Phänomen jedoch noch nicht durchgesetzt.

Wie wir auch jetzt wieder sehen (Anmerkung des Zitierenden: "Danke Herr Park") ist man reflexhaft dabei, sich eher schützend vor einen gewaltaffinen, braunen Mob zu stellen - mit Hinweis auf Bürgerrechte, die jedoch genutzt werden, um genau dieselben später abschaffen zu können. Das ist kein blinder Alarmismus, sondern Kausalverknüpfung auf historischer und empirischer Grundlage.
Währenddessen setzt die antidemokratische, antihumanistische Rechte die Themen in Politik und Medien - sie hat schon erfolgreich Vorstellungen normalisieren können, die noch vor einigen Jahren als ernstzunehmender Beitrag in der bundesdeutschen Öffentlichkeit undenkbar waren. Die Möglichkeiten der sozialen Medien tragen zur Zerfetzung des Diskurses bei, redaktionell abgesicherte Tatsachen verlieren immer mehr an Einfluss. Wenn die Politik, Medien oder auch staatliche Behörden es nicht schaffen, diesem schleichenden Abrutsch in düsterste Gefilde einen wirksamen Schutz entgegenzusetzen, müssen zivilgesellschaftliche Kräfte initiativ werden. Hierfür möchten wir einen Beitrag leisten."

Ich bin beeindruckt und sehe nicht, wie meine antifaschistische Arbeit darunter leiden soll.

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Capitano

Zitat "[...] die gegen Demokratie [...] demonstriert haben."
Nein, sie haben dafür demonstriert, nicht dagegen.

Viele Grüße

Martin

Ich denke der Autor wäre gut beraten mal zumindest den CCC Konkress abgewartet zu haben bevor er sich zu einem solchen Artikel hinreißen lässt.

Und was bitte soll denn das für ein Argument sein "Oder weil Rechtsradikale einmal mehr Gelegenheit bekommen, sich als Opfer aufzuspielen."?
Mit dem Argument kann ich jede Aktion gegen Rechtsradikale als schädlich hinstellen. Egal was man macht stellen die sich als Opfer da. Und selbst wenn man nichts macht, stellen die sich als Opfer da, weil keiner über sie berichtet und sie von den Systemmedien totgeschwiegen werden.

Und auch dieser schöne Teil:
"Will das Zentrum für politische Schönheit an dieser Stelle glaubhaft bleiben, müsste es seine Methodik detailliert offenlegen. Das ist bisher nicht geschehen."

Das ganze ist jetzt wie alt? Wenn man davon ausgeht, dass diese Aussage mit dem Honeypot und der Analyse stimmt, dann ist die Tatsache, dass sie jetzt noch nichts veröffentlicht haben, ja eher ein Indiz, dass sie erst mal in Ruhe das Ergebis sichten und vielleicht schauen ob ihre Annahmen zutreffen oder ob sie sytematische Fehler gemacht haben.

Und was ist da jetzt so schlimm daran, dass sie alle verarscht haben? Es ist gerade auch wichtig allen mal den Spiegel vor zu halten. Und ganz ehrlich, wer nach all den Aktionen die das ZUP bisher gemacht hat, immer noch nicht gelehrnt hat erst mal abzuwarten und die Pferde im Stall zu lassen und sich verarschen lässt, der ist halt auch selber Schuld.

Und welche Arbeit von Antifaschisten wurde denn diskreditiert?

Alles in allem hinterlässt der Artikel bei mir das Gefühl, dass der Autor versucht das ZUP auf Teufel komm raus zu kritiesieren und in ein negatives Licht zu rücken. Dann einfach ohne Beleg behauptet, dass ein Schaden entstanden ist ohne diesen zu benennen. Ist aus meiner Sicht schon schade, sich selbst so zu diskreditieren und damit jegliche vielleicht berechtigte Kritik auch.

Antworten
mugl

es wurden nur die suchbegriffe gesammelt, daran ist nichts verwerflich. wer da (s)einen namen einträgt, muss dann schon selbst dafür geradestehen.

Antworten
Bernd

> wer da (s)einen namen einträgt, muss dann schon selbst dafür geradestehen.

Das Argument des obigen Artikels *ist* ja gerade das:

Woher weißt Du, dass nicht jemand DEINEN Namen mehrfach eingegeben hat?

Bist Du dann auch "selbst dafür" verantwortlich, wenn das passiert? Wenn sich eine Gruppe in einem Forum verabredet, Deinen Namen ganz oft zu suchen, mit dem Ziel Dich zu diskreditieren?

Oder wenn es auf Basis von Gerüchten geschieht, die gezielt gestreut werden ("Der und der sind ja auch dort zu finden ..." etc.)...

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