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Startup-Gründer im Interview: Bei Julian Vester entscheiden die Mitarbeiter über Urlaub und Gehalt

Aus dem
t3n Magazin Nr. 30

12/2012 - 02/2013

Mit seinem Werdegang würde Julian Vester gut ins passen: Abgebrochenes Studium, früh gegründet, umtriebig ohne Ende. Der 28-Jährige betreibt in Hamburg die Agentur „elbdudler“ und gründet daraus immer wieder neue . Das Schlimmste, was man ihm jedoch antun kann, ist, ihn als „Inkubator“ zu bezeichnen.

Startup-Gründer im Interview: Bei Julian Vester entscheiden die Mitarbeiter über Urlaub und Gehalt

vester„Ich hasse das Wort Inkubator“, stellt Julian Vester beim Gespräch in einem chilligen Café in San Francisco gleich mal fest. Und schaut sich überrascht um: An dieser hübschen Ecke gegenüber dem Dolores Park, in dem sich abends die Hippies treffen, war er noch nie. Dabei ist dies bereits sein dritter Aufenthalt in Amerikas Startup-getriebener Stadt an der Westküste. Meist ist der Hamburger dann doch eher im District „South of Market“ (SoMa) unterwegs, wo die großen Ex-Startups wie Twitter und Airbnb sitzen und die spannenden Events stattfinden.

So wie Anfang September die Techcrunch Disrupt, in den USA die Startup-Veranstaltung schlechthin. Drei Tage lang spannende Veranstaltungen, pitchende Startups und die Gelegenheit, sich beim Fastfood-Lunch auf Investoren zu stürzen – und dabei so zu tun, als habe man sie ganz zufällig kennengelernt. Drei Tage ohne Tageslicht in einer riesigen, bunten und wuseligen Halle.

Auch Julian Vester hat auf der Techcrunch Disrupt ein Startup präsentiert. Zu den 30 Auserwählten, die im Rahmen des „Battlefield“ Contest ihre Idee auf der Bühne präsentieren durften, gehörte er zwar nicht. Aber als eines von über 200 Startups hatte Quote.fm einen eigenen Stand in der „Startup Alley“ und machte Besucher, Presse und Investoren so auf sich aufmerksam. Laut Website ist Quote.fm „die beste Möglichkeit, um geschriebene Geschichten zu entdecken, zu lesen, zu sammeln, zu empfehlen, zu kuratieren und zu diskutieren.“ Nutzer können mit dem Web-Dienst Zitate und Passagen aus Onlinetexten weiterempfehlen und selbst auf Neues stoßen.

„Ich hab halt ein Konfirmandebläsle“

Eigentlich stehen hinter dem Hamburger Startup die drei Gründer Marcel Wichmann, Philipp Waldhauer und Martin Wolf. Sie alle kommen aus dem Umfeld von Vesters Agentur elbdudler, die sich zu einer echten Startup-Maschinerie entwickelt. Deshalb hat Vester über seine verschiedenen Projekte die Holdinggesellschaft „elbmudder“ gesetzt.

So norddeutsch die Firmennamen auch klingen: Eigentlich kommt Vester aus dem Stuttgarter Raum („einem Kaff“) und wenn er will, kann er auf Knopfdruck ins Schwäbische verfallen. Dann sagt er Sachen wie: „Ich hab halt ein Konfirmandebläsle.“ Das bedeutet soviel wie: „Tut mir leid, dass ich schon wieder aufs Klo muss.“ Noch unterhaltsamer ist es, wenn Vester verdutzten Amerikanern zu erklären versucht, was die Worte „elbdudler“ und „elbmudder“ bedeuten. Vermutlich hat er beim Gründen nicht über eine mögliche Internationalisierung nachgedacht.

Auf diese Weise, also aus dem Agenturumfeld von elbdudler heraus, sind schon vier Startups entstanden, an denen Vester beteiligt ist. Eigentlich hätte er dafür die Bezeichnung Mini-Inkubator verdient, doch der 28-Jährige wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen – zu negativ sind für ihn die Assoziationen mit diesem Wort.

quote fm
Quote.fm, eine Plattform zum Empfehlen von Geschichten, ist das erste Startup, das im Umfeld der Agentur elbdudler entstanden ist.

„Wir gründen, weil Ideen entstehen“

„Inkubatoren haben immer das selbe Portfolio: Es gibt auf jeden Fall einen Gutscheindienst, ein Game-Portal und eine Hochzeitsseite“, erklärt Vester. „Zwei Dinge müssen gut laufen, dann ist der Rest egal.“ Diese Herangehensweise habe mit seiner kleinen Startup-Schmiede nichts zu tun. Da es innerhalb der Agentur so viel Potenzial gebe, müssten er und Mit-Geschäftsführer Jonas Wegener nicht außerhalb nach fähigen Leuten suchen. „Außerdem gründen wir nicht um des Gründens willen, sondern einfach, weil tolle Ideen entstehen.“ So ähnlich lief es auch bei Quote.fm. Die Idee für das Startup kam von zwei freien Mitarbeitern. Bedenken, irgendwelche Copyright-Verletzungen zu begehen und verklagt zu werden, ließen die potenziellen Gründer aber zurückschrecken. Vester und Wegener waren so überzeugt von der Idee, dass sie sich dazu entschieden, das Risiko und die Verantwortung selbst zu übernehmen und als Finanzierer und Berater im Hintergrund zu stehen. So abgesichert arbeiteten die Gründer zunächst für elbdudler weiter und machten nebenher Quote.fm. Mittlerweile betreiben sie ihr Startup selbst und in Vollzeit.

Eigentlich könnte diese Art des Inkubatoren-Daseins auch ein Modell für andere Agenturen sein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kennt sich, vertraut sich, spinnt im alltäglichen Leben an gemeinsamen Ideen und hat potenzielle Mitgründer in Reichweite. Vester ist sich trotzdem nicht sicher, ob das Beispiel von elbdudler als Vorbild taugt: „Viele werden keinen Anreiz verspüren, Menschen für neue Projekte gehen zu lassen. Das ist nicht so üblich.“ Er selbst sieht es entspannt und scheint keine Probleme zu haben, neue Mitarbeiter zu bekommen.

Zumindest sind seit Quote.fm noch drei weitere Startups im Entstehungsprozess. Crowdsight wird eine Plattform, die es Marken ermöglicht, Kundengeschichten im Netz wahrzunehmen, zu bewerten und darauf zu reagieren. „Die Zukunft von Marken liegt im Storytelling. Weg vom unidirektionalen Überbringer der Werbebotschaft hin zum Dialog mit den Kunden. Die Summe aller Kundengeschichten ist die Markengeschichte“, erklärt Vester den Hintergrund. Mit der App von Tooltime können sich Nutzer Tipplisten von sämtlichen Anbietern herunterladen und sich Schritt für Schritt ihrem anvisierten Ziel nähern – zum Beispiel „Rauchfrei in 30 Tagen“. Das dritte Startup, monochrome, bereitet sich auf den Launch eines Fashionblog-Netzwerks im Dezember vor.

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6 Antworten
  1. von Sven am 15.04.2013 (17:43 Uhr)

    Ich dachte schon solche Leute gibts nicht mehr. Super, der Artikel hat mir gezeigt es gibt die Verfechter doch noch. :) Ich kann dieser Denkweise zu fast 100% zustimmen, denn es macht einen Unterschied einen Mitarbeiter an sein Unternehmen zu binden, oder für das Team, das Unternehmen und die Herausforderungen.

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  2. von Sergej am 16.04.2013 (11:43 Uhr)

    Hi, coole Sache,

    aber habt Ihr eventuell auch ein Tipp, wie man eine interessante Idee findet. Zum Beispiel hätte ich ein Paar Ideen etwas zu machen, wie kann ich einschätzen, ob sie etwas bringt, ob sie interessant ist. Kann man das überhaupt einschätzen oder man verlässt sich auf ein Bauchgefühl?

    Gruß

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  3. von Paddy am 16.04.2013 (20:30 Uhr)

    Das mit dem Knuddeln ist ja mal hart. in so einem unternehmen würde ich nie arbeiten wollen.
    Und das mit der Freiheit ist ja schön und gut – aber letztendlich laufen solche Modelle immer darauf hinaus, dass die Leute mehr arbeiten und weniger Urlaub nehmen als wenn diese Themen fest geregelt sind, weil sie das Gefühl haben sie müssen diese Freiheit/ dieses Vertrauen ja irgendwie wieder zurückgeben. Geschickte Masche also. Und wenn man die Social Media Aktivitäten der Elbdudler Mitarbeiter so mitverfolgt, ergibt sich da ganz klar das Schema, dass die meisten sich viel mehr Arbeit zumuten als ihnen langfristig gut tun wird.

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  4. von Mate am 16.04.2013 (21:59 Uhr)

    Quote.FM hat übrigens gerade heute bekannt gegeben, dass sie Pleite sind. Die Gründer sind raus: http://blog.quote.fm

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  5. von guido am 19.04.2013 (20:44 Uhr)

    Das Konzept funktioniert - allen Unkenrufen zum trotz... und das nicht nur bei elbdudler, sondern bei vielen Firmen. Ganz nah an dem was elbdudler macht ist valve, eine Softwareschmiede in den USA. Die machen das schon lange so.
    Was aber auch heisst, man kann sich von guten Beispielen inspirieren und leiten lassen. Und dann kann man es auch lernen, wenn man will. Auch wenn Julian Vester seine Erfahrung so nicht weitergeben kann, gute Erfahrungen haben auch andere gemacht ;-)

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  6. von Jan Thomas Otte am 07.08.2013 (15:07 Uhr)

    Und das mit 28! Respekt.

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