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Gidsy: „Bei Ashton Kutcher hat es Klick gemacht“

Aus dem
t3n Magazin Nr. 28

06/2012 - 08/2012

Gidsy: „Bei Ashton Kutcher hat es Klick gemacht“

Bei Gidsy, einem Marktplatz für Aktivitäten, bieten Menschen Chutney-Kochkurse und High Heels-Übungsstunden an. Das Startup von Edial Dekker, Floris Dekker und Philipp Wassibauer gehört zu Berlins heißesten Neugründungen. Bei unserem Besuch haben wir erfahren, was die holländischen Brüder an Berlin lieben und wie sie sich Ashton Kutcher geschnappt haben.

Angesagte Berliner , die finanzkräftige Investoren im Hintergrund haben, zieht es normalerweise in Berlins hippe und zugleich etwas schnieke Mitte. Bei Gidsy ist das anders: Die drei Gründer haben sich im tiefsten Kreuzberg einquartiert, in einem Büro, das sich neben Läden wie „Tek-Mer“, „Kiliçoglu“ und einer Öger-Tours-Filiale befindet. Den richtigen Hinterhofeingang zu finden, ist gar nicht so einfach; das Viertel rund ums Kottbusser Tor lässt gut platzierte Hausnummern vermissen (es gibt schließlich Wichtigeres). In der Adalbertstraße 6, ganz oben, wohnt das Gidsy-Team. Die Stockwerke darunter teilen sich verschiedene Kreative, darunter eine Filmproduktion, eine Internetagentur und ein kleiner Coworking Space.

Das Gründerteam von Gidsy: Floris Dekker, Edial Dekker und Philipp Wassibauer (von links). (Foto: Dimitri Hempel)

Gidsy ist erst ein paar Monate alt, hat in der kurzen Zeit aber schon unglaublich viel Geld eingesammelt. (Stand: Mai 2012) Zuletzt stieg Demi Moores Ex, Ashton Kutcher, als Investor ein. Trotzdem sieht es in dem Kreuzberger Büro so richtig nach Startup aus: Vieles ist noch provisorisch, im riesigen Eingangsbereich stehen Kicker und Fahrräder. Die Lounge-Ecke besteht aus zusammengewürfelten Möbeln, die vermutlich schon für den Sperrmüll bestimmt waren. Ein großer Esstisch zeigt an, dass gemeinsames Dinnieren erwünscht ist – die Küchenzeile allerdings fehlt noch. Nur die Größe des offenen Raums macht deutlich, dass die Gidsy-Macher mit ihrem Startup schnell wachsen wollen und viel Platz für neue Mitarbeiter einkalkuliert haben. Bisher gehören neun Leute zum Team.

Bei den ambitionierten Expansionsplänen dürfte der Zuwachs nicht lange auf sich warten lassen. Schon bald sollen Nutzer über die Plattform weltweit interessante Aktivitäten buchen können. Gidsy ist von der ersten Sekunde an international ausgerichtet und neben Deutschland auch in den USA, England und den Niederlanden aktiv. Wer nach einer deutschen Sprachversion schaut, sucht vergeblich; Gidsy gibt es nur auf Englisch. Selbst von den Mitarbeitern sind nur zwei deutschsprachig. Einige Leute aus dem Team sollen später einmal örtliche Niederlassungen in den Expansionsländern aufbauen, darauf wird hingearbeitet. „Wir wollen mit Gidsy einen globalen Marktplatz für Aktivitäten schaffen“, fasst Edial Dekker die Vision zusammen. Der 27-Jährige ist das lächelnde Gesicht von Gidsy (nur auf Fotos nicht), er kümmert sich um die langfristige Strategie des Startups und gibt die Interviews.

Gidsy ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich immer mehr ausländische Startups in Berlin ansiedeln. Dabei wurde die deutsche Hauptstadt vor zweieinhalb Jahren in der Startup-Szene noch längst nicht so gehyped wie jetzt. Aber damals, als Edial und Floris Dekker nach Deutschland kamen, hatten sie auch noch nicht vor, ein Startup zu gründen. Sie starteten damit, in Berlin eine eigene Designagentur namens „Your Neighbours“ zu gründen.

Stylish: Gemeinsam essen unterm Dachfenster. Nur die Küchenzeile fehlt noch. (Foto: Dimitri Hempel)

Bevor es nach Deutschland ging, studierten die beiden Brüder in Amsterdam Design (Floris) und Neue Medien (Edial). Nebenbei juckt es ihnen in den Händen, ständig müssen sie etwas Neues auf die Beine stellen: Sie rufen die Musikkonferenz „Music and Bits“ ins Leben, organisieren den „Music HackDay“ und initiieren schließlich die größte niederländische Open-Data-Bewegung „Hack de Overheid“ (Hack the Government). Ziel des Projekts ist es, die Unmengen an ungenutzten Daten für die Allgemeinheit zugänglich zu machen, sodass Entwickler sie für sinnvolle Programme verwenden können. Einer ihrer Coups besteht darin, das niederländische (kostenpflichtige) Unternehmensregister öffentlich zu machen. Aus einer anderen Hack-Aktion entsteht später eine Schulfinder-App. Aber Edial Dekker arbeitet nicht nur gegen, sondern auch für die niederländische Regierung, als sie sich schließlich auf Gespräche einlässt, und übernimmt für sie die Betreuung verschiedener Open-Data-Projekte.

„Wir fingen an abzuhängen“

Trotz vieler Ideen haben die Brüder irgendwann das Gefühl, Amsterdam verlassen zu müssen: „Es gab so viel, was wir hätten tun können, aber wir fingen an abzuhängen und uns einzurichten“, erklärt Edial. Schwer zu verstehen, dass so umtriebige Menschen das Gefühl bekommen, zu gesetzt zu werden. Floris ist mit seinen 25 Jahren sogar noch zwei Jahre jünger als Edial. Das Ziel ist Berlin, weil die Stadt als spannend gilt und weil verschiedene Freunde dort wohnen. In Kreuzberg angekommen gründen sie „Your Neighbours“ und profitieren von dem großen Netzwerk, das sie durch die Organisation zahlreicher Events in den Jahren zuvor aufgebaut haben. Schnell entsteht ein ansehnlicher Kundenstamm: Nach vier Monaten haben die Dekkers Universal Music als Kunden an der Angel, mit dem sie gemeinsam eine neue Website für die Band Rammstein entwerfen.

Während andere Agenturen oftmals monatelang rumkrebsen, bis es finanziell aufwärts geht, verdienen die Dekkers von Anfang an Geld, das sie wiederum in die Organisation von Veranstaltungen und andere Nebenbei-Projekte stecken. Trotzdem langweilen sie sich nach einiger Zeit erneut; wieder ist da das Gefühl, zu unflexibel und gesetzt zu werden. „Wenn man für Kunden arbeitet, muss man ständig Kompromisse eingehen, das wollten wir irgendwann nicht mehr. Außerdem hassen wir Meetings“, verrät Edial. Dann seien sie an einen Kunden geraten, bei dem alles anders war: Etsy. Das US-amerikanische Startup ist ein Marktplatz für Selbstgemachtes und der Vorläufer für hiesige Plattformen wie DaWanda. „Etsy hat uns wirklich beeindruckt: Die Strukturen sind flexibel, eigene Ideen sind erwünscht, die Mitarbeiter ambitioniert. Selbst das Büro hatte eine ganz spezielle Atmosphäre, alle Dinge dort waren handgemacht.“ In diesem Moment wird Edial klar: Er will auch was Neues.

Pilze als Initialzündung

Letztlich sind es Pilze, die Edial auf die Idee zu einer Plattform bringen, auf der Privatleute ihre Fähigkeiten miteinander teilen. Eines Tages verspürt er Lust, in den Wäldern rund um Berlin Pilze sammeln zu gehen, weiß aber nicht wo und auch nicht, welche essbar sind. Da er auf die Schnelle keinen passenden Begleiter findet, bleiben die Pilze ungepflückt. Dafür entsteht die Idee, dass es genau für solche Situationen einen virtuellen Ort geben müsste, an dem sich Leute vernetzen und Treffen organisieren. Die Anklänge zu Etsy, wo Menschen selbstgemachte Dinge anbieten, sind unverkennbar, trotzdem ist Gidsy etwas ganz Eigenes. „Webseiten, auf denen Leute Aktivitäten buchen können, gibt es schon ewig. Der ganze Bereich wirkt aber sehr traditionell und veraltet. Wir wollten es ganz anders machen, viel sozialer – so entstand die Idee eines Marktplatzes.“ Edial und Floris holen sich noch Philipp Wassibauer mit ins Team; der Österreicher wird technischer Leiter bei Gidsy. Der erste echte Angestellte, Andrew McCarthy, wird direkt aus Arizona rekrutiert; die Dekkers kennen ihn noch vom Designstudium.

Gidsy-Mitgründer Edial Dekker. (Foto: Dimitri Hempel)

Schon nach zweieinhalb Monaten steht der Prototyp und die Dekkers haben die meisten Projekte aus dem Agenturgeschäft abgewickelt. Das intensive Netzwerken aus den vergangenen Jahren macht sich erneut bezahlt: Die Macher von Soundcloud werden zu den ersten Gidsy-Testern und schwärmen bei ihrem Investor Index Ventures von dem neuen Produkt – Index Ventures steigt sofort mit ein. Daneben beteiligen sich auch Sunstone Capital, Werner Vogels (technischer Leiter bei Amazon) und der Business Angel Peter Read. Über Felix Petersen, Mitgründer des Berliner Hype-Startups Amen und ebenfalls mit den Gidsy-Gründern bekannt, kommen die Jungs an Ashton Kutcher heran, der bereits mit verschiedenen Berliner Startups angebandelt hat. „Oft entscheidet es sich in den ersten Sekunden, ob man zusammen passt. Bei Ashton Kutcher hat es sofort 'klick' gemacht, er ist ein absolut smarter Typ.“

Um Geld müssen sich die Wahl-Berliner jedenfalls erst mal keine Sorgen mehr machen. Die Baustelle wartet an ganz anderer Stelle: Mit den Briefen vom Finanzamt habe man am Anfang ganz schön gekämpft, gibt Edial zu. Und damit, dass eben doch nicht jeder in Berlin Englisch sprechen kann oder will. Insgesamt freuen sich die Gidsy-Gründer aber, dass in Deutschland alles so wohlorganisiert sei. Und Berlin, vor allem Kreuzberg, finden sie traumhaft. Nur gute Leute zu finden, werde hier immer schwieriger. Tatsächlich ist in Berlin der Kampf um gute Mitarbeiter und Freelancer ausgebrochen, seit so viele ambitionierte Startups in die Hauptstadt ziehen. „Zum Glück ist Berlin ein Magnet, sodass sich auch Leute aus dem Ausland herlocken lassen.“ Bei Wassibauer und McCarthy hat es jedenfalls geklappt.

Eine Frage muss sich Gidsy allerdings gefallen lassen: Wie will sich das Team langfristig von den vielen Mitbewerbern absetzen, von denen es doch einige gibt? Nutzer können bei GetYourGuide [1] schon seit Längerem weltweit Aktivitäten buchen, und Lonely Planet [2] hat im Bereich „kreative City-Guides“ bereits Kultstatus. Einige Monate vor Gidsy haben außerdem in Deutschland Yasuu und Regiondo ihre Pforten geöffnet; auch hier kann man lustige Aktivitäten buchen – darunter sogar ein Pilzseminar [3]. Und auf Plattformen wie Gigalo oder fiverr [4] bieten Privatpersonen für jeweils fünf Euro ihre Dienste an, ob das Erstellen eines Videos oder das Übersetzen eines Textes ins Bayrische. All dies schreckt die Gidsy-Gründer aber nicht. „Wir schauen nicht danach, was ähnliche Anbieter machen. Es macht keinen Sinn, der Konkurrenz nachzuschauen, dann ist man ja immer einen Schritt hinterher. Wir wollen aber voraus gehen.“ Voraus ist Gidsy vor allem in puncto Optik: schöne Produktbilder, ästhetisches Design. Es macht Spaß, auf der Seite zu surfen.

In Gidsys Büro ist noch Platz für neue Mitarbeiter. (Foto: Dimitri Hempel)

„Staying focussed!“ ist der wichtigste Tipp, den Edial anderen Gründern mit auf den Weg gibt. Nicht zu viele Seitenwege nehmen, auch wenn die Ideen sprudeln. Und bloß schnell loslegen. „Wenn man zu lange wartet, wird es schwierig. Es gibt so viele Dinge, die einen abhalten können. Man muss da einfach ins Wasser springen.“ Das bedeute auch, offen zu sein gegenüber Kritik. Gerade wenn das Produkt noch nicht perfekt ist, gibt es sehr vieles, was andere kritisieren können. Aber genau das sei wichtig und weiterbringend. Bei Gidsy versuchten sie, intern eine offene, kritikfreudige Kultur zu kreieren. Daneben sei es wichtig, großen Wert auf die richtigen Leute im Team und im Netzwerk zu legen. Er selbst sei so nicht nur an Investoren gekommen, sondern habe auch von den Erfahrungen anderer Gründer profitiert. „Manche Dinge muss man selbst rausfinden. In manchen Bereichen ist es aber auch gut, auf die Erfahrungen anderer zu hören, die schon einen Schritt weiter sind.“ Zu diesen Personen gehört für Edial zum Beispiel Felix Petersen von Amen oder die Gründer der 6Wunderkinder.

Das Gidsy-Logo zum Aufkleben und Anpinnen. (Foto: Dimitri Hempel)

Nutzer sollen mit Gidsy Geld verdienen

Viel präsenter als die Herausforderungen, denen er in den letzten Monaten gegenüberstand, sind für Edial die vielen Glücksmomente während der Gründungszeit. Einer der größten war, als sich zwei Tage nach dem Launch die erste Nutzerin anmeldete und – nur ein paar Blocks entfernt – ihren privaten Yoga-Kurs anbot. Unter den ersten vier Anmeldungen war auch seine eigene, bis heute besucht er zwischendurch immer wieder einmal die Yogastunden. Auch über die Koreanerin, die schon an 15 Gidsy-Aktivitäten teilgenommen hat und dafür sogar ins Ausland reist, freut sich der 27-Jährige regelmäßig. Genau das ist es, was er will: dass Menschen Spaß daran haben, andere Menschen kennen zu lernen und lustige oder interessante Dinge zu lernen. „Dass die Menschen dabei auch etwas verdienen, ist nur fair.“

Überhaupt gehört es zu seiner Vision, dass Leute irgendwann sogar von den über Gidsy angebotenen Tätigkeiten ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Vielleicht klappt es ja bei dem ehemaligen Polizisten aus Amsterdam, der Städtetouren der besonderen Art anbietet. Unter dem Titel „Policetour Redlight district '1980'“ führt er Teilnehmer auf seiner ehemaligen Rundgang-Route durch Amsterdam und erzählt an den Originalschauplätzen spannende Episoden aus seinem früheren Berufsalltag: „I'll take you back in time, into the world of drugs, prostitution, gambling and corruption.“ Dies jedenfalls sei der absolute Geheimtipp, verrät Edial, der gerne die Zeit hätte, um mal wieder die Rotlicht-Tour durch Amsterdam mitzumachen. Aber das wird, genauso wie das Pilze sammeln, vorerst wohl nichts.

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2 Antworten
  1. von Thomas L. am 27.11.2012 (21:32 Uhr)

    Interessante Idee. Nur finde ich hat man sich vom Design her sehr an airbnb orientiert...
    Die Profilseite sieht fast genauso aus
    Die Gidsy activities sehen aus wie die einzelnen Wohnungsanzeigen.
    Auch die Suchseite sieht ähnlich aus...

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  2. von Petra Panther am 28.11.2012 (15:51 Uhr)

    Mal ehrlich: der Autor hat keine Ahnung. Gidsy gehört derzeit genauso wenig wie Amen zu den heißesten Startups der Stadt.

    Die Gründer, muss man in diesem Fall ehrlich sagen, haben scheinbar keine Ahnung, was die Haupttreiber des Erfolges sind. Wenn man sich den Trafficverlauf anschaut, wird diese Behauptung belegt.

    Der virale Effekt der Crowd blieb aus, weil man sich zu sehr auf die Crowd verlassen hat. Sales Sales Sales , Akquise Akquise Akquise wäre die Devise gewesen. Inventory! und gutes Inventory.

    Wodurch ist AirBnB auch schnell groß geworden: dass Sie schon professionellere Anbieter von anderen Plattformen wie craisglist oder homeaway auf die Plattform gezogen haben. So bekommt man das nötige Backbone, so kann man auch Partnerschaften mit anderen Touristikern schließen.

    Nach einem Jahr sollte hier viel mehr Traction sein. Da ist Getyourguide einiges weiter in puncto Markt- und Businessverständnis.

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