Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

t3n 38

Heilfasten im digitalen Zeitalter: Mit „Digital Detox“ gegen die ständige Erreichbarkeit im Job

    Heilfasten im digitalen Zeitalter: Mit „Digital Detox“ gegen die ständige Erreichbarkeit im Job

Mit „Digital Detox“ gegen die ständige Erreichbarkeit im Job (Foto: jarts / Photocase)

Wir lieben flexible Jobs und neue Technologien, wir lassen unser Smartphone nicht aus den Augen und wir kommunizieren immer und überall mit Freunden, Kollegen, dem Chef. Jetzt formiert sich eine Gegenbewegung: Die Anhänger von „Digital Detox“ gehen bewusst offline, um sich digital zu entgiften – doch bisher erkennen nur wenige Arbeitgeber, dass sie davon auch profitieren können.

Der Ort, an dem Mailen und Telefonieren, Twittern und Liken zwei Tage lang ausdrücklich verboten sind, ist gut gewählt. Vom kleinen Bahnhof in Schweighofen wandere ich über eine holprige Straße durch Äcker und Obstwiesen einen Hügel hinauf. Im Westen grüner Wald, in dem sich Nebelschwaden verfangen haben; im Osten ein weiter Blick über die Rheinebene bis zum Schwarzwald, am Himmel ein wüster Mix aus Wolken. Hier, am Rande der Republik nahe der französischen Grenze, kauert sich der Haftelhof zwischen die Felder: ein 250 Jahre alter Klosterhof im Nirgendwo, nicht einmal Netz-Empfang habe ich hier. Das macht nichts, im Gegenteil: Wer heute hier ist, muss sein Smartphone sowieso ausschalten und abgeben. Offline gehen und offline bleiben. Willkommen beim ersten „Digital Detox Camp“ in Deutschland.

Von der Angst, etwas zu verpassen

„Digital Detox“ – zu Deutsch: digitale Entgiftung – ist ein neuer Trend aus den USA, der inzwischen auch Deutschland erreicht. Er versteht sich als Reaktion auf eine Lebensweise, in der wir immer und überall erreichbar sind, sein müssen und sein wollen. Always on sozusagen, aus Neugier oder aus Spaß, aus Pflichtgefühl oder aus „FOMO“, der „Fear Of Missing Out“ – der Angst, etwas zu verpassen. Die Folge: Die Mehrheit der Deutschen nimmt ihr Smartphone sogar mit ins Schlafzimmer; selbst bei 40 Prozent der Erst- bis Viertklässler liegt das Gerät am Bett, meldet das Bundesamt für Strahlenschutz.

Wir sagen der Welt auf Facebook Gute Nacht und erfahren beim Aufstehen, welche Krisen den Globus erschüttern; noch bevor wir aus dem Haus gehen, haben wir die erste E-Mail geschickt, abends vor dem Einschlafen beantworten wir die letzte. Längst haben sich unsere Kollegen und Kunden daran gewöhnt, dass wir sofort antworten, und wir werden ungeduldig, wenn sie es nicht ebenso halten. Unser Büro schließen wir morgens auf und abends ab – aber unser Job, der endet nie.

Wie sehr die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit in der modernen, mobilen Arbeitswelt verschwimmen, belegen Zahlen: Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom erhält heute jeder vierte Beschäftigte ein Smartphone von seinem Arbeitgeber, und in der Regel kann er damit auch nach Dienstschluss mailen und telefonieren. Fast jeder fünfte Beschäftigte wiederum verwendet sein privates Smartphone für die Arbeit – vermutlich auch dann, wenn er auf dem Papier längst Feierabend hat.

Das ist gewollt: Laut Bitkom finden 71 Prozent der Arbeitgeber, dass ihre Mitarbeiter außerhalb der regulären Arbeitszeit erreichbar sein sollten. Und die meisten Beschäftigten erfüllen diese Erwartung bereitwillig: 78 Prozent der Berufstätigen sagen, sie seien nach Feierabend ansprechbar; 30 Prozent sogar „jederzeit“ und nur jeder fünfte lediglich in „Ausnahmefällen“.

In Deutschlands erstem „Digital-Detox-Camp“ geht es um das bewusste Abschalten- die Location in ländlicher Umgebung mit schlechtem Mobilfunknetz erleichtert den Ausstieg. (Screenshot: thedigitaldetox.de)
In Deutschlands erstem „Digital-Detox-Camp“ geht es um das bewusste Abschalten- die Location in ländlicher Umgebung mit schlechtem Mobilfunknetz erleichtert den Ausstieg. (Screenshot: thedigitaldetox.de)

Mails im Morgengrauen

Ich bin kein Ausnahmefall, denke ich, als ich im Haftelhof ankomme und mein Handy abschalte, sondern ziemlicher Durchschnitt. Mein Smartphone parke ich im Urlaub und nachts im Flugzeugmodus, jedenfalls meistens – aber abends und am Wochenende schreibe ich natürlich E-Mails und bin nicht überrascht, wenn ich von Kollegen schnell Antworten bekomme. Meine beruflichen Nachrichten lese ich genauso auf dem Handy wie meine privaten. Ich erhalte Push-Benachrichtigungen von Twitter und Facebook, mein Smartphone weckt mich und erinnert mich an Termine. Wenn ich ehrlich bin, schätze ich es, kommunizieren zu können, wann und wo ich will. Und wenn ich ganz ehrlich bin, fluche ich auch manchmal darüber.

Wie gefährlich das werden kann, erzählt mir Kateryna Kogan, eine PR- und Social-Media-Beraterin, die aus Köln zum Detox-Camp gefahren ist. 399 Euro kostet die Teilnahme an dem zweitägigen Seminar, im Mittelpunkt steht die digitale Entwöhnung. Gemeinsam werden Strategien entwickelt, wie man besser kommuniziert und wann man sein Telefon ausschalten sollte. Abends gibt es Bio-Wein, morgens Yoga und mittags besonders gesunde „Superfoods“. Seit Kateryna ihr Handy ausgeschaltet und bei Camp-Leiterin Uli abgegeben hat, musste sie mehrmals reflexhaft daran denken. Irgendwas hat sie daran erinnert, es wieder anzuschalten und nachzusehen, ob Freunde oder Auftraggeber ihr geschrieben haben. Auf einer Skala von eins bis zehn ordnet sie sich am oberen Ende ein: verdammt Smartphone- und Internet-abhängig.

Laut Bundesamt für Strahlenschutz nimmt die Mehrheit der Deutschen ihr Smartphone mit ins Schlafzimmer. Wer vor dem Einschlafen oder in der Früh als erstes die Mails zu checkt bringt sich jedoch um die wertvollen Offline-Phasen, was auf lange Sicht zu Erschöpfung und Konzentrationsstörungen führen kann. (Foto: bramgino / Fotolia)
Laut Bundesamt für Strahlenschutz nimmt die Mehrheit der Deutschen ihr Smartphone mit ins Schlafzimmer. Wer vor dem Einschlafen oder in der Früh als erstes die Mails zu checkt bringt sich jedoch um die wertvollen Offline-Phasen, was auf lange Sicht zu Erschöpfung und Konzentrationsstörungen führen kann. (Foto: bramgino / Fotolia)

Kateryna erzählt, wie sie manchmal nur ein paar Stunden schläft, weil sie bis tief in die Nacht online ist, bevor ihr kleiner Sohn sie im Morgengrauen weckt. Wie sie morgens noch vor dem Aufstehen E-Mails liest und gestresst darüber nachdenkt, während sie ihren Sohn zum Kindergarten bringt. Wie sie nur noch Urlaub in Hotels macht, die Internetzugang auf dem Zimmer anbieten – um auch dort erreichbar zu sein.

Kateryna ist zum „Digital Detox Camp“ gekommen, weil sie Schwierigkeiten bekommen hat, sich zu konzentrieren, weil sie immer erschöpfter und müder wurde. Wenn sie vor dem Bildschirm saß, um zu arbeiten, ließ sie sich oft ablenken. Zu Besuch bei einer Freundin wurde sie einmal richtig wütend – weil die das Passwort fürs WLAN vergessen hatte und Kateryna nicht ins Netz gehen konnte. Irgendwann bemerkte sie, dass sie zwar auf Facebook verfolgte, was andere Menschen permanent erleben – aber selbst kaum noch Zeit fand, ihren Hobbys nachzugehen. „Das belastet mich sehr“, sagt Kateryna, „und es muss sich wirklich ändern.“

2 Reaktionen
David
David

Oh je, wenn jemand erst einen Workshop braucht um offline zu gehen, dann ist es wahrscheinlich schon zu spät. Den Veranstalter freut es: er kann an diesem Luxusproblem noch verdienen.

Antworten
eAllerdings
eAllerdings

Ich habe mal meine Empfindungen bei einer erzwungenen Abstinenz (vom Smartphone) verbloggt

http://e-allerdings.com/tagebuch-des-horrors-smartphone/

Antworten

Melde dich mit deinem t3n-Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Abbrechen