Das könnte dich auch interessieren

Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

t3n 37

Vielfalt zahlt sich aus: Warum die Tech-Branche sich dringend um mehr Frauen bemühen muss

    Vielfalt zahlt sich aus: Warum die Tech-Branche sich dringend um mehr Frauen bemühen muss

Woman in Tech. (Foto: flammenhannes / Photocas)

Dank zahlreicher Initiativen und prominenter Fürsprecher tönt die Forderung nach mehr „Women in Tech“ immer lauter durch die digitalen Breitengrade. Zuweilen drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die engagierten Frauen weitgehend unter sich sind. Das ist nicht nur schade, sondern dumm: Denn wer das Thema Gender Equality ignoriert, handelt verantwortungslos – aus unternehmerischer Sicht.

Das Geschlechterverhältnis in der Technologiebranche ist bekanntermaßen alles andere als ausgeglichen. Nur 14 Prozent der Angestellten in deutschen IT- und Telekommunikationsunternehmen sind weiblich, und auch jenseits der Landesgrenzen ist das Bild nicht anders: Bei Google, Facebook und Twitter etwa sind rund 30 Prozent der Angestellten Frauen – zieht man die nichttechnischen Jobs ab, sinkt der Anteil noch einmal um fast die Hälfte.

Die Tatsache an sich mag nicht für jeden von uns ein Problem darstellen. Was ist schlecht am Status quo, möchte man fragen – soziale Motive und Gutmenschentum einmal beiseite? Doch wer auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis pfeift, setzt einiges aufs Spiel: Einnahmen, Innovation, Talent, Image – und letztlich die Zukunft seines Unternehmens.

„Hübsch und leicht zu verstehen“: Design an der Zielgruppe vorbei

Die Unternehmensberatung McKinsey konstatierte schon 2007, dass in der weiblichen Zielgruppe eine enorme, in vielen Branchen unterschätzte Kaufkraft schlummere. Dies gelte umso mehr, als Frauen auch auf die gemeinsamen Kaufentscheidungen in Partnerschaft und Familie entscheidenden Einfluss ausübten. Der Technologiesektor bildet hier keine Ausnahme. Kombiniert mit der Losung „Kenne deine Zielgruppe“, dem Evergreen unter den Marketing-Mantras, ergibt das eigentlich eine klare Richtungsvorgabe. Und doch werden, gerade in der Tech-Branche, die Konzeption, Entwicklung und Gestaltung neuer Produkte mehrheitlich von Männern vorgenommen.

In der Vergangenheit hat dies zu Produkten wie dem Smartphone „Palm Pre“ geführt, das den weiblichen Bedürfnissen mit einem eingebauten Handspiegel auf der Rückseite Rechnung tragen wollte. Zu einer Tastatur mit extrabreiten Tastenabständen – bequemer für die langen Fingernägel einer Frau –, oder zu Ladegeräten, die sich farblich in das Repertoire der Küchengeräte einpassen.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Erst 2013 erschien das ePad Femme, das „erste Tablet nur für Frauen“, das durch seine pinke Farbe ebenso wie durch die vorinstallierten Yoga-, Shopping- und Rezept-Apps zu punkten versuchte. Selbstbewusst vom Hersteller beworben, reagierte die anvisierte Zielgruppe in weiten Teilen irritiert bis beleidigt auf das Gadget. Manchmal ist gut gemeint eben das Gegenteil von gut.

Gut gemeintes Design für die Frau: Das 2013 vorgestellte ePad Femme versuchte, mit vorinstallierten Shopping-, Koch- und Fitness-Apps zu überzeugen.
Gut gemeintes Design für die Frau: Das 2013 vorgestellte ePad Femme versuchte, mit vorinstallierten Shopping-, Koch- und Fitness-Apps zu überzeugen.

Das soll nicht heißen, dass die speziellen Funktionen dieser Geräte von niemandem als hilfreich empfunden wurden. Und auch die Vermutung, dass sie samt und sonders durch rein männliche, ignorant-paternalistisch denkende Entwicklerteams ins Leben gerufen wurden, wäre ein Vorurteil. Denn auch wenn die Gender-Thematik dazu verführt: In beide Richtungen sollte man sich davor hüten, zu pauschalisieren.

Warum Vielfalt Innovation begünstigt

Und genau hier liegt das Argument für Gender Equality begründet: Wer in Stereotypen denkt, erschafft Produkte für limitierte Zielgruppen - das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Vielleicht schätzen ja auch Männer Ladegeräte von unaufdringlichem Design? Und vielleicht wünschen sich Männer wie Frauen gleichermaßen, dass ihre elektronischen Gebrauchsgegenstände im Alltag intuitiv und einfach zu bedienen sind? Die Firma Apple hat das verstanden und einen unglaublichen Markterfolg erzielt, ohne sich jemals speziell an das eine oder das andere Geschlecht zu richten.

Investoren überzeugt: Ida Tin, CEO von Clue, hat bereits über eine halbe Million Euro für ihren Fruchtbarkeits-Tracker eingesammelt. (Foto: Clue)
Investoren überzeugt: Ida Tin, CEO von Clue, hat bereits über eine halbe Million Euro für ihren Fruchtbarkeits-Tracker eingesammelt. (Foto: Clue)

Die Differenzierung, die für intelligentes Produktdesign notwendig ist, gelingt in heterogenen Teams besser: Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Ansprüche fließen von Beginn an unmittelbar in den Entwicklungsprozess ein. Dass das Innovationspotenzial in gemischten Teams steigt, hat die London Business School in einer Studie nachgewiesen: Dieses hängt im Wesentlichen davon ab, ob die Teammitglieder sich in der Gruppe wohlfühlen, wie risiko- und experimentierfreudig sie sind und wie effizient sie arbeiten. Alle drei Faktoren waren in Teams mit einem Geschlechterverhältnis von je 50 Prozent Frauen und Männern am ehesten gegeben.

Woman in Tech: Produkte, an die kein Mann je gedacht hätte

Über Design und Usability hinaus stoßen Frauen die Entwicklung ganz neuer Software und Apps an, die ihren Alltag erleichtern. So etwa im Falle der Wahl-Berlinerin Ida Tin: Sie hat mit „Clue“ eine Fruchtbarkeits-App entwickelt, mit der die Nutzerinnen ihren Zyklus beobachten, Stimmungsschwankungen erklären und ihre fruchtbaren Tage im Monat bestimmen können. Für Tin steht das Beobachten des eigenen Körpers in einer uralten Tradition. Das zeige auch die aktuelle Popularität des Quantified-Self-Movements, erklärt sie. Viele Frauen, mit denen sie gesprochen hat, fühlen sich aber durch das Leistungs- und Wettkampfelement in den meisten Quantified-Self-Apps nicht angesprochen. Bei Clue geht es darum, den eigenen Körper besser zu verstehen und dadurch mehr Wohlbefinden zu erlangen.

Auch wenn Ida Tin es als Herausforderung beschreibt, überwiegend männlich besetzten Investorenboards begreifbar zu machen, worin der Nutzwert ihrer App liegt, hat sie bereits mehrere Geldgeber von ihrer Geschäftsidee überzeugt. Bei Frauen kommt der in klarem, erwachsenen Design gehaltene Alltagshelfer ohnehin gut an: 180 Länder umfasst der Kreis der Nutzerinnen mittlerweile – Marktpotenziale, die Ida Tin mit Clue ganz neu eröffnet hat.

Links und Literatur

  1. BITKOM-Umfrage, März 2014
  2. Infografik von Statista, Juli 2014
  3. McKinsey-Studie „Women Matter“, 2007
  4. Beispiele in New York Times
  5. Studie „Innovative Potential: Men and Women…
  6. Fruchtbarkeits-App Clue
  7. Danah Boyd bei Quartz.com
  8. Infos des Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V.
  9. Vortrag von Kellan Elliot-McCrea bei YouTube
  10. Accenture-Studie „Vive la différence“, 2010

Finde einen Job, den du liebst

1 Reaktionen
Insomnia88
Insomnia88

"Wir alle sollten uns mit dem Thema Gender Equality auseinanderzusetzen"

Wohl eher, wir sollten den HR bzw. den für eine Einstellung verantwortliche Personen das Thema näher bringen. Ich als einfacher Entwickler habe da garnix zu sagen, da kann ich auch 'n "gender equality guru" sein. Das übliche Problem :P

Antworten

Melde dich mit deinem t3n-Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Abbrechen