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Hacker ins Business: Wie Unternehmen von mehr Hacker-Kultur profitieren

Aus dem
t3n Magazin Nr. 36

06/2014 - 08/2014

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Kreativität, unkonventionelle Strategien und technische Brillanz: Keine Frage, die Qualitäten eines Hackers sind attraktiv für Unternehmen. Damit die Zusammenarbeit gelingt, müssen sich allerdings beide Seiten ein Stück weit auf ihr Gegenüber einlassen. Bei Facebook, Betterplace oder EyeEm trägt die Hacker-Kultur schon längst zur unternehmerischen Wertschöpfung bei. Wir zeigen, was diese und weitere Unternehmen anders machen – und welche Vorteile ihr „Herz für Hacker“ ihnen bringt.

Hacker ins Business: Wie Unternehmen von mehr Hacker-Kultur profitieren
Hacker ins Business. (Foto: Peter Cottle)

Etwa 25 junge Menschen haben sich in dem Berliner Coworking-Büro versammelt. An diesem Samstagnachmittag findet hier der „Mini Game Jam“ statt: Acht Stunden lang wollen die Teilnehmer, unter ihnen Programmierer, Designer und Entwickler-Neulinge, gemeinsam an kreativen Software-Projekten arbeiten. Was die hier Anwesenden eint, ist der Spaß am Neuen: Sie wollen Programmiersprachen, Plattformen und Codeabfolgen ausprobieren und bekannte Komponenten neu kombinieren. Der Berliner Mini Game Jam ist ein auf Gaming spezialisierter Hackathon: Das Kofferwort aus „Hack“ und „Marathon“ bezeichnet Events, die sich durchaus bis in die Nacht ziehen können und bei denen die Teilnehmer durch kreative technische Spielereien neue Lösungsansätze erarbeiten.

Hackathons sind die neuen Recruiting-Messen

Nachdem das Oberthema feststeht, finden sich die Hacker – und ja, auch Hackerinnen – zu Gruppen zusammen und legen direkt los. Mittendrin im geschäftigen Durcheinander steht Martin Rosellen. Er ist ebenfalls Informatiker, aber nicht zum Hacken erschienen: Rosellen befindet sich mit einem Startup in der Gründungsphase und sucht einen Entwickler.

Beim Game Jam hofft er, einen Mitarbeiter zu finden, dem Spiele nicht fremd sind und der idealerweise auch Design-Erfahrung hat. Ein anspruchsvolles Profil. Aber wo nach so jemandem suchen, wenn nicht bei einem Hackathon wie dem Game Jam? Mit dieser Überlegung ist Rosellen keinesfalls allein: Immer mehr Firmen haben das Veranstaltungsformat in den letzten Jahren als Recruiting-Maßnahme für sich entdeckt. Hier können sie mögliche Kandidaten beim Lösen von Problemen und bei der Arbeit im Team beobachten und zugleich ihre technischen Fertigkeiten auf den Prüfstand stellen.

Auch Rosellen weiß die Vorteile des Hackathons für das Recruiting zu schätzen. Hier lernt er einen ganzen Schwung möglicher Kandidaten auf einmal kennen, kann sie direkt ansprechen und ihnen beim Arbeiten sogar über die Schulter schauen. „Etwas, das eine Jobmesse nicht leisten kann“, so Rosellen.

Wer den Spieltrieb fördert, begünstigt Innovation

Die gemeinnützige Spendenplattform Betterplace geht noch einen Schritt weiter. Sie hat einen eigenen Hackathon organisiert – und zwar nicht nur zu Recruiting-Zwecken. Für Initiator Gregory Igelmund bieten Hackathons eine Möglichkeit, auf das Know-how talentierter Coder zuzugreifen, ohne sich finanziell zu übernehmen – gerade für gemeinnützige Organisationen wie Betterplace sei dies besonders wertvoll. Betterplace entwickelte eine API, mit deren Hilfe die Betterplace-Projekte auch in andere Kontexte im Netz eingebunden werden können. Dann lud die Organisation im Rahmen eines Hackathons dazu ein, „daraus etwas Cooles zu machen“.

Schulterblick: Hackathons wie der Berliner Game Jam bieten Firmen die Gelegenheit, potenzielle Mitarbeiter zu beobachten.
Schulterblick: Hackathons wie der Berliner Game Jam bieten Firmen die Gelegenheit, potenzielle Mitarbeiter zu beobachten.

Es entstanden mehrere Projekte wie etwa eine Mini-App, bei der Leute Herausforderungen einstellen und an Spenden koppeln können. „Nach dem Motto: Wenn Leute 50 Euro spenden, komme ich im Kleid zur Vorlesung“, erklärt Igelmund. Solche Ideen können durchaus funktionieren, wären ohne das kreative Chaos eines Hackathons aber wohl kaum entstanden. Auch an einer Facebook-Integration wurde gearbeitet: „Das können wir als Entwickler nicht leisten, auch weil wir es nicht dauerhaft warten können“, sagt Igelmund. Mit dem Hackathon habe Betterplace Menschen an sich und die eigene Plattform gebunden. „Und die wiederum geben uns Feedback, was die API leisten muss, oder was nicht funktioniert.“

Hackathons machen Spaß und setzen kreative Energie frei. Auf diese Weise werden Ideen Realität, die im Arbeitsalltag untergegangen wären, glaubt etwa Betterplace-Entwickler Igelmund. (Foto: Wikimedia Tel Aviv)
Hackathons machen Spaß und setzen kreative Energie frei. Auf diese Weise werden Ideen Realität, die im Arbeitsalltag untergegangen wären, glaubt etwa Betterplace-Entwickler Igelmund. (Foto: Wikimedia Tel Aviv)

Microsoft: Mit jedem Hack ein bisschen attraktiver

Auch der Software-Riese Microsoft sucht den Kontakt zur Entwicklerszene mittlerweile über Hackathons. Dabei geht es aber nicht um Recruiting oder darum, Fehler in den eigenen Produkten aufzudecken. Sondern darum, die Verbindungen zu Microsoft-Entwicklern zu halten und zu stärken: „Für uns ist das Teil des Supports“, erklärt Nico Wilhelm, Audience Marketing Manager bei Microsoft Deutschland. Man wolle Entwicklern, die an Windows interessiert sind, einen Austausch ermöglichen und sie mit Experten – nicht nur aus dem eigenen Hause – zusammenbringen, damit sie ihr Wissen ausbauen können.

Uneigennützig ist die Microsoft-Veranstaltung trotzdem nicht. Denn auch das Unternehmen selbst profitiert natürlich von den Ergebnissen der Hackathons: Etwa 25 bis 50 Prozent der Anwendungen, die bei einem Hackathon entstehen, seien am Ende präsentationsfähig, schätzt Wilhelms Kollege Daniel Meixner, der als Evangelist Programmierer für die Microsoft-Plattform begeistern soll. Und auch wenn letztlich nur ein kleiner Teil davon tatsächlich auf den Markt kommt: Jede innovative App, die beispielsweise für das Windows Phone erscheint, macht schließlich auch das Betriebssystem attraktiver. Und gerade auf diesem Feld kämpft Microsoft bekanntlich gegen etablierte Gegner. Daher bringt das Unternehmen manchmal auch Designer zu den Veranstaltungen mit oder hilft bei der Vermarktung – Dinge, die für den Erfolg einer Software ebenfalls wichtig sind.

Neben Microsoft ist vor allem Facebook bekannt für seine Hackathons. Laut Pedram Keyani, ihrem Initiator, dürfen sich die Facebook-Mitarbeiter während etwa sechswöchentlich stattfindenden Hackathons nicht mit einem konkreten Arbeitsprojekt beschäftigen, sondern sollen eigene, neue Ideen austüfteln. Für Keyani sind Hackathons genau das: ein geschützter Raum, in dem man etablierte Methoden hinterfragen und Ideen, für die sonst keine Zeit bleibt, in Ruhe entwickeln kann. Wer sich aus dem Tunnel des Tagesgeschäfts befreit, bekommt einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Zudem sorgt die Zusammenarbeit von Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen für zusätzliche Impulse. Pro Hackathon kommen laut Keyani etwa vier bis fünf Ergebnisse zustande, die in irgendeiner Form auf Facebook.com implementiert werden.

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