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t3n 47

Zu Besuch in Amazons Hauptquartier in Seattle: Der unsichtbare Riese

    Zu Besuch in Amazons Hauptquartier in Seattle: Der unsichtbare Riese

(Foto: SEASTOCK / Shutterstock)

Amazon dominiert einen Großteil des Onlinehandels, baut eigene Produkte und versucht sich an Finanztechnologien wie Amazon Pay. Aber das ist nur die Fassade. Im Hintergrund versteckt sich ein Konzern, der eine viel größere Vision verfolgt. t3n hat dem Giganten einen Besuch abgestattet.

Ich sehe ihn nicht. Etwas verwirrt stehe ich auf dem Gehweg, mitten in Seattle, im Stadtbezirk Westlake. Google Maps zeigt mir an, dass ich mich am richtigen Platz aufhalte. Aber ich kann nur ein paar Gebäude, die herbstlich-weihnachtliche Starbucks-Werbung für Pumpkin-Spice-Latte und lauter Bäume mit rot-gelben Blättern erkennen. Eigentlich sollte er genau hier sein, einer der größten Onlinehändler der Welt, genauer gesagt der Campus von Amazon, das Hauptquartier. Aber ich sehe es nicht.

Das ist schon schräg. Ich suche den vielleicht wichtigsten E-Commerce-Händler der Welt, einen Konzern, der in den ersten neun Monaten 2016 rund 92 Milliarden US-Dollar umgesetzt hat, der 2015 mehr als 300.000 Mitarbeiter beschäftigte, der mehr als 300 Millionen Kunden weltweit zählt. Und kann auf den Gebäuden um mich herum nicht einmal ein Logo entdecken.

Gratis-Bananen statt Glaspaläste

Erst ein Bananenstand entwirrt meine Verwirrung. Den „Community Banana Stand“ kenne ich aus eigener Recherche, eine Gratis-Bananen-Aktion von Amazon. Ich kann also nicht ganz falsch sein. Das nächste Indiz entdecke ich am Gebäude 440 Terry-Avenue-North. „Day One North“ heißt es dort auf einem Schriftzug, eine Anspielung auf das Jeff-Bezos-Zitat „It’s still day one“, wie der Amazon-Kenner weiß. Ich öffne die Tür und betrete die Lobby – und da, endlich, prangt auch das erste Logo.

Hier, in Seattle, lässt sich die Strategie von Firmengründer Jeff Bezos vielleicht am besten erkennen: Amazon ist überall, aber man sieht den Konzern nicht. Google, Apple, Facebook – sie alle bauen riesige Firmenzentralen im Silicon Valley, eine Anlaufstelle für alles, einen Pilgerort für die Glaubensgemeinde, eine größer und pompöser als die andere. Nicht so Bezos. Einen wirklichen Campus gibt es nicht. In insgesamt 30 Gebäuden verteilt sich sein Unternehmen über die gesamte Stadt, im Süden stehen zwei weitere Wolkenkratzer, ein dritter ist gerade im Bau. Nicht an einem einzigen davon lässt sich von außen erkennen, dass Amazon im Innern zu finden ist. „Es ist nicht unsere Art auffällig zu sein, daher brauchen wir unsere Logos nicht auf allen unseren Gebäuden.“, heißt es am Empfangstresen.

Subtil, unaufdringlich, ja zurückhaltend gibt sich das Unternehmen an seinem Heimatstandort. Das ist keine Koketterie, sondern ein Spiegelbild der Firmenphilosophie: Völlig unauffällig, aber zielstrebig durchsetzt Amazon nicht nur Seattle, sondern auch den Alltag von Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Der Verkauf von Waren online stellt da noch den offensichtlichsten Teilaspekt dar. Von frischen Lebensmitteln bis hin zu Werkzeug findet der Kunde dort alles. Mit Amazon Echo und dem Kindle Reader versucht sich das Unternehmen außerdem an hauseigener Hardware, mit Prime drängt es in den Streamingmarkt und mit Amazon Pay in die Finanztechnologie.

Eher wie ein Coffeeshop-Tresen als wie die Lobby des größten E-Commerce-Händlers der Welt sieht der Eingangsbereich von Day 1 North aus. Immerhin gibt es dort Leckerlis für Hunde, welche die Mitarbeiter mitbringen dürfen. (Foto: Jochen Fuchs)
Im Hintergrund versorgt Amazon aber nicht nur den Verbraucher, sondern hat mit seinem Marktplatz eine riesige B2B-Plattform aufgezogen. Händler können ihre Produkte darüber als eigenständiger Anbieter verkaufen – Firmen wie etwa das Startup KW-Commerce basieren ganze Geschäftsmodelle darauf. Und bei der Produktsuche hat Amazon längst Google abgelöst. Wie stark das Portfolio des Konzerns gewachsen ist, veranschaulicht auch das Cloud-Geschäft. Mit Amazon Web Services (AWS) erwirtschaftete der Konzern in den ersten neun Monaten 2016 knapp neun Milliarden US-Dollar. Damit steht die Sparte für etwa zehn Prozent des Gesamtumsatzes. Vor allem aber dominiert AWS den Infrastrukturmarkt: Mit 45 Prozent besitzt Amazon mehr Marktanteile als Microsoft, Google und IBM gemeinsam.

Jochen G. Fuchs
Jochen G. Fuchs

ist Ressortleiter E-Commerce bei t3n. Zuvor war der gelernte Mediengestalter als Projektleiter E-Commerce für verschiedene mittelständische Handelsunternehmen tätig. Aktuell studiert er Cross-Media-Journalismus auf Master. Auf Twitter ist er erreichbar unter @der_efuchs, sein Blog findet sich unter efuchs.net.

Links und Literatur

  1. Marktanteile AWS
  2. Bewerbungen bei Amazon

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