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Reformvorschläge fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen im Internet-Zeitalter

Aus dem
t3n Magazin Nr. 31

03/2013 - 05/2013

Die neue Haushaltsabgabe befeuert eine brisante Debatte: Wie kann man die Abgabe an die öffentlich-rechtlichen Sender rechtfertigen? Oder anders gefragt: Was müssen diese on- und offline bieten, um einen zeitgemäßen, öffentlich-rechtlichen Journalismus zu gewährleisten?

Reformvorschläge fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen im Internet-Zeitalter

Ein durch die Gebühren aller Haushalte finanzierter Journalismus ist eine zivilisatorische Errungenschaft, für die demokratisch gesinnte Bürger jeden Tag dankbar sein sollten. 17,89 Euro pro Monat, sieben Milliarden Euro im Jahr – das ist viel Geld, mit dem sich eine unabhängige, umfassende und ausgewogene Grundversorgung an Informationen wunderbar organisieren lassen sollte. Theoretisch. Denn so gut die Idee auch ist, so schlecht ist ihre derzeitige Umsetzung. Vor allem das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird seiner Aufgabe immer weniger gerecht. Die Zuschauer des ZDF sind im Schnitt 63 Jahre alt. 2012 erreichte die ARD bei der Fernsehgeneration unter 50 einen Marktanteil von 7 Prozent, das ZDF kam auf nur 6,8 Prozent. Das ist mehr als im Jahr zuvor und in ihren Spartensendern experimentieren die gebührenfinanzierten Sender mit neuen Leuten und Formaten. Doch das reicht nicht aus – weder programmatisch noch technisch. Warum quält die ARD Menschen unter 60 mit der x-ten Rosamunde-Pilcher-Schmonzette, statt die Massen mit dem Besten zu versorgen, was es an TV-Unterhaltung derzeit gibt: US-Serien wie Sopranos, The Wire, Game of Thrones, Breaking Bad und Boardwalk Empire stellen alles in den Schatten, was die Tatorts dieser Republik je gezeigt haben – sind aber allenfalls bei den Privaten zu sehen. Wieso muss das ZDF 54 Millionen Euro für die Rechte an der Fußball Champions League verpulvern, wenn die Spiele ohnehin bei SAT.1 im frei empfangbaren Fernsehen gelaufen wären?

Der neue Rundfunkbeitrag: Idee gut, Umsetzung mangelhaft

Den neuen Rundfunkbeitrag muss jeder Haushalt zahlen. Das ist im Prinzip okay, nur müssen dann auch die Angebote im Internet diese Abgabe rechtfertigen. Und das tun sie derzeit nicht. Denn Menschen unter 40 sind mittlerweile daran gewöhnt, sich ihr Programm autonom zusammenzustellen. Sie wollen fernsehen, wann sie es wollen – und nicht dann, wenn Programmplaner denken, dass sie es wollen. Das geht mit den Angeboten privater Sender mitunter einfacher als bei den öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF: RTL kann man wenigstens bezahlen, um eine alte Folge Dschungel-Camp zu sehen. Die öffentlich-rechtlichen ARD und ZDF hat man zwar bereits bezahlt, doch Sendungen, die älter als sieben Tage sind, suche ich – als legales Angebot – meist vergebens im Netz. Jugendfernsehen ist ohnehin fast komplett zu YouTube abgewandert.

Sechs Reform-Vorschläge

Mit der jetzt eingeführten Haushaltsabgabe verstärkt sich die Legitimationskrise von ARD und ZDF noch, weil die Sender mehr Geld bekommen, aber ihre Leistung nicht mehr stimmt. Um die Idee eines öffentlich finanzierten Journalismus zu erhalten und mit neuem Leben zu erfüllen, braucht es grundlegender Reformen. Der Rundfunkstaatsvertrag, der regelt, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk funktioniert, ist ein zusammengeflicktes Werk. Auch durch die mächtige Lobby der privaten Medienkonzerne sind den gebührenfinanzierten Programmen absurde Vorschriften auferlegt worden. Der Rundfunkstaatsvertrag bedarf der Reform. Leider ist die Lobby für diese Transformation bisher kaum vorhanden. Sechs Forderungen könnte sich eine solche Bewegung auf die Fahnen schreiben:

1. Die Politik muss raus aus den Anstalten

Staatssekretäre und Ministerpräsidenten dürfen nicht de facto Intendanten, Programmdirektoren und Chefredakteure bestimmen. Das hat die Kultur in den Führungsetagen der Anstalten ruiniert. Der programmatische Kompass wird zu oft davon bestimmt, wie die verantwortlichen Politiker das Programm wohl finden. Rechtfertigung gegenüber dem Gebührenzahler? Inhaltliche Überzeugungen? Das ist zu selten der Maßstab. Deswegen sollten die Gebührenzahler die Rundfunkräte und den ZDF-Fernsehrat, vielleicht sogar die Intendanten wählen.

2. Freie Bahn im Internet

Zu den größten Absurditäten des deutschen Mediensystems gehört, dass aufwändig und im Geiste der Grundversorgung mit Gebühren-Euros finanzierte Beiträge nur sieben Tage im Netz stehen dürfen und dann „depubliziert”, also aus dem Netz genommen werden. Diese extrem aufwändige Informationsvernichtung wird auch nicht besser, weil die BBC etwas ähnliches macht.

Was mit Gebühren bezahlt wird, gehört ins Internet. Komplett und für immer. Denn so sehr die Verantwortlichen auch auf ihr lineares Programm starren – es wird in Zukunft eine Nebenrolle spielen. Die Menschen werden sich ihr Programm selbst zusammenstellen. Wenn das aber nicht geht, weil die Inhalte offline sind, verliert das System weiter an Legitimation.

3. Inhalte als OpenData

Gebührenfinanzierte Filme, Radiobeiträge und Manuskripte müssen automatisiert, komplett und maschinenlesbar nach dem OpenData-Prinzip im Netz stehen. Ganz wichtig: Diese Inhalte dürfen dann auch für kommerzielle Zwecke weiter verwendet werden.

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5 Antworten
  1. von Xfear am 17.05.2013 (09:39 Uhr)

    Schöner Kommentar mit richtigen Ansätzen, fraglich aber, ob das die "Fernseh-Lobby" mit sich machen lässt.

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  2. von Dirk Rottig am 17.05.2013 (09:53 Uhr)

    Ich stimme dem weitgehend zu. Jedoch brauche ich kein weiteres RTL, RTL2 Format.
    Schwerpunkt muss die Bereitstellung von Informationen sein (wie Wiso, Frontal21, Aspekte etc). Auch verstehe ich nicht, dass von unseren Gebühren enorme Gewinne bis in sechsstellige Bereiche umgesetzt werden. Das kann ich ebenso mit Lotto versuchen. Unterhaltung ist auch mit weniger möglich. Beispielhaft war hier immer "Wetten das" und "Verstehen Sie Spaß".

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  3. von protoSTERN am 17.05.2013 (09:58 Uhr)

    Als Autor der scheinbar für öffentliche Rundfunkanstalten arbeitet sollte Herr Banse eigentlich mehr Hintergrundwissen mitbringen.

    Die 7-Tage-Regelung, Ärger um zuviel Text-Anteile in den Apps usw. liegt ja nicht am öffentlichen Rundfunk, sondern am Lobbyismus der privaten Konkurrenz. Die Öffentlichen würden ja gerne viel mehr, aber sie dürfen nicht.

    Inhaltlich stimme ich dem Artikel jedoch voll und ganz zu.

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  4. von Christian am 17.05.2013 (10:13 Uhr)

    Ich bin gegen die monatliche Gebühr von 17,89 Euro. Mir wäre es lieber das ich auch nur für das bezahle was ich auch tatsächlich gucke. Ähnlich den Angeboten von Google, Microsoft usw. bei denen man einzelne Filme und Serien kaufen bzw. ausleihen kann. Monatliche Abogebühren für z.B. Nachrichten wären auch eine Idee.

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  5. von Thomas Groh am 17.05.2013 (12:35 Uhr)

    Ich bin für gebührenfinanzierten Rundfunk und für eine Präsenz des ÖR im Netz. Heute ist eh alles Internetz und damit ist auch die künstliche Trennung von Mediensphären völlig hinfällig.

    Dennoch halte ich den ÖR für enorm reformbedürftig. Viele sehr vernünftige Punkte wurden hier bereits angesprochen, die ich auch als Kritikpunkt und Forderung teile.

    An ein paar Stellen möchte ich aber doch einhaken:

    Nicht ganz teilen kann ich die Kritik, was die Verfügbarhaltung von Medieninhalten im Netz betrifft. Zum einen ist es keineswegs so, dass wirklich alles nach 7 Tagen vom Netz genommen wird. Zahreiche Sendereihen liegen auf Monate komplett in den Mediatheken vor oder zumindest lange genug, um sie nicht unbedingt zeitnah zum Ausstrahlungstermin sehen zu müssen. Länger wäre hier aber, selbstverständlich, immer besser. Zum anderen liegt das, in den Fällen, in denen dies geschieht, nicht daran, dass die Sender ihr lineares Programm für besonders schützenswert halten, sondern weil Verlage diese Regelung per Lobbyarbeit durchgesetzt haben. Der Adressat dieses Kritikpunkts wäre demnach also nicht der ÖR, sondern Politik und Privatunternehmer.

    Auch die Forderung, dass die Onlineinhalte quasi im Sinne einer Anything-goes-Commons-Lizenz angeboten werden, ist rechtlich einfach auch insofern heikel (und meiner Ansicht nach auch ein klein wenig blauäugig), da audiovisuelle Inhalte ihrem Wesen nach immer aus anderen Inhalten zusammengesetzt sind. Somit müsste jeder einzelne Rechteinhaber verwendeter Materialien sein OK geben, dass sein Werk im Zuge einer Onlineverwertung durch den ÖR automatisch quasi-gemeinfrei wird. Zum einen könnten zB Komponisten von Filmmusik dies gar nicht, wenn sie gleichzeitig Mitglied bei der GEMA sind. Und es macht die Verwendung von bereits bestehenden Songs äußerst schwierig bis unmöglich.

    Sprich: Ohne fundamentale, absolut wünschenswerte, sich derzeit aber ärgerlicherweise nirgends abzeichnende Veränderung des Urheberrechts wäre diese Forderung wohl nur zu dem Preis durchzusetzen, dass in Zukunft keine Musik mehr lizenziert wird, zahlreiche Komponisten mehr oder weniger ihren Job verlieren und stattdessen nur noch auf Creative-Commons-Musik gesetzt wird (letzteres fände ich nicht falsch, die ersteren beiden Aspekte halte ich allerdings für eine völlig unzulässige Einschränkung von Gestaltungsmöglichkeiten).

    Dennoch halte ich diese Forderung nicht für völlig falsch. Sie müsste nur eingebettet sein in eine größere Kampagne.

    Was wohl jetzt schon durchsetzbar wäre, meines Wissens aber nur von arte so umgesetzt wird: Inhalte sollten embeddable sein. Gerade auch, weil der ÖR eben nicht nur den Auftrag hat, zu informieren, sondern auch, zur Sicherung seines eigenen Legitimitätsanspruchs, populär zu sein, ist es doch sehr abwegig, dass gerade diese Schnittstelle in die Ökosphäre von Blogs und Social Media nicht angeboten wird.

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