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Kolumne

Innovativer arbeiten: Was Arbeitgeber sich bei Konferenzen abschauen sollten

    Innovativer arbeiten: Was Arbeitgeber sich bei Konferenzen abschauen sollten

(Foto: The Conference)

Im heutigen digitalen Zeitalter ist der Besuch einer Konferenz eine willkommene Abwechslung zu den Stunden im Büro. Konferenzen bieten, was uns am Arbeitsplatz beizeiten fehlt: Sie inspirieren, konfrontieren uns mit neuen Ideen, bringen uns mit anderen zusammen und schaffen eine lebendige Co-Working-Atmosphäre, beschreibt Tim Leberecht in seiner Silicon-Values-Kolumne.

Auf dem Web Summit oder SXSW, zum Beispiel, halten sich viele Besucher durchgehend in der Lobby auf, arbeiten an ihren Laptops oder networken. Konferenzen wie TED übertragen ihr Programm simultan in eine Lounge und geben Teilnehmern die Möglichkeit, die Talks zu hören und gleichzeitig zu arbeiten, zu twittern und sich mit anderen über die Inhalte der Talks zu unterhalten.

Was Führungskräfte von Konferenzmachern lernen können

TED
Auf TED-Konferenzen haben Besucher die Möglichkeit, den Vorträgen auch in der Lobby zu lauschen. (Foto: TED)

Wenn wir Konferenzen dafür schätzen, dass sie uns Impulse geben, zur Diskussion anregen, Trends bestimmen und Gemeinschaftsgefühl erzeugen, könnten wir diese Qualitäten nicht auf unseren Büroalltag selbst übertragen?

Dies ist nicht nur ein Gedankenexperiment – es wird bald eine Notwendigkeit sein. Unternehmen wetteifern um die besten Kräfte, top talentiert, bestens ausgebildet, global unterwegs: die „Millennials“, die bis zum Jahre 2020 weltweit die Mehrheit der Berufstätigen stellen werden. Für sie muss Arbeit mehr denn je inspirierend und sinnvoll sein. Gefragt sind sozialer Austausch, Interaktion und Diskussion, emotionale und intellektuelle Stimulierung, Wow- und Aha-Momente, Entertainment. Anders gesagt: Arbeit sollte wie eine Konferenz sein. Mit Chefs und Managern, die wie Konferenzmacher agieren. Wie lässt sich das anstellen? Hier ein paar konkrete Ideen, von einigen namhaften Event-Kuratoren selbst.

1. Intime Momente schaffen

Wissensarbeiter sind heutzutage mehr denn je auf verschiedene Standorte verteilt (und arbeiten vermehrt auch von zu Hause). Persönliche Treffen zwischen Mitarbeitern und Chefs werden seltener. Für Manager sind sogenannte „Off-Site“-Meetings oftmals die einzig verbleibende Möglichkeit, ihre Teams zu inspirieren und auf gemeinsame Aufgabenstellungen einzuschwören, sowie engere Beziehungen zu pflegen, die über die normale Büroroutine hinausgehen.

„Manager sollten Momente schaffen, die bleibenden Eindruck hinterlassen.“

Off-Sites haben gewaltigen Einfluss auf Unternehmenskultur und Mitarbeiter-Motivation. Dennoch machen sie nur wenige Chefs zu einer wirklichen Priorität. Das ist ein Fehler. Anstatt auf vorgefertigte Ergebnisse hinzuarbeiten, sollten Manager Momente schaffen, die bleibenden Eindruck hinterlassen und echten persönlichen Wandel bewirken, auch bei ihnen selbst.

Eine aktuelle Studie der Harvard-Divinity-School und eine gleichnamige Konferenz mit dem Titel „How to Gather“ untersuchte jüngst, wie Versammlungen und Team-Besprechungen ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen können. Hierzu bedarf es nach Einschätzung der Autoren eines „safe space“, einer intimen, vertrauensvollen Atmosphäre, in der jeder mutig seine verletzlichen Seiten zeigen kann – anders als in Meetings, in denen Mitarbeiter oft auf selbstbewusst machen und demonstrativ von ihren tollen Ergebnissen berichten. Manager können sich hierbei an Dinner-Reihen wie „Good People“, „Death Over Dinner“ oder „The Dinner Party“ orientieren, die in den USA gerade für viel Aufmerksamkeit sorgen. Die machen vor, wie man eine solchen „safe space“ schafft, weitgehend frei von hierarchischen Zwängen, offenherzig und authentisch.

Lisa Shufro, eine erfahrene Konferenz-Produzentin und die ehemalige Kuratorin von TEDMed und des Life-is-Beautiful-Festivals, sagt: „Konferenzen sind immer dann gut, wenn sie uns Wissbegierde, Lernen und Neugier erleben lassen. Licht, Location, Bühne, Catering, Programm und der komplette Ablauf spielen mit hinein. Es geht darum, etwas zu schaffen, was nicht alltäglich ist. Etwas, das uns dazu einlädt, unsere Komfortzone zu verlassen und Neues zu entdecken.“ Shufro meint: „Konferenzen sollten wie Konzerte unserer Lieblingsband sein – ein intimer und doch gemeinsam erlebter Moment, der einen ganz persönlichen Nerv trifft.“

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2. Eintauchen in das Leben anderer

Ob Home-Office, Telecommuting oder flexible Arbeitszeiten, selbst die hochmodernsten Arbeitsplätze funktionieren dann am besten, wenn ihnen gemeinsame Werte zugrundeliegen, ein inspirierender Unternehmensgeist, der ein Zugehörigkeitsgefühl über physische Grenzen hinweg erzeugt.

Dazu müssen Manager die Fähigkeit besitzen, temporäre Gemeinschaften, sogenannte „Adhocracies“ zu bilden: flexible Organisationsformen, geschaffen mit einem klar definierten, langfristigen Ziel und dennoch denkwürdig genug, um das gemeinsam Erlebte noch lange nachhallen zu lassen.

Konferenzmacher wissen, wie das geht. Gianfranco Chicco, der die Londoner Social-Media-Week organisiert, meint, dass jede Konferenz zugleich auch „eine soziale Bewegung ist.“ Monique van Dusseldorp, die Next und TEDx Amsterdam kuratiert, sagt: „Eine gelungene Konferenz lässt die Teilnehmer spüren, dass just in dem Moment etwas Wichtiges auf der Welt passiert und sie Teil davon sind. Jeder, der in verantwortlicher Position tätig ist, sollte auf ähnliche Art und Weise seinen Mitarbeitern ihre Rolle innerhalb einer größeren Bewegung versinnbildlichen.“

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Eine Konferenz bringt viele unterschiedliche Menschen an einem Ort zusammen. (Foto: The Conference)

Martin Thörnkvist, Organisator von The Conference, einer international renommierten Technologie-Konferenz im schwedischen Malmö, glaubt, dass Konferenzen ideal dafür sind, „Menschen aus verschiedenen Kulturen und Fachgebieten an einem gemeinsamen Ort zusammenzuführen, damit sie eben dort den ‚Anderen‘ treffen können.“

Dieses Experimentierfeld für das Andere und Fremde, für die Möglichkeit, sich in anderen Disziplinen und Welten zu bewegen, wird gegenwärtig noch einmal exponentiell größer durch den Einzug von Virtual Reality in unser Arbeitsleben. Die neue Technologie ermöglicht uns, privat und beruflich in anderen Realitäten unterwegs zu sein, mit ständig wechselnden Identitäten. Schon bald, so schätzt Facebook-Chef Mark Zuckerberg, werden 40 Prozent unserer gesamten sozialen Interaktionen auf Virtual-Reality-Plattformen stattfinden, jenen „Empathie-Maschinen“, die uns erlauben, in virtuelle und fremde Welten, in das Leben anderer, einzutauchen.

Diese neuen Welten werden neue Rollen und Charaktere erfordern, und die Manager von morgen werden sich mit Programmierern, Spiele-Entwicklern, Drehbuchautoren und sogar Dichtern umgeben: Ihre Kernkompetenz wird nicht mehr Zielsetzung und Organisation sein, sondern Choreographie und Dramaturgie.

3. Kleine und große Geschichten erzählen

Je flexibler und virtueller unsere Arbeit wird, desto mehr sind Manager dazu angehalten, Inhalte – „Programm“ – zu entwickeln, das über alle zeitlichen und räumlichen Grenzen hinweg motiviert und engagiert.

Konferenzmacher sind in dieser Hinsicht Experten. Gianfranco Chicco erklärt: „Beim Programmieren sollte man Klischees vermeiden und immer auf Originalität aus sein.“ Kuratoren wie er verstehen es individuelle, persönliche Geschichten zu einer großen, übergreifenden Erzählung zu verweben.

Diverse Bewegungen, wie zum Beispiel das „Quantum Storytelling“ (eine Denkschule, die sich kürzlich in Los Angeles zu einer ersten Big-Story-Konferenz traf) oder auch die Kollaborationsplattform Slack haben diesen Ansatz verinnerlicht und schon zum Teil einer neuen sozialen, story-basierten Arbeitskultur gemacht.

Einige Unternehmen suchen jetzt schon nach „Chief Storytellern“ oder stellen neben PR-Kräften Journalisten und sogar Schriftsteller und Dichter ein, um die Geschichte ihres Unternehmens zu erzählen.

Mehr und mehr Unternehmen und Organisationen nutzen zudem das TED-Talk-Format als Katalysator, um ihre Geschichte zu finden oder weiterzuentwickeln. TED selbst hat das TED-Institute ins Leben gerufen und hilft Firmen wie der Boston Consulting Group, UPS oder IBM dabei, maßgeschneiderte TED-Events zu produzieren, die Wissenstransfer, Innovationskultur und Firmenverbundenheit stärken.

4. Dem Unerwarteten Raum lassen

Indem sie einen Ort schaffen für das Unerwartete und Zufällige, bieten Konferenzen eine Alternative zu linearen, zunehmend algorithmisierten Arbeitsprozessen. Bruno Giussani, European Director von TED und Kurator von TEDGlobal und TED Summit, glaubt, dass „Menschen auf Konferenzen erleben wollen, was ihnen bei ihrer täglichen Arbeit nicht widerfährt: Momente des Unerwarteten, unvorgesehene Begegnungen, spontane, zufällige Kontakte.“ Giussani fordert: „Designe für das große Ganze, aber lass‘ immer Platz für kleine Zufälle.“

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Räume wie diese lassen auf Konferenten Platz für zufällige Begegnungen. (Foto: Wired)

Lisa Shufro ist überzeugt davon, dass „nicht die großen Namen der Redner eine gelungene Konferenz ausmachen, sondern dass es eben jene kleinen unerwarteten Momente sind.“ Shufro meint: „Für mich sind die Pausen die vielleicht wichtigsten Bestandteile einer Konferenz. Kurze Gespräche mit anderen können langfristig exponentielle Wirkung entfalten.“

Auch am Arbeitsplatz müssen die Manager und Chefs von morgen solche Begegnungen ermöglichen. Shufro ist der Ansicht, dass „die Arbeit einer guten Führungskraft unsichtbar bleibt“, genau wie die eines Kuratoren, der sein Ego hintenanstellt. „Es geht um Leichtigkeit, um Qualität, es sollte nie bemüht wirken“, so Shufro.

5. Kontrolle abgeben und improvisieren

Manager sollten bewusst Konrolle ab- und aufgeben.“

Das vielleicht attraktivste Konferenz-Format für Millennials ist die „Un-Conference“ – die selbst-organisierte Anti-Konferenz, die herkömmliche Muster bricht. Es ist nicht ganz ohne Ironie, dass gerade das ehrenwerte, immerhin schon 35-Jahre alte Renaissance-Weekend dafür die Pionierarbeit geleistet hat, lange bevor sich das Un-Conference-Konzept breiterer Popularität erfreute.

Allison Boyd Gelles, Executive Director der Reihe, glaubt, dass Konzept und Bestandteile ihres Formats durchaus anzuwenden sind auf den Arbeitsplatz: „Jeder kann von jedem etwas lernen. Niemand hat das Monopol auf Wissen. Und soziale Interaktionen sind genauso wichtig für wahres Verstehen wie Ideen von Experten“, so Gelles.

Auf dem Renaissance-Weekend darf (oder muss) jeder Teilnehmer mindestens eine Vorlesung halten, an einer Panel-Diskussion teilnehmen oder eine moderieren. Alles ist „off the record“, und obwohl das Programm formalisiert und durchgetaktet ist, besteht immer auch Raum für Spontanität.

Genauso kann und sollte auch Arbeit sein. Dies bedeutet, dass Manager eine hohe Toleranz entwickeln für das Ungewisse und bewusst Kontrolle ab- und aufgeben. In einer zunehmend komplexeren und schnelllebigen Arbeitswelt wird die Fähigkeit zu improvisieren immer unentbehrlicher.

„Im Business ist jeder Tag ein Event.“

Sowohl für Konferenzmacher und Führungskräfte steht heutzutage mehr auf dem Spiel denn je. Lisa Shufro sagt: „Es gibt keine Entschuldigung mehr für ein schlechtes Event. Und im Business ist jeder Tag ein Event.“

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„Im Business ist jeder Tag ein Event.“

Bruno Giussani von TED meint: „Eine Konferenz ist ein besonderer Moment, für den sich Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen für ein paar Stunden einem Kuratoren anvertrauen. Sie schenken dir ihre Zeit und Aufmerksamkeit. Das sind die kostbarsten Ressourcen von allen, denn sie können nicht zurückgenommen werden und sind auch nicht neu verhandelbar. Die Verantwortung des Kuratoren ist es, diese Zeit und Aufmerksamkeit bestmöglich zu nutzen.“

Besser lässt sich die Aufgabe von Führungskräften in der Arbeitswelt von morgen nicht beschreiben.

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