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Positive Psychologie im Job nutzen: Strategien für mehr Glück im Arbeitsalltag

    Positive Psychologie im Job nutzen: Strategien für mehr Glück im Arbeitsalltag

Von Obstkorb und Feelgood-Manager bis hin zur fortschrittlichen Büro-Architektur: Immer mehr Unternehmen sorgen aktiv dafür, dass ihre Mitarbeiter sich wohl fühlen. Dabei kann eigentlich jeder von uns etwas für sein eigenes „Glück im Job“ tun. Erkenntnisse aus der Positiven Psychologie helfen dabei.

Positive Psychologie: Das klingt erst einmal nach „Tschakka!“ und sonstigen Guru-Weisheiten. In Wahrheit handelt es sich dabei allerdings um eine akademische Disziplin, die mit Esoterik und Selbsthilfeliteratur nur den inhaltlichen Fokus teilt: Zufriedenheit, Glück und Erfolg. Die Positive Psychologie nähert sich diesen Themen mit wissenschaftlich-empirischen Methoden, etwa Experimenten, Umfragen oder Langzeitstudien. Einige der einflussreichsten Psychologen weltweit widmen sich mittlerweile den Fragen: Was macht uns zufrieden? Was lässt uns unser Leben als sinnvoll und erfolgreich empfinden? Was lässt Beziehungen gelingen?

Die Antworten auf diese Fragen sorgen auch im beruflichen Kontext für mehr Zufriedenheit. Doch warum ist es überhaupt gut, glücklich zu sein – welchen biologischen Zweck erfüllen positive Emotionen?

Wozu glücklich sein?

Interessanterweise hatte die Psychologie bis vor etwa 20 Jahren keine wirklich gute Antwort auf diese Frage. Für die negative Seite des Gefühlskontinuums interessierte man sich deutlich mehr. Angst kann uns vor Schaden behüten, Trauer hilft uns, Verluste zu verarbeiten, und mit Aggression zeigen wir, wenn jemand unser Terrain verletzt.

Barbara Fredrickson von der University of North Carolina hat sich mit der Frage beschäftigt, wozu es gut ist, froh zu sein. Laut ihrer Broaden-and-Build-Theorie dienen positive Emotionen unserem psychologischen Wachstum, der Exploration und der Einübung neuer Verhaltens- und Denkmuster. Vereinfacht gesagt: Wer gestresst oder ängstlich ist, verlässt sich auf den mentalen Autopiloten und spult vorhandene Verhaltensmuster ab. Glück und Zufriedenheit hingegen erweitern den Blickwinkel, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.

Wozu ist es gut, fröhlich zu sein? Der amerikanische Forscher Shawn Chor hat herausgefunden, dass unser Gehirn deutlich lernfähiger und produktiver ist, wenn wir guter Dinge sind, als unter Stress. (Screenshot: YouTube)
Wozu ist es gut, fröhlich zu sein? Der amerikanische Forscher Shawn Achor hat herausgefunden, dass unser Gehirn deutlich lernfähiger und produktiver ist, wenn wir guter Dinge sind, als unter Stress. (Screenshot: YouTube)

Neue Blickwinkel statt Autopilot

Fredrickson konnte experimentell nachweisen: Wer sich gut fühlt, hat einen physisch erweiterten Blickwinkel, nimmt also mehr von der Umgebung wahr. Doch auch die mentale Perspektive erweitert sich: Wir können besser lateral denken und sind kreativer, finden leichter und schneller Lösungen für knifflige Probleme. Wir sind ausgeglichen, zuversichtlich und bauen Ressourcen für die Zukunft auf.

Das bestätigt auch Berater und Forscher Shawn Achor, dessen Vortrag „The happy secret to better work“ zu den meist-angeschauten TED-Talks aller Zeiten zählt. Das bei einer positiven Stimmung freigesetzte Dopamin aktiviere sämtliche Lernzentren des menschlichen Gehirns und erlaube es, sich ganz anders auf seine Umgebung einstellen zu können. Die Folge: mehr Produktivität und Widerstandskraft, bessere Arbeitsergebnisse, weniger Burnout. Insgesamt, so Achor, sei das menschliche Gehirn leistungsfähiger bei einer positiven Einstellung als in einer neutralen, negativen oder gestressten Situation.

Erfolg folgt auf Zufriedenheit

Positive Emotionen sind also ein Schlüssel zu mehr Produktivität – und damit eine der Vorbedingungen für beruflichen Erfolg. Dabei glauben die meisten Menschen, dass gute Gefühle eher ein Resultat des Erfolgs sind. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, richtig? Eltern, Lehrer und Gesellschaft vermitteln uns frühzeitig: Erst nach der Plackerei dürfen wir genießen. Erst nach dem nächsten Auftrag, der nächsten Gehaltserhöhung werden wir zufrieden sein. Dieser Zusammenhang ist auch nicht völlig falsch. Und doch kommen mittlerweile zahlreiche wissenschaftliche Studien zum selben Schluss wie Fredrickson und Achor, nämlich dass die Umkehrung dieses Satzes mindestens genauso zutreffend ist.

Glück und Zufriedenheit erzeugen Erfolg – das ist die erste wichtige Botschaft der Positiven Psychologie. Die zweite, ebenso wichtige, lautet: Solche positiven Emotionen sind kultivierbar, und zwar für jeden von uns. Sie sind kein abstraktes Ziel, sondern vielmehr die Folge nützlicher Gewohnheiten und Entscheidungen.

„What Went Well?“ – Fokus auf das Positive

Shawn Achor beispielsweise führt mit den Unternehmen, die er berät, das folgende Experiment durch: 21 Tage lang schreiben die Angestellten jeden Abend drei Dinge auf, für die sie an diesem Tag dankbar sind. Das Ergebnis: Nach der vorgegebenen Zeit sind die meisten von ihnen nachweislich fokussierter auf das Positive – sie suchen gewohnheitsmäßig zunächst nach schönen Erlebnissen statt nach negativen.

Nutzt die Frage „What went well?“, um eure Aufmerksamkeit gezielt auf die positiven Aspekte dessen, was ihr erlebt habt, zu richten, und schreibt eine Zeit lang jeden Tag auf, worauf ihr stolz oder wofür ihr dankbar seid. Diese Übung steigert das psychische Wohlbefinden und bildet langfristig einen Puffer gegen Stress und Überforderung. Achor zitiert in seinem Vortrag übrigens noch mehr Methoden, sich stärker auf positive Emotionen zu fokussieren, etwa körperliche Anstrengung, Meditation und bewusste Gesten der Freundlichkeit – wie ein willkürliches Lob für einen Kollegen.

Natürlich kann man sich diese Taktik auch ganz konkret vor Gesprächen und Meetings zunutze machen, indem man die gemeinsamen Erfolge reflektiert. Aber auch Spaß ist eine gute Einstimmung. Ob ihr Outtakes der Bullyparade oder lustige Tiervideos schaut: Alles, was euch zum Lachen bringt, ist nützlich – und schon wenige Minuten sind ausreichend, um die Kreativität der Gruppe anzuregen.

Arbeiten „im Flow“

Nicht selten wünschen wir uns bei der Arbeit allerdings eher das Gegenteil von derartiger kollegialer Geselligkeit: Ungestört zu arbeiten und „in den Tunnel“ abtauchen zu können. In der Psychologie wird dieses völlige Aufgehen in einer Tätigkeit als „Flow“ beschrieben: ein Zustand von Selbstvergessenheit, der gleichzeitig von hoher Produktivität geprägt ist.

Beschrieben hat dieses Phänomen der kalifornische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi, der zusammen mit Martin Seligman auch das Gründungsmanifest der Positiven Psychologie, einen Artikel im „American Psychologist“ im Jahr 2000, geschrieben hat. Wer im Flow gewesen ist, kann nach Csíkszentmihályi sicher sein: Ich habe in der gerade zurückliegenden Zeit optimal „funktioniert“, war im positiven Sinn nah an meiner Leistungsgrenze und auf der Höhe meiner Schaffenskraft.

Ein solcher Zustand kann nicht 24 Stunden am Tag erlebt werden. Auch lässt sich Flow nicht direkt induzieren. Allerdings könnt ihr seine Auftretenswahrscheinlichkeit erhöhen. Dazu gehört es, sich auf eine einzelne Aufgabe zu konzentrieren, also Handy weg und E-Mail-Benachrichtigungen aus! Außerdem solltet ihr auf ein klares Ziel hinarbeiten und kontinuierliches Feedback über eure Fortschritte abrufen können. Dieses Prinzip kommt beispielsweise in Computerspielen perfekt zum Einsatz, weswegen diese sehr häufig Flow-induzierend sind.

Zwischen Über- und Unterforderung

Schließlich kommt es auf ein optimales Verhältnis von Aufgabenschwierigkeit und Leistungsfähigkeit an: Flow entsteht weder bei deutlicher Über- noch Unterforderung. Nur, wenn wir uns am oberen Ende unserer Leistungsfähigkeit bewegen, jedoch derart, dass wir uns durchgehend als Frau oder Herr der Lage empfinden, sind die Voraussetzungen für Flow gegeben.

Ein klares Ziel und kontinuierliches Feedback sind Flow-induzierende Faktoren, die häufig in Computerspielen wie World of Warcraft zum Einsatz kommen. Auch bei der Arbeit kann man sie sich zunutze machen. (Screenshot: Rob Wynne / flickr, Lizenz CC BY-SA 2.0)
Ein klares Ziel und kontinuierliches Feedback sind Flow-induzierende Faktoren, die häufig in Computerspielen wie World of Warcraft zum Einsatz kommen. Auch bei der Arbeit kann man sie sich zunutze machen. (Screenshot: Rob Wynne / flickr, Lizenz CC BY-SA 2.0)

Übrigens müssten die meisten von uns nicht „Thank God it’s Friday“, sondern „Thank God it’s Monday“ im Social Web posten, wenn es nach Csíkszentmihályi geht: Er hat herausgefunden, dass die meisten Menschen auf der Arbeit deutlich öfter im Flow sind als in ihrer Freizeit. Denn viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, insbesondere passiver Medienkonsum, geben nicht dieselben hilfreichen Strukturen vor wie „gute“ Arbeit: klare Ziele, regelmäßiges Feedback und das Nutzen der eigenen Stärken. Macht euch diese Rahmenbedingungen des Arbeitsalltags also zunutze!

Willenskraft lässt sich trainieren

Ob wir uns gut auf die Arbeit konzentrieren können, hängt natürlich auch davon ab, wie sehr sie uns zusagt. Für die meisten Menschen gehören zum Job aber auch Verpflichtungen, die sie nicht gerne erledigen. Sich zu einer ungeliebten Aufgabe zu überwinden kostet Willenskraft – gut, dass Roy Baumeister von der Florida State University in Tallahassee nachgewiesen hat, dass wir unseren Willen beeinflussen können. Unsere Willenskraft lässt sich nämlich mit einem Muskel vergleichen: Einerseits ermüdet sie durch Gebrauch, anderseits lässt sie sich bewusst trainieren und stärken.

Versucht zum einen, euren Kalender so zu organisieren, dass auf ungeliebte Aufgaben etwas folgt, das ihr wirklich gerne tut. Denn wenn ihr mehrere Aufgaben nacheinander bewältigen wollt, für die euer Wille eine gegenläufige intrinsische Motivation überwältigen muss, steigt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ihr scheitert oder frühzeitig aufgebt.

Im Übrigen hat Baumeister nachweisen können, dass Willenskraft auf dem Vorhandensein von ausreichend Glukose im Blutkreislauf beruht. Wer unterzuckert ist, gibt leichter auf – im Sport wie auch im Job. Vor diesem Hintergrund ist es also gar nicht so verkehrt, für „schlechten Zeiten“ eine Ration Süßigkeiten zur Hand zu haben.

Wie wertvoll es ist, die Arbeit als sinnvoll zu begreifen

Zur Zufriedenheit im Job gehört es auch, das eigene Tun als sinnvoll zu erleben. Hier spiegelt sich im Kleinen, was Menschen sich insgesamt wünschen, um ihr Leben als „gelungen“ bezeichnen zu können: Wir möchten unser Leben als kohärente und schlüssige Geschichte erzählen können – Steve Jobs hat dieses Streben in seiner berühmten Rede vor Stanford-Absolventen 2005 als „Connecting the dots“ beschrieben. Unter einer als sinnlos empfundenen beruflichen Tätigkeit leiden Zufriedenheit und Motivation. Allerdings ist es auch nicht unüblich, dass der Sinn phasenweise aus dem Blick gerät und neu gefunden werden muss – sei es in der bisherigen Arbeitsumgebung oder durch neue Perspektiven.

Adam Grant von der Wharton Business School in Philadelphia hat einen einfachen Weg nachgewiesen, um das Sinnerleben und in der Folge auch die persönliche Motivation zu steigern: Wir müssen regelmäßig erfahren, was wir mit unserem Einsatz Nützliches bewirken. Grant untersuchte die Arbeit von professionellen Fundraisern an Universitäten – in seinem Experiment arbeiteten diese deutlich erfolgreicher, wenn ihnen nur fünf Minuten Gelegenheit gegeben wurde, sich mit einem Stipendiaten auszutauschen, der von ihrer Arbeit profitierte.

Findet also heraus, welchen Sinn eure Arbeit hat – wer profitiert von ihr, wem helft ihr mit eurem Tun? Macht euch den Zusammenhang klar und findet einen Weg, ihn euch regelmäßig vor Augen zu halten. Dabei müsst ihr nicht immer Berge versetzen: Gegenseitiges Feedback im Team, das aufzeigt, wie ihr einem Kollegen in einer brenzligen Situation geholfen habt, kann oft denselben Effekt haben.

Motivation: Kennen die Mitarbeiter eines Call Centers die Studenten, die von einem Stipendium profitieren, fällt es ihnen wesentlich leichter, die Gelder für dieses Stipendium einzusammeln. Das hat der Psychologe Adam Grant nachgewiesen. (Foto: Shutterstock)
Motivation: Kennen die Mitarbeiter eines Call Centers die Studenten, die von einem Stipendium profitieren, fällt es ihnen wesentlich leichter, die Gelder für dieses Stipendium einzusammeln. Das hat der Psychologe Adam Grant nachgewiesen. (Foto: Shutterstock)

Kollegen, die uns gut tun

Ein weiterer wichtiger Faktor für Glück im Job ist das Verhältnis zu unseren Kollegen. Auch hier ergeben sich starke Berührungspunkte zur Positiven Psychologie, die gelungene Beziehungen zu unseren Mitmenschen als einen der wichtigsten Treiber für Glück und Zufriedenheit begreift.

Jane Dutton von der University of Michigan hat den Mehrwert von „positiv geladenen“ Beziehungen im Arbeitsleben untersucht und dabei unter anderem die Wirkung von Vertrauensbildung, Selbstoffenbarung und Authentizität von Führungspersonen erforscht. Sie konnte nachweisen, dass so genannte „High-Quality-Connections“ das Schmiermittel jeder Organisation sind: Sie führen ihr Energie zu, im Gegensatz zu korrosiven Beziehungen, die den Mitarbeitern und der Organisation im Ganzen Energie entziehen.

Macht euch also klar, welche Arbeitsbeziehungen euch Energie zuführen oder entziehen. Geht eure engsten Arbeitskontakte durch und beantwortet dabei die Frage: Nach einer Interaktion mit Person X, fühle ich mich typischerweise a) energiegeladen, b) unverändert, oder c) leer und kraftlos?

In der Folge solltet ihr versuchen, den Kontakt zu Kollegen der Kategorie c) zu verringern oder zu vermeiden. Prüft, ob eine Zusammenarbeit unumgänglich ist oder ob ihr eventuell Projekte und Aufgaben delegieren könnt. Was zunächst nach einer destruktiven Maßnahme klingt, wird sich im Gegenteil positiv auf eure Produktivität und eure Arbeitsergebnisse auswirken.

Jetzt hilft nur noch eins: Ausprobieren!

Auch wenn die Positive Psychologie als Disziplin noch in den Kinderschuhen steckt und ihre Erkenntnisse entsprechend umsichtig interpretiert werden sollten: ihre Strategien für mehr Glück im Job sind allemal einen Versuch wert. Widmet euch nicht allen Themenblöcken auf einmal, sondern fangt mit einer Übung an, die besonders zu eurer Persönlichkeit passt. Und in ein paar Jahren sind wir dann hoffentlich nicht mehr nur die fleißigen Deutschen, sondern auch die optimistischen, zufriedenen und innovativen Deutschen. Das wäre doch was!

Links und Literatur

  1. Barbara L. Fredrickson, What Good Are…
  2. Shawn Achor, The happy secret to…
  3. Zusammenfassung des Artikels im American Psychologist
  4. Mihály Csíkszentmihály Das Flow-Erlebnis – Jenseits von Angst und Langeweile, Stuttgart 1985
  5. Mehr über Roy Baumeisters Konzept der…
  6. Text und Video zur Rede von…
  7. Studie von Adam Grant über studentische…
  8. Mehr zur Theorie der High Quality…

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