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Die Glücksökonomie: Warum Glück und Zufriedenheit in der Arbeitswelt immer wichtiger werden

Aus dem
t3n Magazin Nr. 37

09/2014 - 11/2014

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Unsere Generation hat eine ganz eigene Vorstellung davon, was Glück und Zufriedenheit bedeutet. Arbeit gilt dabei als ein wichtiger Bestandteil, der sich positiv in das Gesamtkonstrukt „Leben“ einfügen muss. Dieser Wertewandel hat in Kombination mit den enormen technologischen Möglichkeiten, die das Netz bietet, und dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel eine grundlegende Veränderung der Arbeitswelt zur Folge.

Die Glücksökonomie: Warum Glück und Zufriedenheit in der Arbeitswelt immer wichtiger werden
Die Glücksökonomie. (Foto: markusspiske / Photocase)

„Wir sind nicht faul. Wir wollen arbeiten. Nur anders. Mehr im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Wir lassen uns im Job nicht versklaven, doch wenn wir von einer Sache überzeugt sind (...), geben wir alles. Wir suchen Sinn, Selbstverwirklichung und fordern Zeit für Familie und Freunde.“ (Kerstin Bund)

Wir, die nachwachsende Generation, oftmals auch als Generation Y beschrieben, 20 bis Ende 30. Wir, das sind vor allem Wissensarbeiter, Webworker, Kreative, Digitalpioniere. Wir sind mit dem Netz aufgewachsen und haben eine enorme Erwartungshaltung an unsere berufliche Zukunft: Mobilität, Spaß an der Sache, stets bereit, sich neuen Herausforderungen zu stellen, Work-Life-Balance, mehr Freizeit, Mitbestimmung, Selbstverwirklichung. Arbeit soll nicht mehr das notwendige Übel zur Finanzierung des Alltagslebens sein, sondern ein fester Bestandteil eines ausgefüllten und glücklichen Lebens.

In unserer Welt spielen Status und Prestige eher eine untergeordnete Rolle. Das ergab auch eine Studie zu unserer Generation, bei der 72 Prozent der Befragten als wichtigstes Kriterium für eine Arbeitgeberwahl Entfaltungschancen angaben, 56 Prozent eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Nur 35 Prozent sind Karriereoptionen wichtig.

Netz so wichtig wie die Luft zum Atmen

Das Netz hat einen prägenden Einfluss auf unsere Generation. Als Kind erstmals mit AOL-CD und Modem ins Internet, mit Facebook, YouTube und Co. groß geworden und heute wie selbstverständlich das Netz stets in der Hosentasche dabei: Wir sind mit der rasanten technologischen Entwicklung der vergangenen 20 Jahre aufgewachsen und haben die Welt vor allem als voll vernetzt und als Ort ohne Grenzen kennengelernt. Die enormen Entfaltungsmöglichkeiten nicht nur des Netzes zwingen unsere Generation zu einem ständigen „biografischen Selbstmanagement“, wie der Soziologe Klaus Hurrelmann es treffend beschreibt. Familie, Beruf, Karriere, Feierabend, Freunde, Spaß, Selbstverwirklichung – alles ist drin, vieles gewünscht, und zwar möglichst gleichzeitig.

Die rigorose Nutzung des Internets zeichnet uns im Besonderen aus. Das zeigt auch der Cisco Connected World Technology Report (CCWTR), der die Mitglieder unserer Generation einmal im Jahr befragt. Beim Report aus dem Jahr 2011 gaben ein Drittel der Befragten an, dass für sie die ständige Verbindung zum Netz so fundamental wichtig ist wie die Aufnahme von Nahrung, Wasser und Sauerstoff. Ein Jahr später sagten zwei Drittel der Befragten sogar aus, dass sie das Internet einem Auto vorziehen würden. Das Smartphone gilt laut der Studie in unserer Generation als das „single-most desired device“.

Was heißt Arbeit eigentlich?

Doch welche Auswirkungen hat die hohe Netzaffinität unserer Generation auf die Arbeitswelt? Welchen Einfluss hat sie auf das, was wir als Arbeit begreifen? Vor allem für uns Kreative, Webworker und Wissensarbeiter zeigt sich, dass die besten Ideen gar nicht am Schreibtisch entstehen, sondern meist dann, wenn wir entspannt sind und nicht im Büro sitzen – beim Spaziergang im Wald, bei der Konversation mit den eigenen Kindern, bei der Gartenarbeit. So schlägt der Mitgründer des Big-Data-Startup Datagravity John Joseph Kreativen etwa vor, das Büro regelmäßig zu verlassen, um beispielsweise Menschen im Café oder beim Ein- und Aussteigen in der U-Bahn zu beobachten. „Die Beobachtung menschlicher Interaktion, die dich umgibt, kann enorme Kreativität freisetzen. Du kommst auf die besten Ideen, wo und wann du es nicht erwartest“, so Joseph.

An diesem Beispiel wird klar, dass Arbeit heute immer schwieriger in enge Grenzen zu fassen ist: Ist es nicht auch Arbeit, wenn mir unter der Dusche plötzlich eine Lösung für ein Problem einfällt, ein Teilaspekt einer Unternehmensstrategie während eines Spaziergangs klar wird? Was im Büro vielleicht mühsam und Stunden gedauert hätte, kann außerhalb der üblichen Routinen manchmal wenige Minuten in Anspruch nehmen. Unterstützt wird diese Entwicklung eben vor allem durch die technologischen Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte. Das Internet sowie Smartphones und Tablets machen uns zwar nicht kreativer oder schlauer, sie unterstützen jedoch die Mobilität des Geistes, in dem sie uns Werkzeuge zur Verfügung stellen, die es uns in Echtzeit ermöglichen, zu kommunizieren oder etwas nachzuschlagen, zu vergleichen oder einzuordnen.

Was heißt heute eigentlich Arbeit? Die technologischen Möglichkeiten des Netzes ermöglichen es, von überall aus produktiv zu sein. Und das gelingt außerhalb des Büros oftmals viel besser – vor allem dann, wenn es um kreative Tätigkeiten geht.  (Foto: Gerhard Wanzenböck / Fotolia)
Was heißt heute eigentlich Arbeit? Die technologischen Möglichkeiten des Netzes ermöglichen es, von überall aus produktiv zu sein. Und das gelingt außerhalb des Büros oftmals viel besser – vor allem dann, wenn es um kreative Tätigkeiten geht. (Foto: Gerhard Wanzenböck / Fotolia)

Wie sich die Avantgarde der Wissensarbeiter in Zukunft ihre Arbeit vorstellen, haben einige ihrer Vertreter kürzlich in einem von Microsoft initiierten Manifest zusammengetragen. So heißt es dort etwa: „Wir wollen keine 9to5-Jobs machen, aber auch nicht solche, bei denen wir unsere Lebenspartner und Kinder nicht zu Gesicht bekommen. Was spricht dagegen, Arbeit und Freizeit, Freizeit und Arbeit miteinander zu mischen und dann produktiv, kreativ und rekreativ zu sein, wenn es möglich oder nötig ist?“

Die neue Glücksökonomie

Diesen Wertewandel haben auch die Unternehmen längst erkannt und reagieren entsprechend. Wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen, dann macht es als Unternehmen Sinn, auf das generelle Wohlergehen der Mitarbeiter zu achten und sie sogar auch im Alltag zu entlasten. Bei Evernote etwa können Mitarbeiter auf einen kostenlosen Putzservice zurückgreifen, der zwei mal im Monat die Häuser und Wohnungen sauber macht. Wäsche waschen, Fahrrad- und Autoreparatur, nervige bürokratische Angelegenheiten, Kindertagesstätten und Schulen auf dem Unternehmensgelände: Die eigenen Mitarbeiter sollen sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren und nicht von lästigen Dingen des Alltags abgelenkt werden.

Die Berliner Spieleschmiede Wooga unterstützt seine ausländischen Mitarbeiter bei den typischen Anfangsschwierigkeiten wie Wohnungssuche oder der Eröffnung eines Bankkontos. (Screenshot: Wooga)
Die Berliner Spieleschmiede Wooga unterstützt seine ausländischen Mitarbeiter bei den typischen Anfangsschwierigkeiten wie Wohnungssuche oder der Eröffnung eines Bankkontos. (Screenshot: Wooga)

Vorzeige-Unternehmen wie Google gehen noch weiter und achten penibel auf das Stresslevel ihrer Mitarbeiter. So gab der Konzern nach einer firmeninternen Studie in seinem Dublin-Standort beispielsweise kurzzeitig die Devise „Google goes dark“ aus, die vorsah, dass Mitarbeiter ihre wichtigsten Geräte wie Notebooks, Tablets und Smartphones im Büro lassen. Der Konzern hatte nämlich in der Studie herausgefunden, dass lediglich 30 Prozent seiner Mitarbeiter es schaffen, nach Feierabend wirklich abzuschalten – die ständige Erreichbarkeit tritt hier als Schattenseite der schönen neuen Arbeitswelt zutage. Das Zuhause lassen der wichtigsten Arbeitsgeräte sollte für die nötige Entspannung sorgen. Auch wenn sich die Idee nicht durchgesetzt hat, zeigt sich, wie weit Unternehmen mittlerweile gehen, um die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter zu steigern.

Auch die Berliner Spiele-Schmiede Wooga verfolgt dieses Ziel und ist beispielsweise bei den typischen Anfangsschwierigkeiten ihrer ausländischen Mitarbeiter behilflich – mit Kollegen aus über 40 Nationen und einem ausländischen Belegschaftsanteil von über 55 Prozent verständlich. „Wir unterstützen nicht nur dabei, ein 'Wooga' zu werden, sondern auch ein Berliner“, erklärt Gitta Blatt, Head of People bei Wooga. Dazu gehört es beispielsweise, Visa und Arbeitsgenehmigungen zu besorgen, eine Wohnung anzumieten und die ersten acht Wochen kostenlos zur Verfügung zu stellen sowie Unterstützung beim Einwohnermeldeamt, bei der Eröffnung des ersten Bankkontos oder der Suche nach einer geeigneten Kita für den Nachwuchs.

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2 Antworten
  1. von wichtig am 02.12.2014 (14:50 Uhr)

    Wichtig war es immer!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  2. von Olaf Kopp am 02.12.2014 (16:53 Uhr)

    "Arbeit soll nicht mehr das notwendige Übel zur Finanzierung des Alltagslebens sein, sondern ein fester Bestandteil eines ausgefüllten und glücklichen Lebens." Finde ich gut. Nur, dann sollten aber auch die Gehaltswünsche bzw. der Lebensstandard dementsprechend angepasst werden, sonst bleibt bei dem Ganzen eine Seite auf der Strecke...

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