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Die Arbeitswelt der Zukunft: Das Büro ist tot. Es lebe der „Space“!

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Aus dem
t3n Magazin Nr. 20

06/2010 - 08/2010

Was macht einen Coworking Space aus?

Während der findige Digitalarbeiter bei der Entdeckung von Skype und Elance Anfang dieses Jahrtausends schon kurzzeitig frohlockte und sich mit Headset und UMTS Stick in Südseeparadiesen sah, wird bei näherer Betrachtung schnell klar: Arbeiten in der Bambushütte wird auf Dauer nervig. Die Idee des entgrenzten Lebens ist schön und regt zum Träumen an, aber es hapert einfach an der humanen Praktikabilität. Otto-Normal-„digital Bohème“ geht eben lieber ins nächstgelegene WLAN-Café oder in die DB Lounge zum FTP-Upload, als es mit Fidji, Madeira oder Südspanien zu versuchen. Es braucht immer noch einen realen Ort zur virtuellen Wertschöpfung.

Der Ort spielt eine wichtige Rolle: Morgens zu einem festen Ort zur Arbeit zu gehen, ist und bleibt ein wichtiges Ritual zur Abgrenzung der Lebenswelten [3]. Die Hauptgründe für das regelmäßige Besuchen eines Coworking Spaces sind schnell genannt:

  1. Gemeinschaft: Es arbeitet sich leichter in der Gemeinschaft. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass wirklich auch zusammen an einem Projekt gearbeitet wird. Vielmehr geht es darum, inspiriert durch die Arbeitsatmosphäre, ebenfalls produktiv zu werden. Die Gefahr, die heimische Küche aufzuräumen oder Wäsche aufzuhängen, ist durch den Ortswechsel ohnehin gebannt.
  2. Netzwerk: Treffen sich viele Menschen regelmäßig an einem Ort, passiert das Unweigerliche: Ein soziales und professionelles Netzwerk entsteht, durch das Jobs vermittelt, Heiraten arrangiert und andere Arten von Werten geschaffen werden. Nun darf man sich das nicht so vorstellen, dass man sich in einen Coworking Space einmietet und am nächsten Tag gleich Jobs geliefert bekommt und die Traumfrau dazu an den Nachbartisch. Die Netzwerke sind nachhaltig und bauen sich nur langsam auf. Was neu ist, ist die konkrete physische Verortung dieser Netzwerke, nutzbar für jedermann.
  3. Professionalisierung: Wo gehobelt wird, da fallen Späne und wo gearbeitet wird, da fällt Know-how an. „Wie bekommst du diesen Button mit CSS hin?“ oder „Wie würdest du dieses Angebot schreiben?“, das sind Fragen, die täglich und ganz nebenbei beantwortet werden.
  4. Flexibilität: Handfest und praktisch sind die flexiblen Anmietungsmöglichkeiten eines Schreibtisches. Die Tarife variieren zwischen den verschiedenen Coworking Spaces. Meistens sind die Kündigungsfristen aber im Vergleich zu normalen Büros recht kurz (3-6 Wochen) und es existiert die Möglichkeit, einen Schreibtisch tageweise zu mieten, ohne gleich ein Vermögen auszugeben. Zusätzlich gibt es praktische Features wie ein mietbares Postfach, Meetingräume oder kostenfreie Rechtsberatung.
Unterschied Coworking Space/ Gemeinschaftsbüro
Das Feld der Coworking Spaces ist in Deutschland bunt gemischt. Zielpublikum, Größe und Location variieren genauso wie der Grad der Zusammenarbeit und der Mix der verschiedenen Professionen. Der Unterschied zum Gemeinschaftsbüro ist deswegen fließend: Es gibt Coworking Spaces, die nicht mehr als 10 Schreibtische haben, und Gemeinschaftsbüros, die sich über mehrere Etagen ziehen und in denen kräftig kollaboriert wird. Bei den meisten Gemeinschaftsbüros fehlt allerdings der flexibel anmietbare Schreibtisch für nur wenige Tage und der relativ freie Zugang für jedermann. Dazu kommt das besondere Augenmerk auf Community Events, die regelmäßig in Coworking Spaces stattfinden. Gemeinsames Frühstück, das gegenseitige Vorstellen von Projekten oder Entwicklerstammtische.

Coworking für Unternehmen

Ein Traum eines jeden Unternehmers ist wohl, dass seine Mitarbeiter nicht nur herausragende Arbeit verrichten, sondern neben ihrer Sozial- und Rentenversicherung auch noch ihre Schreibtische komplett selbst bezahlen und sich mit externen Jobs über Wasser halten, wenn sie gerade nicht gebraucht werden.

Aus diesem Grund gibt es mittlerweile in Deutschland auch einige Agenturen, die spontan ihre leerstehenden Schreibtische in „Coworking Spaces“ umbenannt haben. Coworking ist fast schon auf dem Weg zum „Buzzword“ 2010. Was wie eine verlockende Möglichkeit aussieht, unkompliziert Manpower zu versammeln und leerstehende Büroflächen auszulasten, ist allerdings in der Praxis nicht so einfach umzusetzen, weil die Erfolgsfaktoren nicht unbedingt klassischen unternehmerischen Prinzipien folgen.

Mit der Schreibtischmiete in einem Coworking Space bezahlen Laptoparbeiter Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Art der Aufträge und Auftraggeber auszuwählen. Tarife und Arbeitszeit sind sehr flexibel, und so schnell wie einige Coworker gekommen sind, so schnell sind sie manchmal auch wieder weg.

Es benötigt einen erheblichen Aufwand zur Pflege der Community und es erfordert eine gewisse Authentizität, um Ansprüchen in Sachen Lebensstil, geteilte Werte, Transparenz und Atmosphäre der digitalen Bohème gerecht zu werden.

Die Herausforderung für ein Unternehmen, einen Coworking Space zu eröffnen, liegt deswegen nicht in der Gestaltung des Spaces und in günstigen Schreibtischmieten, sondern vielmehr in der Umarmung der Coworking-Grundwerte „Collaboration“, „Openness“, „Community“, „Accessibility“ und „Sustainability“. Im Angesicht einer hierarchisch organisierten Unternehmensstruktur bedarf es schon einiges an Mut, gewisse Auflösungserscheinungen in Kauf zu nehmen, die bei der Öffnung und dem Empowering der Mitarbeiter zweifellos auftreten. Die Frage ist also nicht: „Wie kann ich als Firma einen Coworking Space eröffnen?“, sondern sie lautet eher: „Wie wird meine Firma zu einem Coworking Space?“

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Eine Antwort
  1. von RalfLippold am 21.09.2010 (13:07 Uhr)

    Self-HUB war schon 2008 soweit, http://il.youtube.com/watch?v=UQBEUI7x358&feature=related (@FraukeGo bei Twitter).

    Ich habe das Konzept von Collaboration während meiner Zeit bei BMW in Leipzig, http://bmw-werk-leipzig.de, kennengelernt. Bereits 2001 wurde das Konzept des offenen Büros Architekturentwurf von Zaha Hadid umgesetzt.

    Manchmal reicht es ein wenig weiter in den Norden Europas zu schauen, dort macht seit 20 Jahren eine Hochschule das CoWorking zum Programm ihrer Ausbildung: Team Academy.

    >> http://leanthinkers.blogspot.com/2010/07/teamacademy-entrepreneurial-incubator.html

    Was macht einen CoX-Space wirklich aus? Was habt Ihr praktisch erlebt und umgesetzt in diesem Kontext?

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