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Karriere

Ich habe die neueste Gehirndroge des Silicon Valleys ausprobiert

    Ich habe die neueste Gehirndroge des Silicon Valleys ausprobiert

Nootropika? Der neueste Trend im Silicon Valley. (Grafik: t3n)

Nootropika werden in den USA mehr und mehr zur beliebten Gehirndroge, um konzentrierter und fokussierter arbeiten zu können. Unser Autor Andreas Weck ist dem Trend auf den Grund gegangen – mit einem Selbsttest.

Es ist Freitagmittag. Eine halbe Stunde nach dem Lunch. Die Uhr schlägt zwei und ich bin überrascht, wie rasant ich mich durch mein E-Mail-Postfach wühle. Normalerweise ist das nicht meine Zeit. Ich bin jemand, der nach dem Mittagessen viel zu oft in ein Loch fällt. „Futterkoma“ nennt man das angeblich. Ohne starken Kaffee geht dann in der Regel nichts mehr. Und selbst mit Kaffee, kann ich kaum behaupten, dass ich mich wie frisch aus dem Ei gepellt fühle. Aber heute ist irgendetwas anders. Heute bin ich voll konzentriert. Die Pause drückt ausnahmsweise nicht auf die Leistungsfähigkeit – als hätte ich nur einen Joghurt gegessen, dabei war es ein deftiges Chili con Carne.

Wie jeden Freitag habe ich auch heute ein spezielles Ziel vor Augen: „Inbox Zero“ steht auf dem Plan – und ich komme dem näher und näher. Der Motor für meinen sagenhaften Sprint könnte indes ein neues Hilfsmittel sein, das ich mir aus den USA einfliegen lassen und die Woche über eingenommen habe. Das Produkt heißt „RISE“ und ist ein Nootropikum – ein sogenannter „Brain Enhancer“ – von dem kalifornischen Startup Nootrobox. Die Gründer Michael Brandt und Geoffrey Woo werben damit, die besten ihrer Art zu verkaufen. „Aktiviere deine kognitive Leistungsfähigkeit – das Gedächtnis, den Fokus, die Motivation und die Energie“, heißt es auf der Webseite. Dem Ruf folge ich also und teste eine dieser „Gehirndrogen“ – wie sie vielerorts auch genannt werden. Jeden Tag eine Kapsel, seit nunmehr fünf Tagen. Mal morgens, mal mittags und mal abends.

Coden, coden und nochmals coden! Mit Modafinil und Nootropika die Leistung hochhalten?

Gehirndrogen wie „RISE“ sollen das Gedächtnis, den Fokus, die Motivation und die Energie ankurbeln. (Bild: t3n.de)
Gehirndrogen wie „RISE“ sollen das Gedächtnis, den Fokus, die Motivation und die Energie ankurbeln. (Foto: t3n.de)

Das ich von Anfang an richtig verstanden werde: Der Impuls sie zu schlucken, beruht nicht etwa auf einer tieferen Bereitschaft, mich ständig dopen zu wollen, sondern vielmehr auf einem journalistischen Interesse. Denn Nootropika feiern dieser Tage, vor allem in San Francisco und dem angrenzenden Silicon Valley, ein großes Revival – die intelligenten Drogen sind derzeit der letzte Schrei unter den Programmierern der kalifornischen Startup-Szene. Wer nach „Nootropics“ im Netz sucht, findet neben Erklärungstexten und Selbstversuchen auch dutzende Foren – beispielsweise einen durchaus interessanten Subreddit, der von echten Fanboys unter anderem mit Dosierungsratschlägen und Rezepten befeuert wird. Auf die Mittelchen bin ich im vergangenen Jahr aufmerksam geworden, als ich für sechs Monate im Tech-Mekka gelebt habe. Ein damaliger Mitbewohner zeigte sie mir, denn sie waren tatsächlich ein ständiger Begleiter in seinem Alltag.

„Nootropika haben eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem!“

Der Typ namens Sam nahm an einem dreimonatigen Kurs in einem dieser sogenannten Bootcamps in San Francisco teil, in denen sich junge Programmierer fit für die Arbeit in den Startups machen lassen. Zwölf-Stunden-Tage waren für ihn keine Seltenheit – coden, coden und nochmals coden. Einige Crash-Kurse in Sachen Javascript, Python und Ruby inklusive diverser Abschlussarbeiten standen an. Als wir an einem Abend dennoch Zeit für ein gemeinsames Bier fanden, hat er mir erzählt, wie er bei dem Pensum auf Linie bleibt – wie er gegen Müdigkeit und Antriebslosigkeit vorgeht. Sam nimmt hin und wieder einfach eine Modafinil-Tablette. Und für den kleinen Hänger zwischendurch gäbe es ja auch noch Nootropika. Dabei zückte er ein kleines Glas aus der Tasche, um mir zu zeigen, wovon er redet. Große Skepsis machte sich damals schon in mir breit. „Modafinil? WTF! Nootropika? Was soll das denn sein?“

Der Nootropika-Markt ist weitestgehend unreguliert

Der Markt für Nootropika wächst vor allem in den USA und ist weitestgehend unreguliert. (Bild: t3n.de)
Der Markt für Nootropika wächst vor allem in den USA und ist weitestgehend unreguliert. (Foto: t3n.de)

Ein paar hintergründige Informationen waren für meine Testwoche wichtig, um das Thema besser zu verstehen. Was man wissen muss, ist zum Beispiel, dass sich rund um Nootropika derzeit vor allem in den USA von Kalifornien aus ein stark wachsender und vor allem unregulierter Markt entwickelt. Die kognitiven Hilfsmittel sind jedoch keinesfalls neu. Der rumänische Doktor Corneliu E. Guirgea entwickelte bereits 1962 Piracetam, eine Substanz mit nootropischer Wirkung, die heute in Deutschland verschreibungspflichtig ist. 1972 prägte er den Begriff ganz allgemein in der Öffentlichkeit.

Im weitesten Sinne werden darunter Stoffe verstanden, denen eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem und somit auch auf die kognitive Leistung nachgesagt wird. Im wissenschaftlich-pharmakologischen Bereich spricht man jedoch häufig von echten Arzneimitteln, die als sogenannte Anti-Dementiva für die Behandlung einer Demenz zugelassen sind. Dabei unterscheiden Fachleute die Medikamente nach pflanzlichen und chemisch definierten Nootropika. Aber auch homöopathische Hilfsmittel zählen dazu.

Das Produkt, das ich von Sam kenne und seit einer Woche zu mir nehme, fällt auf jeden Fall nicht in die Arzneimittel-Kategorie und ist von der US-amerikanischen Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde FDA geprüft worden. Wie ich vorab erfahren konnte, ist es mit wesentlich schwächeren Inhaltsstoffen dosiert, als es bei einem echten Demenz-Medikament der Fall wäre. Das hat mich im Hinblick auf meine Testphase ungemein beruhigt – auch wenn dadurch absehbar war, dass der heftigste Produktivitätstrip meines Lebens ausbleiben könnte.

Eine „RISE“-Kapsel besteht aus drei Substanzen: 350 mg Bacopa, 100 mg L-Theanin und 50 mg Koffein – nichts davon ist in der Menge verschreibungspflichtig oder gar illegal. Bis auf Bacopa sind die anderen Stoffe sogar Bestandteil herkömmlicher Produkte, die wir im Alltag konsumieren. L-Theanin findet sich beispielsweise in grünem Tee. Die Menge an Koffein entspricht in etwa der Menge, die in einer Dose Cola enthalten ist. Soweit so gut.

Wirkung und Nebenwirkung einer Gehirndroge – die Meinungen gehen auseinander

Gehirndroge „RISE“-Kapseln von Nootrobox: 350 mg Bacopa, 100 mg L-Theanin und 50 mg Koffein. (Bild: t3n.de)
Gehirndroge „RISE“ von Nootrobox: 350 mg Bacopa, 100 mg L-Theanin und 50 mg Koffein. (Foto: t3n.de)

Dennoch: Ganz ohne Kritik sind die Substanzen nicht. Was die Branche gerne verschweigt, ist die Tatsache, dass es zu ihren Produkten keine Langzeitstudien bezüglich eventueller Nebenwirkungen auf das Gehirn gibt. Vor allem bei Nootropika, die im freien Handel erhältlich sind und nur leicht an der Grenze zum Arzneimittel vorbeischlittern, sollten nicht nur Nutzer vorsichtig sein – eigentlich sollte sogar der Verbraucherschutz einschreiten. Davon abgesehen sind in den USA aber auch viele nichtzugelassene Produkte auf dem Schwarzmarkt im Umlauf sowie zugelassene Produkte, deren Wirksamkeit wissenschaftlich umstritten ist. Vor allem über Nootropika mit Gingko als Hauptbestandteil wird in Fachkreisen debattiert, ähnlich beim Bacopa-Kraut. Der Vorwurf, dass die Branche leichtgläubigen Käufern nur „Schlangenöl“ andreht, schwebt über den Köpfen.

„Dass ich an diesem Freitag durch mein Postfach fege, könnte auch an ganz anderen Dingen liegen!“

Auch während meines einwöchigen Tests, lässt sich dahingehend keine genaue Aussage treffen. Tatsächlich kann ich weder von einer ziemlich eindeutigen Wirkung, die auf „RISE“ zurückführen ist, berichten, noch von einer Nebenwirkung, die mich an anderer Stelle aus dem Verkehr gezogen hat. Dass ich an diesem Freitag durch mein Postfach fege, könnte genau genommen auch an ganz anderen Dingen liegen. Beispielsweise an den zwei Flaschen Wasser, die ich heute getrunken habe und die ich sonst eher selten an einem halben Arbeitstag schaffe. Vielleicht wirkt die heutige Kapsel auch einfach wie ein Placebo und ich bilde mir das alles nur ein. An anderen Tagen, war ich jedenfalls mal mehr und mal weniger fit als heute – trotz regelmäßiger Einnahme. Einige Studien zeigen zudem, dass der Wirkungsgrad stark von der Neurochemie des jeweiligen Konsumenten abhängt, die wiederum auch an Gewicht, Schlafrhythmus oder Launen gebunden ist. Was also bei mir wirkt oder nicht wirkt, könnte bei anderen Menschen schon wieder ganz andere Ergebnisse nach sich ziehen.

Ferner, denke ich aber, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis derartige Produkte auch in Deutschland auf den Markt kommen. Die Bereitschaft sich zu dopen ist in der Gesellschaft nicht gerade gering. Anfang des Monats sorgte beispielsweise eine Studie der Krankenkasse DAK für Aufsehen, die zu dem Schluss kommt, dass fast drei Millionen Menschen hierzulande schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente geschluckt haben, um sich fit für den Job zu halten. Dass viele Studenten sich während der Prüfungsphasen mit Ritalin und Co. aufputschen, ist auch kein Geheimnis mehr. Nootropika werden da sicherlich mit Kusshand genommen. Vor allem, weil sie in der Szene als nicht ganz so heftige Alternativen gelten.

Fazit des Selbsttests: Ich würde Gehirn-Doping nicht empfehlen

Ob ich schlussendlich die Kapseln, Pillen und Pulver von Nootrobox oder anderen Mitbewerbern wie trueBrain oder Nootroo empfehlen würde? Nein, ich denke nicht. Zum einen glaube ich, dass gesunder Schlaf, ein oder zwei starke Kaffee und ausreichend Wasser am Tag kurzfristig den gleichen Effekt auf unsere kognitive Leistung haben dürften, wie die eher leichten „RISE“-Kapseln. Zum anderen fehlen mir unabhängige Studien, die die härteren Substanzen nicht nur auf Wirksamkeit, sondern auch auf Nebenwirkungen hin untersucht haben. Dass ich damit vor allem unter den Befürwortern im Silicon Valley als typisch deutscher Pessimist gelte, wird wohl nicht zu verhindern sein. Aber genau wie ich Muskelaufbau-Präparate ablehne – weil zwangsläufig jeder Bodybuilder, der irgendwann aufhört zu trainieren und sie absetzt, aussieht wie Jabba the Hutt von Star Wars – lehne ich auch Gehirn-Doping ab.

Vielleicht verkenne ich die Bewegung aber auch. Jede neue Entwicklungsstufe des menschlichen Gehirns ging bislang mit der Nahrung einher. Erst als wir beispielsweise anfingen Fleisch zu essen, begann unser Denkapparat anzuschwellen. Es gibt insofern nicht wenige Personen, die in Ergänzungsmitteln wie Nootropika eine Möglichkeit sehen, dass die Menschheit beginnt, noch mehr aus sich herauszuholen. Dennoch, das herauszufinden, überlasse ich lieber anderen – dafür ist mir mein Gehirn dann doch zu schade. Nennt mich ruhig „spießig!"

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8 Reaktionen
Tobias Jacobsen
Tobias Jacobsen

Eine Droge ist ein wenig übertrieben.

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Thomnas von BrainEffect
Thomnas von BrainEffect

Es gibt viele Gründe warum Menschen Nootropika kaufen, doch der Wunsch nach einer Leistungssteigerung für das Gehirn liegt auf der Hand. Man sollte jedoch bedenken, dass das Wort Gehirnleistung ganz unterschiedlich definiert wird. Manche erhoffen sich ein besseres Gedächtnis, während andere einfach fokussierter sein möchten. In den letzten Jahren wurde viel über die Wirksamkeit von Nootropika geforscht und es zeigte sich, dass die einzelnen Substanzen sehr unterschiedlich wirksam sind.
Jeder Mensch reagiert ganz unterschiedlich auf solche Nahrungsergänzungsmittel. Wenn man also Nootropika nimmt, dann heißt das nicht, dass man dabei die selbe Wirkung verspürt wie jemand anders.
Wer präventive Maßnahmen ergreifen möchte und den Leistungsabfall seines Gehirns verhindern möchte, dem seien die pflanzlichen Produkte der BrainEffect-Linie empfohlen (http://www.brain-effect.com).

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Dominik
Dominik

Warum in die Ferne schweifen? Ich erlaube mir mal auf unser Startup hinzuweisen: http://www.braincharger.de - rein natürlich, legal, "Made in Germany". Freue mich über Tester!

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cephei
cephei

Dem Artikel fehlt der Überbegriff "Galantamine".
Das Zeug kannst man auf Amazon (einige wenige Drogerien verkaufen das auch) bestellen und wird auch häufig für Lucid Dreaming eingesetzt.

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Christian
Christian

"Wie ich vorab erfahren konnte, ist es mit wesentlich schwächeren Inhaltsstoffen dosiert, als es bei einem echten Demenz-Medikament der Fall wäre. Somit gehört es wohl eher zu den Homöopathika"

Nein, gehört es nicht. Wäre es ein Homöopathika, wären auch keinerlei Wirkstoffe enthalten und es würde sich um ein reines Placebo handeln.
Wirkstoffe sind aber eindeutig in dem Medikament enthalten. - ob es über einen Placebo-Effekt hinaus wirkt ist eine andere Frage, die sich erst mit umfangreichen Studien feststellen lässt.

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Andreas Weck

Hey Christian, ich hab den Homöopathika-Satz nachgeschaut und gestrichen, kurz bevor du geantwortet hast. Hatte auf Twitter schon einen Hinweis in der Inbox.

Gruß, Andreas

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Melanie Bock
Melanie Bock

Der Autor nimmt keine Wachmacher, nur zwei starke Tassen Kaffee. Weiss der Autor eigentlich was er schreibt?

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Patrick
Patrick

Ist eine Droge wie jede andere auch = Psychosen nicht ausgeschlossen. Stichwort safer use....

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