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Crowdfunding-Plattform Seedmatch: Wie eine orange Box drei Millionen Euro einbringen konnte

Aus dem
t3n Magazin Nr. 38

12/2014 - 02/2015

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Mit Seedmatch hat Jens-Uwe Sauer die Art und Weise, wie Startups sich und ihre Ideen finanzieren, grundlegend auf den Kopf gestellt. Banken, Venture-Capital-Firmen oder Tech-Tycoons? Dank Sauers Konzept einer rendite-orientierten Crowdfunding-Plattform braucht die heute niemand mehr. Stattdessen ebnen Tausende von begeisterten Hobby-Investoren vom Wohnzimmer aus den Weg zum Geschäftsmodell der Zukunft. Die Geschichte einer Idee, hinter der mehr als nur ein Weltrekord steckt.

Crowdfunding-Plattform Seedmatch: Wie eine orange Box drei Millionen Euro einbringen konnte

(Foto: Seedmatch)

Banker statt Business Punk

Auf die Frage, ob er Angst vor Kickstarter habe, antwortet Jens-Uwe Sauer mit der geballten Eloquenz eines Spitzenpolitikers: „Kickstarter hat die schrägen Künstler – wir die innovativen Startups.“ Das seien zwei verschiedene Paar Schuhe, ein Wettrennen zwischen Seedmatch und dem US-Portal werde es daher nicht geben. Der Mann ist vorbereitet. So klingt jemand, der weiß, wie man sein eigenes Revier absteckt. Doch auch abseits dieser abgeklärten Wortklauberei hat Sauer, 42, vom Typ eher stoischer Banker als chaotischer Business Punk, allen Grund, dem baldigen Deutschland-Start der Mutter aller Crowdfunding-Plattformen gelassen entgegen zu sehen. Schließlich hat der gebürtige Dresdner gerade erst einen Weltrekord aus dem Ärmel geschüttelt. 750.000 Euro in 90 Minuten. So viel Zaster in so wenig Zeit sammelte das deutsche Startup Protonet dank Sauers Plattform für eine orangefarbene, sechseckige Serverbox ein. Sogar die legendäre Kickstarter-Smartwatch Pebble hat länger gebraucht.

Keine Lust auf lästige Bankkredite

Für Sauer bedeutet das: Wenn er wollte, könnte er sich als der stille Macher der schnellsten Crowdfunding-Kampagne aller Zeiten rühmen – und der größten in Deutschland noch dazu. Denn am Ende, 133 Stunden später, hat der Zähler für Protonet die Marke von drei Millionen Euro geknackt.

Protonet feierte im Juni die schnellste Crowdfunding-Kampagne der Welt. Abgewickelt wurde sie über Seedmatch. (Foto: Protonet)
Protonet feierte im Juni die schnellste Crowdfunding-Kampagne der Welt. Abgewickelt wurde sie über Seedmatch. (Foto: Protonet)

Ja, wenn Jens-Uwe Sauer denn nur wollte. Spricht man den früheren Unternehmensberater nämlich auf diesen Erfolg an, gibt er sich auffallend bescheiden. Ja klar, ein Paar Korken seien geknallt, ja, auch Kuchen habe man serviert und ja, überhaupt ein bisschen gefeiert habe man den ganzen Wahnsinn um Protonet schon. Sauer aber ist sichtlich bemüht, es mit der Selbstbeweihräucherung nicht allzu sehr zu übertreiben. Man bewege sich hier schließlich auf dem Finanzmarkt. „Auf dem Teppich bleiben“ müsse man da, „Seriosität“ bewahren. Und Sauer weiß auch: Eine erfolgreiche Startup-Finanzierung ist immer erst der Anfang, quasi die erste Schleife einer langen Achterbahnfahrt – auch drei Millionen Euro in 133 Stunden garantieren noch lange keinen Erfolg.

Trotzdem: Drei Millionen für ein Startup, ganz ohne lästigen Bankkredit oder zähe Verhandlung mit einem schwerreichen Tech-Tycoon? Für junge Unternehmen mit einer guten Idee wie Protonet wäre das bis vor fünf Jahren kaum vorstellbar gewesen. Nicht nur wegen der Finanzkrise, die tiefe Wunden im Vertrauen von Banken und Investoren hinterlassen hat. Es ist auch die Unbekanntheit dieser Finanzierungsform bis dato an sich: „Kein Schwein hat damals bei Google nach Crowdfunding gesucht“, erklärt Sauer. Inzwischen sieht das anders aus. Wer heute den Begriff Crowdfunding in Googles Suchmaske einhackt, erhält nicht weniger als 24,3 Millionen Treffer.

Adrenalin-Kick an der Kletterwand

Mit Seedmatch hat Jens-Uwe Sauer Deutschlands erste Plattform gegründet, die dem enormen Potenzial der Crowdfunding-Idee auf die Schliche gekommen ist. Anno 2009 ist das gewesen, gerade noch rechtzeitig – denn obwohl sich Kickstarter zu dieser Zeit in den USA bereits immer größerer Beliebtheit erfreut, fällt der Groschen bei Sauer auf Umwegen: Der entscheidende Impuls geht von einem befreundeten Unternehmer aus, der einen Kletterpark in der Nähe von Dresden realisieren will. Nichts unspektakulärer als das – dachte zunächst auch Sauer: „Ich hab’ das alles zuerst für eine ziemliche Kinderei gehalten, im Nachhinein aber war das die Initialzündung für die Gründung unserer Crowdfunding-Plattform.“

Warum, das erklärt Sauer in der Rückblende so: Der Kletterpark sei nur entstanden, weil der besagte Freund zuvor Geld für den Bau der Anlage auftreiben konnte. Und zwar nicht über einen Bankkredit, sondern ganz klassisch über Freunde und Verwandte. Je 1.000 Euro kommen so von nicht weniger als 100 Hobby-Investoren zusammen. Ganz paritätisch, ohne Murren und Zurren. Besonders beeindruckt hat Sauer dabei die gut besuchte Eröffnung des Parks: „Wenn 100 stille Gesellschafter am Ende mit 600 Leuten zu einem solchen Event kommen, ein positives Erlebnis haben und das auch noch weiterverbreiten, entsteht ein hochemotionaler Mehrwert“, so Sauer. Einen echten „Adrenalin-Kick“ habe er gehabt, jedem in seinem Umfeld davon erzählen müssen.

Die magische Formel für den Erfolg

Wovon Sauer spricht, ist die Viralität – in Gründerkreisen so etwas wie die magische Formel für den Erfolg eines Geschäftsmodells. Das führt Sauer zu einer berechtigten wie fruchtbaren Überlegung: Wenn diese virale Note schon einem einfachen Kletterpark ganz ohne kostspieliges Marketing zu beachtlichen ersten Besucherzahlen verhilft, was kann dies erst für das chronisch unterfinanzierte Heer an Startups mit einer innovativen Geschäftsidee bedeuten? Und dann macht es bei Sauer klick: „Meine Idee war, genau das in einer Online-Plattform abzubilden.“

Mit der Gründung von Seedmatch, Deutschlands erster Crowdfunding-Plattform für Startups, bekommt Sauers Idee schließlich ein Gesicht. Und: Mit ihr findet er zugleich seine ganz eigene Antwort auf die negativen Nachwirkungen der Bankenkrise. Er habe das Risiko, das die Banken und großen Investoren nicht mehr zu tragen bereit waren, einfach auf viele kleine Schultern verteilen wollen, erklärt Sauer. Heute sind das sehr viele Schultern. Um genau zu sein: 33.213. So viele registrierte Nutzer weist Seedmatch derzeit auf seiner Webseite aus. Beachtlich, bedenkt man vor allem, dass die mehrheitlich männliche Nutzerschaft mit rund 3.000 Euro durchschnittlich einen ganzen Bruttomonatslohn in die Startups auf der Plattform investiert.

Über 30.000 registrierte Nutzer hat Seedmatch mittlerweile. Die meisten von ihnen sind männlich, leben in einer Großstadt und sind im Schnitt 38 Jahre alt. (Grafik: seedmatch.de)
Über 30.000 registrierte Nutzer hat Seedmatch mittlerweile. Die meisten von ihnen sind männlich, leben in einer Großstadt und sind im Schnitt 38 Jahre alt. (Grafik: seedmatch.de)

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2 Antworten
  1. von Phil am 29.01.2015 (23:00 Uhr)

    Schöne Werbung für Seedmatch. Was haben die dafür bezahlt? Herrlich gefärbte Sichtweise, die z.B. eine Insolvenz des Startups Vibrewrite nur wenige Wochen nachdem erfolgreich über eine halbe Million Euro von der Crowd eingesammelt wurde, verschweigt.

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  2. von Daniel Hüfner am 30.01.2015 (21:28 Uhr)

    Hallo Phil,

    wie Du der Information oben rechts entnehmen kannst, handelt es sich um einen Magazinartikel aus der t3n 38, die im November erschienen ist. Zum Zeitpunkt der Recherche beziehungsweise Fertigstellung des Artikels war über die drohende Insolvenz von VibeVrite noch nichts bekannt. Heute würde das Thema VibeVrite natürlich zur Sprache kommen.

    Dieser Artikel wurde selbstverständlich nicht von Seedmatch bezahlt, ansonsten wäre das auch klar gekennzeichnet.

    Liebe Grüße aus der Redaktion,

    Daniel

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