Vorheriger Artikel Nächster Artikel

Google-Sprecher Stefan Keuchel im Gespräch: „Twitter ist ein hervorragendes Instrument“

Aus dem
t3n Magazin Nr. 27

03/2012 - 05/2012

Google-Sprecher Stefan Keuchel im Gespräch: „Twitter ist ein hervorragendes Instrument“

t3n Magazin: Wie sieht Ihre Arbeit als Google-Pressesprecher aus?

Stefan Keuchel: Meine Aufgaben sind ganz klassisch: Zum einen geht es um die Dinge, die wir aktiv selbst kommunizieren wollen. Dazu gehören beispielsweise Produktlaunches und neue Features. Zum anderen geht es um Anfragen von Journalisten und Bloggern, die wir beantworten. Vielleicht ist es ganz interessant, dass ich nicht der Social-Media-Manager von Google Deutschland bin. Wir haben noch keine einzelne Stelle dafür. Social Media ist ein Teil meines Aufgabenfeldes.

t3n Magazin: Sind die Google-Mitarbeiter verpflichtet, Social Media zu nutzen?

Stefan Keuchel: Nein, und aus meiner Sicht kann man das auch gar nicht verordnen. Oder sagen wir einmal so: Man kann es natürlich schon verordnen, aber es ist besser, wenn man es die Leute machen lässt, die sowieso Spaß daran haben. Und das ist bei mir definitiv der Fall.

t3n Magazin: Gibt es Social-Media-Guidelines bei Google? Können Sie sich also auf einen Leitfaden berufen?

Stefan Keuchel: Ja, solche Guidelines gibt es natürlich. Ich bin allerdings auch schon so lange im Unternehmen, dass ich weiß, worüber ich sprechen darf und worüber nicht. Beispielsweise machen wir keine Produktvorankündigungen und wir reden generell nicht schlecht über Mitbewerber. Das sind ein paar Grundregeln, die eigentlich jeder hier im Unternehmen kennt.

t3n Magazin: Gibt es ein zentrales Social-Media-Monitoring?

Stefan Keuchel: Wir haben einen Clipping-Service, aber das Social-Media-Monitoring organisieren wir individuell. Klar ist, dass das immer bedeutender wird.

t3n Magazin: Wie hat sich die Rolle von Social Media dabei in den letzten Jahren entwickelt? Wie hat es angefangen?

Stefan Keuchel: Bei mir hat sich das aus einer persönlichen Passion für das Thema Twitter entwickelt. Natürlich folgen mir die Leute dort nicht, weil ich Stefan Keuchel bin, sondern weil ich der PR-Mann von Google bin. Deshalb hatte ich relativ schnell relativ viele Follower bei Twitter.

t3n Magazin: Wie war das, als Sie auf Twitter gestoßen sind? Waren Sie sofort begeistert?

Stefan Keuchel: Ich kann es ja verraten: Als ich mir Twitter das erste Mal angeschaut hatte, habe ich den Sinn darin nicht sofort erkannt und dachte mir, dass das ein Dienst ist, den ich nicht brauche. Das geht ja vielen so: Der wirkliche Wert von Twitter erschließt sich nicht jedem sofort.

t3n Magazin: Das hat sich ja offensichtlich gewandelt, denn als @frischkopp sind Sie ein Twitter-Intensivnutzer. Wie kam es dazu?

Stefan Keuchel: Ich habe etwa ein Dreivierteljahr später wieder reingeschaut, denn in meinem Umfeld sprachen viele darüber. Und dann habe ich es plötzlich erkannt: Es geht eben nicht in der Hauptsache darum, was irgendjemand zum Mittagessen hatte. Es ist stattdessen ein phantastisches Tool, um in kurzen Worten über aktuelle, spannende Dinge zu informieren und informiert zu werden. Hinzu kam, dass viele der Journalisten inzwischen auf Twitter waren, mit denen ich zu tun habe. Twitter ist für mich ein Tool, mit dem man sehr schnell und gezielt Informationen verbreiten kann, und bei Google haben wir ja fast täglich etwas Neues zu berichten. Das ist ein wirklich großartiges Instrument, ein toller Kommunikationskanal. Man muss sich da nur einmal den offiziellen Google-Account anschauen: Der hat über 4 Millionen Follower. Mit einer Nachricht kann man also diese Nutzer erreichen und die Retweets kommen noch hinzu. Schaut man sich alle Twitter-Kanäle an, die zu Google gehören, ergibt das eine stattliche Reichweite. Und über Twitter kann man nicht zuletzt interessierte Nutzern erreichen, die uns tolles Feedback geben.

t3n Magazin: Auf Twitter waren Sie ein Vorreiter. Wie wurde das intern aufgenommen?

Stefan Keuchel: Ich könnte mir denken, dass meine Kollegen das am Anfang durchaus skeptisch beäugt haben und sich gefragt haben: Warum verbringt der so viel Zeit in solchen Kanälen? Durch ein Vorkommnis wurde dann aber sehr schnell klarer, wozu es gut ist: Das war an dem Tag, als Google Mail einmal nicht funktionierte. An dem Wochenende saß ich beim Frisör und bekam das per Twitter mit. Ich habe tatsächlich direkt aus dem Frisörstuhl darauf reagieren können. Ich habe geschrieben, dass wir bei Google über das Problem Bescheid wissen und daran gearbeitet wird. Das Feedback der Nutzer darauf war sehr positiv. Die Leute wussten in dem Moment, dass das Problem bereits bekannt ist und sich jemand kümmert. Das ist ein Beispiel, warum Twitter eine so großartige Kommunikationsplattform ist: Man kann über Twitter die Leute schnell informieren. So hat es sich entwickelt, dass ich nach und nach immer mehr Zeit in solchen Kanälen verbracht habe – ob das nun Twitter ist oder jetzt logischerweise auch Google+.

t3n Magazin: Welche Social-Media-Kanäle nutzt Google außerdem?

Stefan Keuchel: Wir setzen sehr stark auf Blogs: Es gibt über 190 Blogs von Google. Das verknüpfen wir natürlich wiederum und weisen via Twitter auf einen Blogpost hin. Es gibt über 170 Twitter Accounts von Google. Und natürlich nutzen wir auch Facebook und YouTube.

t3n Magazin: Und wie ist das bei Ihnen persönlich?

Stefan Keuchel: Ich nutze hauptsächlich Twitter, Google+ und die firmeneigenen Blogs.

t3n Magazin: Haben Sie nicht Lust auf ein eigenes Blog?

Stefan Keuchel: Lust hätte ich schon, aber für ein eigenes Blog fehlt mir die Zeit – jedenfalls um richtig gut zu bloggen.

t3n Magazin: Könnten Sie sich eine Video-Kolumne vorstellen wie bei Matt Cutts, dem Chef des Google-Spam-Teams?

Stefan Keuchel: Also wenn ich mal sehr viel mehr Zeit hätte oder der Tag mehr Stunden bekommt, dann würde ich das vielleicht machen. Nein, im Ernst: Das ist zeitlich leider nicht drin.

t3n Magazin: Apropos Zeit: Sie müssen doch wahrscheinlich rund um die Uhr Social Media im Blick behalten? Oder welche Grenzen ziehen Sie da?

Stefan Keuchel: Ja, es ist schon so: Der Tag hört tatsächlich nicht einfach abends um sechs auf. Die Leute sprechen ja weiter über die Produkte und Entwicklungen von Google. Ich werfe auch abends einen Blick auf die Kanäle – mal mehr, mal weniger. Neben meinem Job lege ich aber auch viel Wert darauf, Zeit mit Freunden zu verbringen. Ich habe das große Glück, einen tollen Freundeskreis zu haben. Man sollte nicht vergessen, dass das „echte Leben“ das Wichtigste ist. Freunde treffen, Konzerte besuchen, zum Fußball gehen – das sind alles Dinge, die einen hohen Stellenwert für mich haben. Ich bin ja nicht zuletzt Familienvater und wenn ich nach Hause komme, dann beansprucht mich natürlich meine kleine Tochter. Das ist mir sehr wichtig. Das sollte man bei allem Interesse für Social Media nicht vergessen.

t3n Magazin: Wie oft kommt es vor, dass Sie etwas nicht posten, weil es doch zu privat ist oder vielleicht nicht politisch korrekt?

Stefan Keuchel: Das passiert relativ regelmäßig. Ich denke, dass es allen in einer ähnlichen Position so geht. Es ist noch kein Meister vom Social-Media-Himmel gefallen: Man probiert aus und sammelt Erfahrungen. Bei Dingen aus meinem Privatleben bin ich mit der Zeit tatsächlich vorsichtiger geworden. Private Bilder würde ich in öffentlichen Kanälen beispielsweise nicht posten, dafür gibt es andere Möglichkeiten.

t3n Magazin: Wie gehen Sie damit um, dass Sie sowohl als Privatmensch als auch als Pressesprecher auf demselben Kanal auftreten?

Stefan Keuchel: Ich merke immer wieder, dass es für manche Menschen schwer zu trennen ist, was von mir persönlich kommt und was offiziell von Google ist. Wenn ich zum Beispiel etwas zu der Diskussion rund um den Bundespräsidenten schreibe, dann setzen manche mich mit Google gleich. An der Stelle muss ich natürlich sehr aufpassen. Ein anderes Beispiel sind Kommentare zu unseren Mitbewerbern. Da kann es logischerweise problematisch werden, wenn ich etwas sage und die Leute denken, dass Google das sagt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Leute diese Trennlinie nicht sehen. Darum bin ich vorsichtiger geworden.

t3n Magazin: Ein anderer Zwiespalt: Als Pressesprecher vertritt man die Position des Unternehmens, aber Sie sind ja auch eine Privatperson mit eigener Meinung. Wie gehen Sie damit um?

Stefan Keuchel: In der Regel stimmt meine private Meinung mit der Meinung von Google überein. In seltenen Fällen ist es aber schon vorgekommen, dass ich zumindest angedeutet habe, dass ich persönlich eventuell einen anderen Standpunkt vertrete oder etwas kritisch sehe. Doch letztlich gilt für mich: Mein Job ist mein Job ist mein Job. Die Meinung von Google steht vorn, meine persönliche Meinung spielt keine oder eine untergeordnete Rolle.

t3n Magazin: Manche Themen wie die Frage der Privatsphäre führen schnell zu hitzigen Diskussionen. Gibt es Dinge, auf die Sie nicht mehr reagieren?

Stefan Keuchel: Die Grenze ist für mich erreicht, wenn es um persönliche Beleidigungen geht. Ich gebe zu: Da reagiere ich gegebenfalls auch ein bisschen empfindlich. Und wenn ich auf Leute treffe, die sich nicht an grundlegende Benimmregeln halten, die in meinen Augen ganz selbstverständlich sind, dann blocke ich die notfalls auch. Ich hasse es, jemanden zu blocken. Aber Leute, die beleidigend werden, akzeptiere ich dann nicht mehr. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass unter offensichtlich privaten Postings nach dienstlichen Dingen gefragt wird. Beispielsweise weiß jeder, dass ich Fußballfan bin. Und natürlich gibt es am Wochenende von mir oft etwas zum HSV zu lesen. Und dann gibt es Leute, die sagen: Das ist doch alles nicht so wichtig, kümmer dich lieber darum, dass es Feature XY bei Google gibt. Da versuche ich dann freundlich klar zu machen, dass das jetzt vielleicht die falsche Stelle ist, um das zu diskutieren und wir darauf gern an anderer Stelle zurückkommen können.

t3n Magazin: Wie hat sich allgemein gesprochen Social Media auf Ihr Berufsfeld ausgewirkt? Welche Rolle hat das Social Web inzwischen eingenommen?

Stefan Keuchel: Ich bin nun über 20 Jahre im PR-Bereich unterwegs. Und ich habe in dieser Zeit noch nichts erlebt, was einen dermaßen intensiven Einfluss gehabt hat wie der Bereich Social Media. Das hat die PR-Welt zwar nicht auf den Kopf gestellt, aber es hat einen erheblichen Einfluss auf die Arbeit. Kein PR-Schaffender kommt mehr ohne das Thema Internet aus. Die Zielgruppen, die wir erreichen, haben sich erweitert. Früher waren es ganz klar die Journalisten. Die sind immer noch extrem wichtig. Aber daneben sind beispielsweise auch Blogger von Bedeutung. Einzelpersonen können einen erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung haben. Das kann man logischerweise nicht verallgemeinern: Für einen Schraubenhersteller ist das noch anders als für ein IT-Unternehmen. Aber in meinen Augen hat Social Media einen riesigen Einfluss auf den PR-Beruf.

t3n Magazin: Welche Rolle spielen denn Journalisten für Sie angesichts der Möglichkeiten in Social-Media-Kanälen?

Stefan Keuchel: Die hat sich gar nicht so sehr verändert. Social Media ist vielmehr ein weiterer Kanal, über den wir uns äußern können. Man darf außerdem nicht denken, dass die ganze Welt Social Media betreibt. Bei unserer Branche ist das zwar so, aber wenn man mal einen Realitätscheck im Freundes- und Bekanntenkreis macht, dann wird da noch immer gefragt, was denn eigentlich Twitter sei. Man muss sich nur einmal die Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland ansehen. Das hat noch viel Luft nach oben – positiv ausgedrückt. Die breite Masse an Menschen erreicht man noch immer über die klassischen Medien. Man denke da nur an einen Fernsehbericht. Aber Social Media und klassische Medien spielen auch immer mehr zusammen.

t3n Magazin: Hat das Aufkommen von Social Media Ihre Arbeit denn nun eher einfacher oder eher schwieriger gemacht?

Stefan Keuchel: Das kann man so gar nicht sagen. Es ist eine neue Dimension dazugekommen. Es ist natürlich zeitintensiv. Wenn man Social Media nicht machen müsste, könnte man sich auf reine Presse- und Journalistenarbeit konzentrieren. Bei Google aber beispielsweise ginge das gar nicht. Und wir wollen das auch gar nicht. Wir lieben die Möglichkeit, über diese Kanäle kommunizieren zu können. Es ist so gesehen nicht einfacher und nicht schwieriger geworden, sondern vielschichtiger.

Bei unserem Besuch des Hamburger Google-Büros haben wir zahlreiche Fotos der kunterbunten Einrichtung gemacht.

Newsletter

Bleibe immer up-to-date. Sichere dir deinen Wissensvorsprung!

Vorheriger Artikel Zurück zur Startseite Nächster Artikel
Eine Antwort
  1. von cephei am 22.06.2012 (17:12 Uhr)

    Von wann ist denn das Interview? Von vor 2 Monaten?? Die überschrift hab ich so auch schon irgendwo gelesen... naja, vielleicht sagt er einfach immer dasselbe oder wird ständig dasselbe gefragt ;P

    Antworten Teilen
Deine Meinung

Bitte melde dich an!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Aktuelles aus dem Bereich Google
Von Facebook bis YouTube – alle Social-Media-Bildgrößen für 2016 im Überblick [Infografik]
Von Facebook bis YouTube – alle Social-Media-Bildgrößen für 2016 im Überblick [Infografik]

Von Facebook über Instagram bis YouTube: Diese Infografik liefert alle Social-Media-Bildgrößen auf einen Blick. » weiterlesen

Social Media: Ab sofort könnt ihr auch Videos mit Buffer auf euren Kanälen teilen
Social Media: Ab sofort könnt ihr auch Videos mit Buffer auf euren Kanälen teilen

Das beliebte Social-Media-Werkzeug Buffer bietet jetzt auch Unterstützung für Videos. Damit könnt ihr auf einfache Art und Weise Clips direkt auf Facebook, Twitter, LinkedIn, Pinterest und Google+ … » weiterlesen

Erfolg mit Snapchat: Gratis-E-Book „Snap Me If You Can“ zeigt dir, wie es geht
Erfolg mit Snapchat: Gratis-E-Book „Snap Me If You Can“ zeigt dir, wie es geht

Nach seinem Google+-Einsteiger-Buch macht sich Philipp Steuer jetzt auf, Nutzern zu mehr Erfolg mit Snapchat zu verhelfen. Das neue Gratis-E-Book soll zeigen, wie man das Netzwerk für sich und seine … » weiterlesen

Alle Hefte Jetzt abonnieren – für nur 35 €

Kennst Du schon unser t3n Magazin?